Flugsicherheit Lässiger Umgang mit der Piloten-Psyche

Der Absturz von Germanwings-Flug 9525 offenbart eine potenzielle Sicherheitslücke in der Fliegerei: Psychologische Tests sind bei der Ausbildung von Verkehrspiloten nicht vorgeschrieben - und finden auch später so gut wie nicht mehr statt.

Piloten im Cockpit: Risikofaktor Psyche?
Corbis

Piloten im Cockpit: Risikofaktor Psyche?

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Der Verkehrspilot ist ein Unikum im Arbeitsleben: In wohl keinem anderen zivilen Beruf hat man tagtäglich so viele Menschenleben in der Hand wie am Steuerknüppel eines Passagierflugzeugs. Der Absturz von Germanwings-Flug 9525, der offenbar absichtlich vom Co-Piloten Andreas Lubitz herbeigeführt wurde, hat das auf tragische Weise deutlich gemacht.

Zwar sind nur äußerst wenige Flugzeugabstürze bekannt, bei denen ein Selbstmord des Piloten als Ursache vermutet wird. Doch während Gesetzgeber und Luftfahrtbranche seit den Anschlägen vom 11. September mit ungeheurem Aufwand versuchen, die ebenfalls seltenen Terrorattacken im Luftverkehr zu verhindern, gehen sie mit den Gefahren durch psychische Probleme der Piloten erstaunlich gelassen um.

"Es gibt keine gesetzliche Vorschrift für eine psychologische Prüfung bei der Ausbildung von Piloten", sagt etwa der Hamburger Arbeitspsychologe Klaus-Martin Goeters. Auch später würden die Piloten kaum mit psychologischen, geschweige denn psychiatrischen Fragen behelligt. Zwar sei die Psychiatrie Teil der flugmedizinischen Untersuchungen, die Piloten regelmäßig absolvieren müssten. "Aber Fliegerärzte sind in aller Regel nicht psychiatrisch geschult", so Goeters. Zudem müsse ein Pilot nicht erst suizidgefährdet sein, um zum Sicherheitsrisiko zu werden. "Auch eine Suchterkrankung oder eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit können schon gefährlich sein."

Airlines sparen durch Psychotests Millionen

Goeters, 72, leitete von 1986 bis 2005 die Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. In dieser Zeit führte er zahlreiche psychologische Eignungstests für angehende Flugzeuglenker durch, vor allem für die Lufthansa. Doch nicht alle Airlines lassen ihr Personal psychologisch testen. Der Grund, es dennoch zu tun, ist nicht nur die Sicherheit - sondern auch das Geld.

"Die Ausbildung eines Piloten kann mehr als hunderttausend Euro kosten", sagt Goeters. "Entsprechend teuer ist es für den Arbeitgeber, wenn ein Kandidat die Ausbildung abbricht." DLR-Luftfahrtpsychologe Viktor Oubaid hat das in einem öffentlich zugänglichen Vortrag vorgerechnet. Findet eine psychologische Vorauswahl statt, fallen demnach nur drei Prozent der Bewerber durch. Ohne den Test seien es 40 Prozent. Airlines können durch die Untersuchungen also viele Millionen Euro sparen.

Ist der Pilot erst einmal ausgebildet und eingestellt, fällt der finanzielle Anreiz für weitere Tests dagegen weitgehend weg. Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass es im weiteren Pilotenleben praktisch keine psychologischen Untersuchungen mehr gibt. Das sei prinzipiell nicht üblich und gesetzlich auch nicht vorgesehen, erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Donnerstag.

Carsten Spohr im Video: Ratlos über das Motiv des Co-Piloten

Am Steuer trotz psychischer Störungen

Ohnehin zielen die Untersuchungen vor der Ausbildung nicht darauf ab, psychische Probleme zu erkennen. Stattdessen geht es um Dinge wie Belastbarkeit, Kopfrechnen, logisches Denken, Gedächtnis- und Kommunikationsfähigkeit, Raumorientierung oder Multitasking. "Sicherlich kann ein solches Verfahren nicht alle Risiken einer individuellen negativen Entwicklung ausschließen, zumal die Diagnostik psychiatrischer Auffälligkeiten nicht Teil der psychologischen Untersuchung beim DLR ist", schrieb DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner am Donnerstag in seinem Blog.

Zwar legt eine EU-Verordnung fest, dass die Krankengeschichte von Pilotenbewerbern keine sicherheitsrelevanten psychiatrischen Probleme enthalten darf. Affektive und neurotische Störungen, zu denen auch Depressionen gehören, sowie Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sind aber keine Ausschlusskriterien. Wer eine "zufriedenstellende psychiatrische Beurteilung" vorweisen kann, darf laut der EU-Richtlinie trotzdem ein Verkehrsflugzeug lenken.

Todespilot Andreas Lubitz soll während seiner Pilotenausbildung an Depressionen gelitten haben. Die Lufthansa bestätigte, dass Lubitz seine Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule in Bremen unterbrochen hatte. Er sei aber zuletzt "flugtauglich ohne jegliche Einschränkungen" gewesen, sagte Lufthansa-Chef Spohr.

Im beruflichen Alltag von Piloten wird erst dann eingegriffen, "wenn konkrete Vorfälle aufgetreten sind", sagt Goeters. So seien Piloten aufgrund gesetzlicher Vorschriften verpflichtet, auffälliges Verhalten von Kollegen während der Dienstzeit zu melden, betonte auch Lufthansa-Chef Spohr. "In solchen Fällen kann die zuständige Behörde dann psychologische Tests veranlassen", erklärt Goeters.

