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Gesetzesvorschlag: Minister wollen jeden Deutschen zum Organspender erklären

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In Deutschland herrscht dramatischer Mangel an Spenderorganen. Viele Patienten sterben, während sie auf der Warteliste stehen. Jetzt fordern mehrere Landesgesundheitsminister eine Gesetzesänderung: Jeder, der nicht widerspricht, soll künftig als Organspender in Frage kommen.

Nierentransplantation: Zahlreiche Patienten sterben auf der Warteliste Zur Großansicht
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Nierentransplantation: Zahlreiche Patienten sterben auf der Warteliste

Der Zustand des Patienten aus Frankfurt am Main verschlechterte sich rapide. Drei Jahre lang hing der 40-jährige Verlagsangestellte wegen eines chronischen Nierenleidens an der Dialyse. Zuletzt musste er dreimal wöchentlich zur Blutwäsche in die Klinik, jedes Mal für sechs Stunden. Die Ärzte machten ihm wenig Hoffnung auf ein schnelles Ende dieser zermürbenden Prozedur. Bis ein passendes Spenderorgan für ihn gefunden sei, dauere es in Deutschland im Schnitt fünf bis sechs Jahre, oft länger.

Doch so lange, das war dem Frankfurter klar, hält nicht jeder Patient durch. Von mehr als 12.500 Menschen, die auf eine neue Niere, Leber, Lunge oder ein Herz warten, stirbt jeder Dritte, bevor er mit der Transplantation an der Reihe ist. Dieser Tod auf der Warteliste hat viel mit dem Mangel an Organspendern zu tun. Nur in wenigen Ländern Europas werden prozentual noch weniger Organe gespendet als hierzulande - auch wenn es 2010 einen leichten Anstieg gab. In Spanien etwa gab es 2009 34 Spender pro eine Million Einwohner - mehr als doppelt so viel wie in Deutschland.

"Unerträglich" nennt der hessische Sozial- und Gesundheitsminister Stefan Grüttner die Situation. Dabei sei sie leicht zu verbessern. Fast alle Länder, die höhere Spendenquoten vorweisen könnten, hätten eines gemeinsam: "Dort gibt es die erweiterte Widerspruchslösung." Das bedeutet: Wer nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widerspricht, wird - sofern seine Verwandten bei einer obligatorischen Befragung keinen Einspruch erheben - nach seinem Tod automatisch als potentieller Organspender eingestuft.

Widerspruchslösung umstritten

Eine solche Regelung will CDU-Mann Grüttner nun auch in Deutschland einführen. Als amtierender Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz hat er sein Anliegen auf die Tagesordnung des nächsten Fachministertreffens Ende Juni gesetzt. Unterstützung bekommt er von seinen Kollegen aus Bayern und Sachsen-Anhalt, auch aus Sachsen und dem Saarland kamen zustimmende Signale.

Doch das Thema ist selbst in Grüttners Partei umstritten. Eine Widerspruchsregelung, kritisiert seine niedersächsische Kollegin Aygül Özkan (CDU), "verunsichert die Menschen". Auch Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, mahnte vergangene Woche, die Freiwilligkeit der Spende müsse unbedingt erhalten bleiben.

Ähnlich sieht es Daniel Bahr, der neue Bundesgesundheitsminister. Er verweist auf geplante Verbesserungen, etwa die Einführung von Transplantationsbeauftragten in den großen Kliniken. Diese Experten sollen dann Verwandte von Verstorbenen ausführlich beraten und Ängste vor einer Organspende nehmen.

Ansonsten will FDP-Mann Bahr die bestehende Gesetzeslage erhalten. Organspender ist nach der in Deutschland gültigen Zustimmungsregelung nur, wer einen unterschriebenen Spenderausweis hat. In allen anderen Fällen müssen Verwandte ihr Einverständnis geben. Doch die seien in dieser Extremsituation fast immer überfordert, sagt der Münchner Transplantationsmediziner Bruno Meiser. Er ist Präsident der Stiftung Eurotransplant, die sich über Staatsgrenzen hinweg um eine Verteilung der Spenderorgane an medizinisch geeignete Empfänger bemüht.

"Es ist wie ein neues Leben"

Eine Widerspruchsregelung sei ein "unverzichtbarer Baustein", um Standards wie in Spanien, Belgien oder Österreich zu erreichen, sagt Meiser. Auch EU-Gesundheitskommissar John Dalli hatte Deutschland Ende 2010 empfohlen, die Zahl der Organspender zu erhöhen.

Unter den deutschen Gesundheitsministern zeichnet sich nach einer Umfrage des SPIEGEL derzeit eine Mehrheit gegen die Widerspruchsregelung ab. Doch auch die Gegner des hessischen Vorstoßes räumen ein, dass die aktuelle Situation dringend verbessert werden müsse.

So schlägt die nordrhein-westfälische Ministerin Barbara Steffens (Grüne) vor, dass künftig jeder Erwachsene nach umfassender Information verbindlich erklären sollte, ob er nach seinem Tod als Spender zur Verfügung steht oder nicht. Das könne möglicherweise durch einen Eintrag in einem Register, auf der Krankenversicherungskarte oder auf dem Personalausweis festgehalten werden.

Eine solche "Entscheidungslösung", die SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier 2010 ins Spiel brachte, stößt auch bei den Gesundheitsministerinnen von Rheinland-Pfalz und Thüringen auf Interesse. Es sei auf jeden Fall gut, dass nun Bewegung in die Diskussion über eine Gesetzesänderung gekommen sei, findet die rheinland-pfälzische Ressortchefin Malu Dreyer (SPD).

