Gerichtsentscheid Kleine Krankenhäuser dürfen Frühchen weiterhin behandeln

Frühgeborene sollten nur noch in großen Spezialkliniken betreut werden - das hatte eine bundesweite Neuregelung vorgesehen. Doch Sozialrichter haben den Plan jetzt gekippt: Für die bessere Leistung der großen Krankenhäuser gebe es keine Belege.

Frühchen (in einer Berliner Klinik, 2009): "Wissenschaftliche Belege nicht erbracht"
DPA

Frühchen (in einer Berliner Klinik, 2009): "Wissenschaftliche Belege nicht erbracht"


Potsdam - Frühgeborene dürfen weiterhin auch in kleineren Krankenhäusern versorgt werden. Das Landessozialgericht (LSG) Berlin-Brandenburg hat eine bundesweite Neuregelung gekippt, nach der nur noch große Spezialkliniken mit mindestens 30 Fällen pro Jahr Frühchen hätten behandeln dürfen. Das Gericht ist bundesweit für Streitfälle dieser Art zuständig, deshalb gilt das aktuelle Urteil in ganz Deutschland.

Die Neuregelung hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen beschlossen. Über 40 Kliniken aus ganz Deutschland hatten dagegen geklagt.

Aus Sicht des Gerichts konnte der GBA nicht nachweisen, dass durch die Mengenvorgabe automatisch auch die Qualität der Versorgung gewährleistet ist. "Die wissenschaftlichen Belege hierfür wurden nicht erbracht", sagte Gerichtssprecher Axel Hutschenreuther. Zudem kritisierten die Richter den Beschluss als willkürlich. Der GBA habe einerseits strikte Vorgaben für Frühgeborene bis 1250 Gramm gemacht, bei Neugeborenen mit einem Gewicht zwischen 1250 und 1500 Gramm dagegen nicht. "Dies ist nicht stimmig", so Hutschenreuther.

Kinderhilfe spricht von 60.000 Frühgeburten pro Jahr

Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Kommt ein Kind erheblich früher zur Welt, sind Organe und Körperfunktionen noch nicht vollständig ausgebildet. Das Baby wird als Frühchen geboren und braucht je nach Reifegrad intensivmedizinische Betreuung.

Die Chancen von Frühchen auf ein gesundes Leben hängen von der Schwangerschaftswoche ab. Ein Kind, das vor der 22. Woche geboren wird, gilt als nicht lebensfähig, allerdings gibt es auch um diese Frage juristische Auseinandersetzungen. Nach 22 bis 23 Wochen steigen die Überlebenschancen von rund 10 auf 50 Prozent an. Andererseits leidet durchschnittlich ein Drittel der betroffenen Kinder an schweren geistigen und körperlichen Behinderungen. Ab der 24. Woche steigen die Überlebenschancen auf mehr als 60 Prozent, Behinderungen sind aber weiter möglich.

Von einer späten Frühgeburt spricht man, wenn ein Kind zwischen der 34. und 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommt. Das Geburtsgewicht liegt dann meistens unter 2500 Gramm. Auch wenn äußerlich nur wenige Unterschiede zu Normalgeborenen bestehen, gelten diese Babys als anfälliger für Infekte und andere Komplikationen.

Kliniken fürchteten Verlust lukrative Patienten

Nach Angaben der Deutschen Kinderhilfe werden bundesweit jährlich etwa 60.000 Kinder zu früh geboren. Nach Auffassung von Ärzten haben Frühchen bessere Überlebenschancen, wenn sie in größeren Spezialkliniken zur Welt kommen. Eine entsprechende Regelung hatte zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft treten sollen. Mit Blick auf das Gerichtsverfahren hatte der GBA seinen Beschluss aber zunächst außer Vollzug gesetzt.

Geklagt hatten Krankenhäuser aus ganz Deutschland, besonders viele jedoch aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Auch aus der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg wehrten sich Kliniken gegen die Regelung. Die Krankenhäuser hatten unter anderem befürchtet, lukrative Patienten zu verlieren. Mit der Versorgung eines Frühgeborenen verdient eine Klinik über 100.000 Euro, wie LSG-Sprecher Hutschenreuther sagte. Auch längere Wege für Eltern wurden von den Krankenhäusern als Beweggründe genannt.

Die Kläger begrüßten nun das Urteil. "Dadurch bleiben qualitativ hochwertige Versorgungsstrukturen erhalten und können sinnvoll weiterentwickelt werden", erklärte ein Sprecher des St.-Franziskus-Hospitals in Münster. Auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) zeigte sich erfreut: "Die Qualität der Versorgung von Frühgeborenen im Land Brandenburg ist trotz der geringen Fallzahlen seit Jahren sehr gut."

Enttäuscht zeigte sich dagegen die Deutsche Kinderhilfe: "Das Gericht bewertet die Gewinnerwartung von Kliniken höher als die Überlebenschancen von Frühgeborenen", hieß es in einer Mitteilung.

chs/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.