Geschlechtskrankheit: Forscher entdecken resistenten Tripper-Keim

Mediziner sind alarmiert: In Japan ist ein Gonorrhö-Keim aufgetaucht, der besonders resistent gegen Antibiotika ist. Sollte sich der Bakterienstamm weltweit verbreiten, wären Ärzte gegen den Tripper künftig machtlos.

Neisseria gonorrhoeae: Bakterien werden beim Geschlechtsverkehr übertragen Zur Großansicht
Corbis

Neisseria gonorrhoeae: Bakterien werden beim Geschlechtsverkehr übertragen

Einst drohte oft der Tod, inzwischen hat die Gonorrhö, auch Tripper genannt, längst ihren Schrecken verloren. Zu verdanken ist das der Entwicklung von Antibiotika, mit denen man die Geschlechtskrankheit, die von Bakterien ausgelöst wird, relativ leicht behandeln kann.

Eine Meldung aus Schweden lässt nun jedoch Ärzte aufhorchen: Ein internationales Forscherteam hat einen Bakterienstamm entdeckt, der nach eigenen Angaben gegen die bei Gonorrhö eingesetzten Antibiotika resistent ist. Die Details ihrer Ergebnisse wollen die Forscher Magnus Unemo vom schwedischen Referenzlabor für pathogene Neisseria und Makoto Ohnishi vom National Institute of Infectious Diseases in Tokio jetzt auf einer Konferenz vorstellen: Die Tagung der Internationalen Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten findet vom 10. bis 13. Juli in Quebec City in Kanada statt.

Den Wissenschaftlern zufolge könnte dieser Stamm, der die Bezeichnung H041 trägt, eine einst leicht zu behandelnde Krankheit in ein ernstes globales Problem verwandeln. In einer Arbeit, die das Team im Fachmagazin "Antimicrobial Agents and Chemotherapy" veröffentlicht hat, beschreiben die Forscher die bisher unbekannte Variante des Bakteriums Neisseria gonorrhoeae (auch Gonokokken genannt). Durch ihre genetischen Analysen konnten die Forscher jene Genmutationen identifizieren, die das Bakterium resistent gegen Antibiotika machen.

Bakterien lernen, sich gegen Wirkstoffe zu wehren

Die Entdeckung sei sowohl "alarmierend", als auch "vorhersagbar", sagt Unemo. "Da Antibiotika seit den vierziger Jahren die Standardbehandlung für Gonorrhö geworden sind, hat das Bakterium eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, sich gegen sämtliche Wirkstoffe zu wehren, die es kontrollieren sollen."

Gonorrhö ist eine der häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten in der Welt. Allein in den USA schätzt das Center for Disease Control and Prevention (CDC) die Zahl der Fälle auf 700.000 pro Jahr. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO infizieren sich weltweit jährlich etwa 60 Millionen Menschen über geschlechtlichen Kontakt mit Bakterien der Art Neisseria gonorrhoeae.

Anstecken kann man sich beim Vaginalverkehr, oder beim Oral- oder Analsex mit einem bereits Infizierten. Häufiger steckt ein infizierter Mann eine Frau an als umgekehrt. Beim Mann befallen die Bakterien meist die Schleimhaut der Harnröhre, bei der Frau die des Gebärmutterhalses. Darauf reagiert das Immunsystem, indem es die infizierten Schleimhautzellen tötet - und so die Schleimhaut schädigt. Schmerzen beim Wasserlassen, Juckreiz, eine gerötete und geschwollene Haut am Austritt der Harnröhre sind die Folgen.

Die toten weißen Blutkörperchen, die das Immunsystem zur Abwehr eingesetz hat, werden als Eiter ausgeschieden. Dieser Ausfluss hat der Infektion ihren deutschen Namen gegeben: Tripper stammt vom niederdeutschen "drippen" (tropfen). Bleibt die Geschlechtskrankheit unbehandelt, können die Bakterien in die Hoden, die Prostata oder bei der Frau bis zu den Eierstöcken wandern. So kann es zur Unfruchtbarkeit kommen.

Die Tatsache, dass der Stamm in Japan gefunden wurde, so Unemo, sei ebenfalls alarmierend: "Japan war in der Geschichte oftmals das Ursprungsland für verschiedene Resistenz-Typen der Gonorrhö-Keime, von dort aus haben sie sich weltweit ausgebreitet." Der Stamm sei gegenüber allen Cephalosporinen, einer Gruppe von Breitbandantibiotika resistent gewesen - diese gehören jedoch zu den noch verbleibenden Antibiotika, die effektiv gegen Gonorrhö sind.

Sollte es zu einer weltweiten Verbreitung dieses Stamms kommen, wären Mediziner plötzlich weitestgehend machtlos und müssten auf bisher ungetestete Medikamente gegen die Geschlechtskrankheit zurückgreifen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Forscher vor einem solchen Superkeim warnen: Vergangenes Jahr sorgten sich Britische Wissenschaftler ebenfalls wegen einem multiresistenten Gonorrhö-Keim, der plötzlich in Hong Kong, Australien und anderen Teilen Asiens aufgetaucht war. Experten empfehlen deshalb, Gonorrhö mit Kombinationen von verschiedenen Antibiotika zu behandeln, um die Entwicklung von Resistenzen unwahrscheinlicher zu machen.

Wie schnell sich der neue Stamm ausbreiten könnte, ist derzeit noch unklar: Unemo schätzt anhand der Daten aus der Vergangenheit, dass es 10 bis 20 Jahre dauern könnte.

cib/Reuters

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