Gerinnungshemmer Boehringer bestätigt Todesfälle durch Schlaganfall-Mittel

Weltweit sind rund 50 Menschen nach der Therapie mit dem neuen Gerinnungshemmer Pradaxa gestorben. Vor allem für Patienten mit Nierenleiden kann die Arznei gefährlich werden, warnt Hersteller Boehringer Ingelheim jetzt.

Gerinnungshemmer Pradaxa: Gefährlich für Patienten mit Nierenproblemen
Boehringer Ingelheim

Gerinnungshemmer Pradaxa: Gefährlich für Patienten mit Nierenproblemen


Ingelheim - Mehrere Todesfälle in Deutschland werden mit Schlaganfall-Mittel Pradaxa der Firma Boehringer Ingelheim in Verbindung gebracht. Eine genaue Zahl nannte Reinhard Malin, Sprecher des zweitgrößten deutschen Pharma-Unternehmens, am Mittwoch nicht. Die von der Wochenzeitung "Die Zeit" genannte Zahl von weltweit 50 Todesfällen sei aber "realistisch".

Das japanische Gesundheitsministerium hatte bereits im August vor Komplikationen mit dem neuen Präparat gewarnt. Bei 81 Patienten seien schwere innere Blutungen aufgetreten, einige seien gestorben.

Das Präparat beinhaltet den Wirkstoff Dabigatranetexilat. Eingesetzt wird es zur Vorbeugung von Schlaganfällen bei Risikopatienten mit Herzrhythmusstörungen. Das Präparat ist von der Europäischen Arzneimittelbehörde genehmigt worden und in Deutschland seit September auf dem Markt, in den USA bereits seit einem Jahr. Weltweit wurden laut Hersteller bereits 450.000 Menschen damit therapiert.

Der Boehringer-Sprecher erläuterte, als Gerinnungshemmer verhindere Pradaxa, dass sich Blutgerinnsel bilden und dadurch Schlaganfälle ausgelöst werden. Bei Patienten mit beeinträchtigter Nierenfunktion könne allerdings das Ausscheiden des Arzneimittels gestört werden, so dass sich die Wirkstoffkonzentration im Blut erhöht. Dabei könne es zu mitunter lebensbedrohlichen inneren Blutungen etwa im Magen-Darm-Trakt aber auch im Gehirn kommen. Diese Nebenwirkungen seien bei gerinnungshemmenden Arzneimitteln allerdings allgemein bekannt.

Die Behörden fordern nun ausdrücklich eine Überprüfung der Nierenfunktion vor Therapiebeginn und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ruft Ärzte dazu auf, alle beobachteten Nebenwirkungen zu melden.

Als Konsequenz aus den Todesfällen hat Boehringer in Absprache mit den Aufsichtsbehörden verbesserte Informationen an Fachärzte verschickt. Darin hat der Konzern Ärzte europaweit aufgefordert, vor der Verschreibung die Nierenfunktion der Patienten genau zu überprüfen. Patienten mit schweren Nierenschäden sollte das Mittel grundsätzlich nicht verabreicht werden. "Es gibt aber keine Notwendigkeit, das Präparat vom Markt zu nehmen", sagte Unternehmenssprecher Malin.

In einer Stellungnahme auf der Internetseite von Boehringer Ingelheim schreibt das Unternehmen: "Die klinische Wirksamkeit und das Sicherheitsprofil von Pradaxa sind vorteilhaft und bleiben unverändert, auch angesichts kürzlich erschienener Medienberichte über Fälle von tödlich verlaufenen Blutungen. Ernste Fälle von Blutungen können bei jeder Therapie mit Anti-Koagulanzien auftreten, auch bei Pradaxa."