Psychische Probleme aber schon vor konkreten Vorfällen zu identifizieren, sei kaum möglich. Die regelmäßigen Untersuchungen durch Fliegerärzte seien dafür "ein relativ grober und nicht sehr empfindlicher Filter", sagt Goeters.

Die Zahlen von DLR-Psychologe Oubaid zeigen, dass psychische Probleme unter Pilotenbewerbern durchaus verbreitet sind. Bei 26 Prozent der Problem-Flugschüler, die in Checks versagt haben, unsicher geflogen sind und Unfälle oder Beinahe-Unfälle verursacht haben, seien "allgemeine Verhaltensprobleme" aufgetreten.

Noch besorgniserregender war eine Analyse von 2070 sicherheitsrelevanten Flugereignissen. Menschliche Fehler und "soziale Faktoren" haben demnach 15 Prozent davon ausgelöst und waren an weiteren 69 Prozent beteiligt. Sie seien "in Kombination mit technischen und operationellen Problemen das gefährlichste Gemisch", so Oubaid. "Durch soziale Spannungen ist das Risiko für einen sicherheitskritischen Vorfall fünffach erhöht." Zum Vergleich: Technisches Versagen war für nur fünf Prozent der sicherheitsrelevanten Vorfälle verantwortlich.


Anmerkung der Redaktion am Freitagabend, 27.3.: Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt, Andreas Lubitz wird eine Person der deutschen Zeitgeschichte.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

Zum Autor
Markus Becker ist Ressortleiter Wissenschaft bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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flusser 27.03.2015
1.
Ich kann dieses Hysterie nicht verstehen. Piloten sind gut ausgewählt, wenn einer nicht alle Tassen im Schrank hat, ist das tragisch aber leider nicht wirklich zu verhindern. Wollen wor demnächst noch alle Busfahrer Psychologisch testen, damit sie uns dem vollbesetzen Bus nicht über die nächste klippe lenken?
Dr.Watson 27.03.2015
2. Och Joh!
"In wohl keinem anderen zivilen Beruf hat man tagtäglich so viele Menschenleben in der Hand wie am Steuerknüppel eines Passagierflugzeugs."? Schon einmal den ÖPV genutzt? Wäre mir übrigens neu, das die dort mit dem Transport von Personen beauftragten Mitarbeiter, psychologisch auf ihre Tauglichkeit getestet werden. Was ist mit dem Personal von AKW's - werden die regelmässig psychologisch gecheckt?
Sinea 27.03.2015
3. @flusser
Hätten Sie Ihr Kind oder Ihren Partner bei dem Unglück verloren, würden Sie sicher nicht so distanziert, gefühlskalt argumentieren. Zu 100% ausschließen kann man so eine Tat eines vermutlich psychisch kranken Menschen sicher nicht. Aber ich hoffe sehr, dass die für Flugsicherheit Verantwortlichen nun mit der erforderlichen Sorgfalt prüfen, wie man das Risiko weiter minimieren kann, z.B. durch verbesserte und regelmäßige psychologische Begutachtung. Möglicherweise muss man Piloten mit einer depressiven Erkrankung, so hart dies im Einzelfall sein mag, tatsächlich von diesem Beruf ausschließen. Andere Erkrankungen wie z.B. Diabetes sind schließlich auch ein Ausschlusskriterium. Mein Mitgefühl gilt allen Angehörigen, die bei der Katastrophe einen geliebeten Menschen verloren haben, auch den Angehörigen des Copiloten.
Havel Pavel 27.03.2015
4. Tests wie bei Kampfpiloten?
Würde man bei Piloten der Zivilluftfahrt die gleichen strengsten Tests wie bei Kampfpiloten zu Grunde legen gäbe es massive Nachwuchsprobleme! Ich weiss aus Kameradenkreisen, dass viele Anwärter zum Strahlflugzeugführer der Bundeswehr, die bestimmte Eignungstets nicht bestanden haben schlisslich sich bei LH als Anwärter zum Flugkapitän bewarben und dort alle Tests mit Leichtigkeit bestanden haben! Sicher müssen zivile Flugzeugführer nicht dieselben hohen Ansprüche erfüllen wie ein Kampfpilot aber in psychischer Hinsicht sollten doch wenigstens die gleichen hohen Anforderungen erfüllt werden. Warten wir es ab was sich tun wird. Sicherlich werden nach den jetzigen zu Recht bestehenden Aufregungen die Wogen sich schon bald wieder legen und alles geht so weiter wie bisher mit vielleicht kleinen Anhebungen des Anforderungsprofils.
Widerstandsgewächs 27.03.2015
5. mag ja richtig sein,
aber wer schützt uns vor den Psychologen. Ich kenne und kann SPON namentlich benennen, drei Psychologen die nicht nur Gefälligkeitsgutachten erstellen, sondern außerdem Menschenleben und menschliche Gesundheit durch ihr Verhalten gefährdet haben. Besonders traurig, eine davon ist für das Schicksal von Strafgefangenen zuständig und glänzt durch Titel und Verbindungen zu Gerichten bzw. der Justiz, ist aber nachweißlich ganzlich unfähig, ja geradzu kriminell unfähig kassiert aber zig tausende für ihre Gutachten!
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