Gerinnungshemmer: Arzneimittelbehörde meldet Hunderte Todesfälle

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Allein in Deutschland nehmen rund eine Million Menschen den Blutverdünner Marcumar ein - doch das Medikament ist unbeliebt. Mehrere Pharmaunternehmen haben Ersatzmittel entwickelt. Im Zusammenhang mit einem der Präparate kam es nach SPIEGEL-Informationen zu einer auffälligen Häufung von Todesfällen.

Hamburg - Weltweit sind im Zusammenhang mit dem neuartigen Gerinnungshemmer Dabigatran (Handelsname: Pradaxa) der Firma Boehringer Ingelheim bis Anfang November 256 Todesfälle gemeldet worden, das sind rund fünfmal mehr als bislang bekannt. Dies ergab eine Nachfrage des SPIEGEL bei der europäischen Arzneimittelbehörde European Medicines Agency. 21 der Todesfälle traten in Europa auf, vier davon in Deutschland.

Ob Dabigatran, das den bewährten aber unbeliebten Gerinnungshemmer Marcumar ersetzen und ein Blockbuster werden soll, tatsächlich ursächlich für den Tod der Menschen verantwortlich ist, ist zwar noch nicht geklärt; möglicherweise jedoch hatte das Mittel die Gerinnung so stark gehemmt, dass es zu den inneren Blutungen kam, an denen die gemeldeten Patienten verstorben sind.

Bereits Ende Oktober musste Boehringer Ingelheim einen "Rote-Hand-Brief" verschicken, in dem die Ärzte davor gewarnt werden, das Mittel Patienten zu verschreiben, deren Nieren nur noch schlecht funktionieren. Da das Medikament über die Nieren ausgeschieden wird, kann es sich in diesem Fall gefährlich im Körper anreichern.

Boehringer Ingelheim gibt an, weltweit von 260 Todesfällen zu wissen. Diese verteilten sich auf 410.000 "Patientenjahre" - die beispielsweise zusammenkommen, wenn 410.000 Patienten das Mittel ein Jahr lang einnehmen. Das Unternehmen nehme "alle Meldungen zu Nebenwirkungen und Todesfällen sehr ernst", heißt es zudem in einer Erklärung. Man sei jedoch "überzeugt, dass Pradaxa in der klinischen Praxis eine sichere und wirksame Therapie" darstelle. Wichtig sei es, dass Patienten das Mittel nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt absetzten. Tatsächlich könnte es in diesem Fall zu einem Schlaganfall kommen.

Der altbewährte Gerinnungshemmer Marcumar ist zwar kostengünstig und hoch wirksam - doch auch äußerst unbeliebt. Denn es gibt wohl keine andere Tablette, deren Einnahme so kompliziert ist: Wem Marcumar verschrieben wird - etwa nach einer Thrombose oder bei Vorhofflimmern -, der darf das Mittel nicht einfach regelmäßig schlucken wie jede andere Pille. Er muss vielmehr anfangs täglich, später mindestens monatlich zum Arzt, der dann feststellt, wie dünnflüssig das Blut tatsächlich geworden ist. Erst daraus errechnet er für jeden Patienten individuell die nötige Dosis des Medikaments. Außerdem schreckt das Wissen, dass der Wirkstoff in kaum veränderter Form auch als Rattengift verwendet wird.

Jetzt gibt es gleich drei neue Medikamente ohne die lästigen Tests für jene rund eine Million Menschen, die allein in Deutschland das Mittel einnehmen müssen.

Neben Dabigatran, das bereits seit längerem zur Vorbeugung gegen Thrombosen nach Hüft- und Kniegelenksersatz dient und seit September auch zur Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern eingesetzt werden darf, sind dies Rivaroxaban (Handelsname: Xarelto) von Bayer, das Anfang November in den USA die entsprechende Zulassung bei Vorhofflimmern erhielt und Apixaban (Handelsname: Eliquis), das Bristol-Meyrs-Squibb und Pfizer vermutlich im nächsten Jahr zur Therapie des Vorhofflimmerns auf den Markt bringen wollen.

Der Marcumar-Ersatz gilt als künftiges Milliardengeschäft. Schon mit den Blutverdünnern alten Typs setzte die Industrie 2010 weltweit rund fünf Milliarden Dollar um. Bis 2015, schätzen Experten, wird der Markt auf über elf Milliarden Dollar anschwellen.

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