hei/dapd



insgesamt 6 Beiträge
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felix2011 03.11.2011
1. Wirkliche Innovationen?
Es zeigt sich wiedermal wie wichtig es ist, dass Pharma-Innovationen einer sorgsamen unabhängigen Prüfung und Bewertung bedürfen. Es stellt sich stets die Frage welche Vorteile die neue zum teil offensiv beworbene neue Substanz mit sich bringt. Zur Verhinderung von Schlaganfälle bei bestimmten Herzrhythmusstörungen sind mit Phenprocoumon und Warfarin bereits wirksame und preiswerte Substanzen, mit weitreichender Erfahrung der Ärzteschaft etabliert.
kv-knecht 03.11.2011
2. Pradaxa ist gefährlich, unnötig und teuer!
Obwohl die Todesfälle in Japan bereits bekannt waren, versucht die Firma Boehringer dieses Präparat seit September sehr aggressiv auf dem deutschen Markt einzuführen. Pharmavertreter scheuen nicht davor zurück, Ärzten pauschal einen Kunstfehler zu unterstellen, wenn sie ihre aufgrund Vorhhofflimmerns marcumarisierten Patienten nicht unverzüglich auf Pradaxa umstellten, denn dies sei nun die Standardtherapie! Nach einer solchen Aussage habe ich den betreffnden Pharmavertreter meiner Praxis verwiesen. Im Vergleich zum herkömmlichen Phenprocoumon (Marcumar) besteht m.E. kein medizinischer Vorteil für Pradaxa, aber viel höhere Risiken. Es ist zudem extrem teuer. Die Tagestherapiekosten betragen ca. 7,30 €, im Quartal kommen über 600€ zusammen! Marcumar dagegen kostet nur ca. 0,25 € bei einer Tablette pro Tag (weniger als 22€ im Quartal). Pradaxa erfüllt nicht die vom SGB geforderten "WANZ-Kriterien". Eine ärztliche Verordnung hat demnach wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig zu sein. Und es verletzt eklatant den Grundsatz "primum non nocere" (zuerst einmal nicht schaden)! Beim Lipobay-"Skandal" haben 50 Todesfälle ausgereicht, damit das Präparat vom Markt verschwindet. Wieviele Todesfälle dürfen es denn bitte für Pradaxa sein? 50 genügen ja offenbar nicht!
wurschy 03.11.2011
3. Naturmittel sind besser
Es gibt für viele gefährliche "Medizinische Innovationen" völlig ungefährliche Naturmittel.So ist Chillikonzentrat ein seit Jahrhunderten in Asien verwendetes Blutverdünnungsmittel. Das viele Medikamente aus künstlich nachgebauten natürlichen Heilmitteln bestehen,ist wenig bekannt.Allerdings sind Diese (noch) nicht patentierbar.Künstliche Stoffe sind aber für den Körper weniger verträglich.
lotoseater 03.11.2011
4. Verallgemeinerung = falsch
Zitat von wurschyEs gibt für viele gefährliche "Medizinische Innovationen" völlig ungefährliche Naturmittel.So ist Chillikonzentrat ein seit Jahrhunderten in Asien verwendetes Blutverdünnungsmittel. Das viele Medikamente aus künstlich nachgebauten natürlichen Heilmitteln bestehen,ist wenig bekannt.Allerdings sind Diese (noch) nicht patentierbar.Künstliche Stoffe sind aber für den Körper weniger verträglich.
Danke für diesen lehrreichen Beitrag: Natürlich ist es eben nicht immer so. Ein ganz einfaches Beispiel, das jeder kennt: Salicylsäure aus der Weidenrinde ist ein natürliches Schmerzmittel, macht aber Magenprobleme. Das künstlich hergestellte Derivat, die Acetylsalicylsäure ist dagegen wesentlich besser verträglich. Ihr Beitrag strotzt vor plumpen Verallgemeinerungen. Mit solchen Verallgemeinerungen liegt man nahezu immer falsch. Immer dieses "fühlen statt denken". Ich kann es nicht mehr hören. Ständig dieses "Künstlich ist böse und ungesund, natürlich ist gut und gesund". Derart primitive Aussagen fühlen sich erst mal richtig an, aber nur so lange, wie man nicht drüber nachdenkt.
kyc 03.11.2011
5. Ich geiz nicht nach Titeln...
Zitat von kv-knechtObwohl die Todesfälle in Japan bereits bekannt waren, versucht die Firma Boehringer dieses Präparat seit September sehr aggressiv auf dem deutschen Markt einzuführen. Pharmavertreter scheuen nicht davor zurück, Ärzten pauschal einen Kunstfehler zu unterstellen, wenn sie ihre aufgrund Vorhhofflimmerns marcumarisierten Patienten nicht unverzüglich auf Pradaxa umstellten, denn dies sei nun die Standardtherapie! Nach einer solchen Aussage habe ich den betreffnden Pharmavertreter meiner Praxis verwiesen. Im Vergleich zum herkömmlichen Phenprocoumon (Marcumar) besteht m.E. kein medizinischer Vorteil für Pradaxa, aber viel höhere Risiken. Es ist zudem extrem teuer. Die Tagestherapiekosten betragen ca. 7,30 €, im Quartal kommen über 600€ zusammen! Marcumar dagegen kostet nur ca. 0,25 € bei einer Tablette pro Tag (weniger als 22€ im Quartal). Pradaxa erfüllt nicht die vom SGB geforderten "WANZ-Kriterien". Eine ärztliche Verordnung hat demnach wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig zu sein. Und es verletzt eklatant den Grundsatz "primum non nocere" (zuerst einmal nicht schaden)! Beim Lipobay-"Skandal" haben 50 Todesfälle ausgereicht, damit das Präparat vom Markt verschwindet. Wieviele Todesfälle dürfen es denn bitte für Pradaxa sein? 50 genügen ja offenbar nicht!
Die TTK 150mg/110mg N3 sind zwar in Wirklichkeit nur die Hälfte des genannten Preises, aber man bekommt es trotzdem nicht geschenkt. Mich interessiert, wieviele Todesfälle es mit Markumar seit seiner Einführung vor einen halben Jahrhundert bis zur Etablierung als Standardtherapie gab. Ist ja auch ein potenter Blutverdünner. Soweit ich weiß, hilft bei akuten Blutungen auch kein Vitamin K, sondern nur Blutkonserven. Pharmavertreter sind übrigens seit Jahren vom aussterben bedroht und werden wohl in absehbarer Zeit immer weniger nerven. Gruß, kyc
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