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Germanwings-Absturz: Was die Leiche des Co-Piloten verraten könnte

Französischer Gendarm: Dutzende Rechtsmediziner versuchen, die Leichenteile der 150 Opfer zu identifizieren Zur Großansicht
DPA

Französischer Gendarm: Dutzende Rechtsmediziner versuchen, die Leichenteile der 150 Opfer zu identifizieren

Warum steuerte Andreas Lubitz das Germanwings-Flugzeug in die Felswand? Ermittler suchen in seinem Umfeld nach einer Erklärung, auch die Leiche des Co-Piloten könnte Hinweise liefern.

Es ist ein Job, den man macht, weil ihn irgendjemand machen muss. Seit dem Absturz des Germanwings-Airbus A320 in den französischen Alpen am Dienstag versuchen Rettungskräfte, Leichenteile in dem schwer zugänglichen, mehrere Hektar großen Gelände zu bergen. Dutzende DNA-Spezialisten und Rechtsmediziner arbeiten daran, die geborgenen Überreste der 150 Opfer zu identifizieren.

Den Angehörigen wird der DNA-Abgleich letzte Gewissheit geben und die Möglichkeit, sich bei einer Beerdigung zumindest an einem Sarg oder einer Urne zu verabschieden. Das gilt auch für die Eltern, Verwandten und Freunde des Co-Piloten Andreas Lubitz, der die Maschine offenbar absichtlich abstürzen ließ.

Laut "Bild am Sonntag" haben französische Ermittler bereits Leichenteile des 27-Jährigen entdeckt. Der Ermittler von der Staatsanwaltschaft Marseille widersprach dem allerdings. "Es sind vertiefte DNA-Recherchen nötig, im Institut für Kriminalitätsforschung der National-Gendamerie", so Robin. Doch wann auch immer die Übereste des jungen Mannes gefunden werden, sie werden nicht nur die Angehörigen beschäftigen, sondern könnten auch für die Rekonstruktion des Absturzes interessant werden.

Noch sind viele Fragen offen: Nahm Lubitz, der an einer psychischen Erkrankung gelitten haben soll, Psychopharmaka? Hat er kurz vor seiner Entscheidung oder nachdem er den Piloten ausgesperrt hatte, Medikamente oder Drogen geschluckt? Oder war möglicherweise alles ganz anders?

Chancen und Grenzen der Rechtsmedizin

Ob sich diese Fragen bei einer Obduktion der Leiche klären lassen, hängt hauptsächlich davon ab, wie viel vom Körper des Co-Piloten übrig ist. "Ein frischer Herzinfarkt dürfte schwer nachweisbar sein", erklärt Wolfgang Huckenbeck vom Institut für Rechtsmedizin der Uni-Klinik Düsseldorf. Prinzipiell solle das aber versucht werden.

Um einen Herzinfarkt nach dem Tod zu erkennen, braucht man möglichst viel Gewebe. So könnten etwa ein verschlossenes oder stark verengtes Herzkranzgefäß oder frühzeitig abgestorbenes Herzmuskelgewebe auf einen Infarkt hindeuten. Herzkranzgefäße versorgen das Herz mit Blut. Verstopfen sie, sterben Zellen des Herzmuskels ab.

Nachweisen ließe sich ein Herzinfarkt auch über eine Blutuntersuchung - falls man genug Blut findet. Funktioniert das Herz nicht mehr richtig, sendet der Körper spezielle Enzyme aus, die dann im Blut zu finden sind. "Beim urplötzlichen Herztod dürfte aber auch das kaum gelingen", so Huckenbeck.

Nachweis von Psychopharmaka

Medikamente, die typischerweise bei psychischen Erkrankungen eingenommen werden, können grundsätzlich nach dem Tod eines Menschen in seinem Körper nachgewiesen werden. Auch dafür brauche man allerdings ausreichend Blut oder Gewebe, erklärt Huckenbeck.

Laut der Staatsanwaltschaft Düsseldorf ist bislang bekannt, dass Lubitz wegen einer Erkrankung in ärztlicher Behandlung war und seinem Arbeitgeber Krankschreibungen verheimlicht hat. Auch haben die Ermittler offenbar Hinweise auf eine psychische Krankheit gefunden. Um welche Erkrankung es sich genau handelte und ob Lubitz medikamentös behandelt wurde, ist allerdings offen.

Je nach Medikament und Dosis sammeln sich die Stoffe zunächst im Blut an, treten von dort aber auch ins Gewebe über und sind unter Umständen auch Wochen später noch zu finden. Auch Abbauprodukte von Medikamenten oder Drogen, die entstehen, wenn der Körper die Stoffe verarbeitet, lassen sich teils noch lange nachweisen.

Eine viel diskutierte Möglichkeit, die das plötzliche Schweigen des Co-Piloten im Cockpit erklären könnte, lässt sich dagegen nicht klären. "Bewusstlosigkeit kann nicht nachgewiesen werden", erklärt Huckenbeck. Er geht davon aus, dass andere Organerkrankungen keine Rolle gespielt haben. Wenn man Medikamente nachweise könne, sei dies das sicherste Ergebnis.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

jme/ Mit Material von AFP

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Cockpit-Regel bei Fluggesellschaften
Region
Europa Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (Easa) empfiehlt die Einführung der Zwei-Personen-Regel.
Deutschland Alle Fluglinien haben sich auf die Einführung der Zwei-Personen-Regel ab sofort verständigt
Österreich Regierung führt Zwei-Personen-Regelung ab sofort ein
Regel angekündigt/jetzt eingeführt außerdem bei EasyJet, Norwegian Air Shuttle, Icelandair, Virgin Atlantic, Monarch, Thomas Cook Airlines (GB), Air Baltic, SAS, Air France, KLM
Regel bestand vor Absturz bei Jet2, Flybe, Ryanair, Czech Airlines, Travel Service, Finnair
USA Zwei-Personen-Regel ist in den Richtlinien der Flugsicherheitsbehörde FAA vorgeschrieben
Kanada Zwei-Personen-Regel war nicht vorgeschrieben, ist jetzt eingeführt
Regel bestand vor Absturz bei Air Transat
Asien
Regel angekündigt/jetzt eingeführt bei Emirates, Etihad
Regel bestand vor Absturz bei indischen Fluglinien (Regel vorgeschrieben), Singapore Airlines
Ozeanien
Regel angekündigt/jetzt eingeführt Neuseeland, Australien
Die Liste ist nicht vollständig und gibt den derzeitigen Kenntnisstand wieder (27. März, 18.30 Uhr)

Notfallnummern Germanwings-Absturz
Auswärtiges Amt
030 / 50 00 30 00
Flughafen Düsseldorf
0800 / 77 66 350
Germanwings
0800 / 11 33 55 77
Flughafen Barcelona
0034 / 900 808 890

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