Hirntumor: Mediziner helfen Krebskranken mit Gentherapie

Manche Hirntumore sind unempfindlicher gegen eine Chemotherapie als die Stammzellen des Bluts. Den Krebs zu vernichten, ist also kaum möglich. Forscher haben den gefährdeten Blutzellen nun einen Schutzschild verpasst - per Gentherapie. Ein erster Pilotversuch verlief erfolgreich.

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Rote Blutkörperchen und Krebszelle (Grafik): Was greift die Chemotherapie stärker an?

Mittels einer Gentherapie wollen Ärzte Krebspatienten vor schweren Nebenwirkungen der Chemotherapie bewahren. In einer Pilotstudie haben US-amerikanische Forscher Blutstammzellen von drei Patienten gentechnisch verändert, die an einem Glioblastom, einem besonders aggressiven Hirntumor litten. Die Modifizierung machte diese sensiblen Zellen des Knochenmarks unempfindlich gegen ein bei der Krebstherapie verwendetes Zellgift. Normalerweise schwere Nebenwirkungen der Chemotherapie blieben aus, berichten die Forscher im Fachmagazin "Science Translational Medicine".

Die Strategie beseitige eine der größten Hürden für eine effektive Chemotherapie bei aggressiven Krebsformen, erklären Jennifer Adair und Brian Beard vom Fred Hutchinson Cancer Center in Seattle. Bisher könne man die hochgiftigen Mittel nur unterbrochen oder niedriger dosiert einsetzen, um die Patienten nicht zu gefährden.

"Man kann diese Therapie damit vergleichen, dass man sowohl auf die Tumorzellen als auch auf die Knochenmarkzellen feuert, aber den Knochenmarkzellen dabei einen Schutzschild verpasst", sagt Jennifer Adair. Der Schutzschild bestand aus einem Gen, das den Blutstammzellen dabei hilft, Schäden durch die Chemotherapeutika schnell zu reparieren. Dadurch überstehen sie die normalerweise extrem schädliche Behandlung mit einem Kombinationspräparat. Das Gen "PK140" wurde mit Hilfe eines veränderten Affenvirus im Labor in die aus dem Knochenmark kommenden Stammzellen eingefügt. Die modifizierten Zellen wurden den Patienten dann wieder gespritzt.

Prognose durch Gentherapie verbessert

"Nach der Transplantation der genetisch veränderten Blutstammzellen vertrugen die Patienten die Chemotherapie besser und ohne negative Nebeneffekte", sagt Studienleiter Hans-Peter Kiem von der University of Washington in Seattle.

Ein Patient starb 20 Monate nach Behandlungsbeginn am fortschreitenden Krebs, der zweite nach 14 Monaten. Der dritte Patient sei noch heute, 34 Monate nach der Behandlung, am Leben. Die Prognose für Patienten mit Glioblastom liegt nur bei etwas über einem Jahr.

Nach Ansicht der Forscher könnte die Gentherapie auch Patienten mit anderen Krebsformen helfen. Bestätige sich die positive Wirkung, ließen sich bessere Behandlungserfolge gerade bei den Tumoren erzielen, die ähnlich resistent gegenüber herkömmlichen Mitteln seien. "Die geringen Nebenwirkungen bei den Patienten deuten darauf hin, dass man dann höhere, effektivere Dosen von Chemotherapien verabreichen könnte", schreiben die Wissenschaftler.

Kosten schwer abzuschätzen

Für ihre Pilotstudie wählten die Forscher drei Patienten mit einem extrem aggressiven Hirntumor und denkbar schlechten Voraussetzungen für eine Behandlung: Die Zellen ihres Krebses produzieren ein Enzym, das sie gegen das Chemotherapeutikum immun macht. Um den Krebs dennoch bekämpfen zu können, muss dieses Mittel mit einem zweiten kombiniert werden, das dieses Enzym außer Gefecht setzt. Dieses Kombipräparat (Temozolomid und O6-Benzylguanin) zerstört jedoch die Blutstammzellen im Knochenmark. Wird es in zu hoher Dosierung oder zu häufig gegeben, gefährdet dies das Überleben der Patienten. Oft kann der Krebs deshalb nicht effektiv bekämpft werden. Diesen Effekt konnten die Ärzte durch die Gentherapie verhindern.

Studienleiter Kiem sagte SPIEGEL ONLINE, dass die Modifizierung der Zellen in etwa drei Tagen möglich sei und dementsprechend nicht sehr aufwendig. In Zukunft könne man diese Zeit eventuell auch auf ein oder zwei Tage verkürzen. Die Kosten für die Gentherapie seien zwar schwer abzuschätzen, er nehme jedoch an, dass die Behandlung nicht viel teurer werden dürfte als viele der neuen Krebsmedikamente.

wbr/dapd

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