Der Frankfurter Verlagsangestellte, der drei Jahre Dialyse hinter sich hatte, wollte jedoch nicht mehr auf die vage Aussicht einer Gesetzesänderung vertrauen. Er hatte das Glück, in Tschechien geboren zu sein. Dort gilt die Widerspruchsregelung, und man muss im Schnitt nur etwa ein Jahr auf eine Niere warten.

Der Frankfurter meldete sich von der deutschen Warteliste ab und bekam tatsächlich nach eineinhalb Jahren ein Spenderorgan im tschechischen Pilzen eingesetzt. Mit der Ersatzniere lebt er nun seit drei Jahren beschwerdefrei. "Es ist wie ein neues Leben", sagt er.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ohne mich
HariboHunter, 01.06.2011
Sorry, Das sind meine Organe und ich entscheide was damit nach meinem Ableben passiert. Sobald mir jemand in diese Entscheidung reinredet, werde ich nicht mehr bereit sein zu spenden.
2. Ohne Titel ist man freier.
Rainer Helmbrecht 01.06.2011
Zitat von sysopIn Deutschland herrscht*dramatischer Mangel an Spenderorganen. Viele Patienten sterben, während sie auf der Warteliste stehen. Jetzt fordern mehrere Landesgesundheitsminister eine Gesetzesänderung: Jeder, der nicht widerspricht, soll künftig als Organspender in Frage kommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765972,00.html
Es ist doch nicht zu viel verlangt, dass jeder der das nicht will, das erklärt. Eine gute Gelegenheit wäre auch eine Erklärung, wenn man den Führerschein macht. Ich kann gar nicht verstehen, warum um solche Erklärungen immer so ein Zirkus gemacht wird. MfG. Rainer
3. .
großwolke 01.06.2011
Eine Verständnisfrage: Wieso würde eine Umstellung auf eine Widerspruchsregelung "die Menschen verunsichern"? Soweit ich das überblicke ist gemäß der größten Religionen in unserem Leid keiner auf den ordnungsgemäßen Zustand seiner leiblichen Hülle angewiesen, damit es nach dem erfolgreichen Ableben auf dieser Seite auf der anderen weitergehen kann. Warum also sollte also jemand Bedenken dagegen haben, dass leidenden Menschen mit etwas geholfen wird, das man selbst leider nicht mehr benötigt? Aber immerhin hat der Artikel mich dazu gebracht, meinen Spenderausweis zu checken und gleich einen neuen zu basteln. Die Dinger werden schneller unleserlich als man glauben mag...
4. Unerträglich
eierbär 01.06.2011
Ich finde dieses Föderalismus-Gehampel, egal worum es geht, unerträglich. Warum kann das nicht auf Bundesebene entschieden werden? Gerade beim wichtigen Thema Organspende hinken wir in Deutschland wieder hinterher, weil man das Rad (typisch deutsch!) neu erfinden will. Kann man nicht mal andere Länder als gutes Beispiel nehmen? Was ist schlimm daran, von vornherein als Spender zu gelten und dann, falls man es ablehnt, zu widersprechen? Es könnten soviel mehr Leben gerettet werden.
5. .
frubi 01.06.2011
Zitat von Rainer HelmbrechtEs ist doch nicht zu viel verlangt, dass jeder der das nicht will, das erklärt. Eine gute Gelegenheit wäre auch eine Erklärung, wenn man den Führerschein macht. Ich kann gar nicht verstehen, warum um solche Erklärungen immer so ein Zirkus gemacht wird. MfG. Rainer
Das hat doch oftmals religiöse Gründe. Nicht immer aber ansonsten gibt es wirklich keine Begründung, wieso der eigene Körper nach dem Tod nicht geplündert werden sollte damit es anderen Menschen besser geht und diese Menschen ggf. noch Jahre mit dem Organ leben können. Ich wäre in diesem Fall für eine Volksbefragung. Ich wüsste nämlich auch nicht, wieso Politiker über solche Dinge entscheiden sollen.
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Nierentransplantation - Die wichtigsten Fragen
In welchen Fällen wird eine Nierentransplantation durchgeführt?
Eine Nierentransplantation wird in der Regel angestrebt, wenn Patienten an Nierenversagen leiden oder beide Nieren durch einen Unfall verloren haben.
Wie läuft eine solche Organspende ab?
Bei einer Nierentransplantation wird das Spenderorgan in der Regel nicht an die Stelle der eigenen Nieren transplantiert, sondern außerhalb des Bauchfells im Bereich des Beckens. Die Blutgefäße der Spenderniere werden dabei an die Beckengefäße angenäht. Die eigenen Nieren können daher meist im Körper bleiben. Die Operation muss sehr schnell nach der Entnahme des Spenderorgans stattfinden: eine Spenderniere sollte nicht länger als 36 Stunden gelagert werden. Die Operation beim Empfänger dauert etwa zwei Stunden. Der Patient muss dafür frei von Infektionen sein und zuvor dialysiert werden.
Wer kommt als Spender in Frage?
Spender können sowohl verstorbene als auch lebende Menschen sein. Wer an Gefäßerkrankungen, Diabetes oder Krebserkrankungen leidet, kommt nicht als Spender in Frage. Laut der Organspende-Stiftung Eurotransplant stammt ein Drittel der Nieren von lebenden Verwandten, die übrigen zwei Drittel von verstorbenen Spendern.

Bestimmte körperliche Merkmale bei der Auswahl des Spenders sind durch den medizinischen Fortschritt weitestgehend ausgeräumt. Der Spender sollte zwar weiterhin die gleiche Blutgruppe wie der Empfänger haben, doch auch diese Barriere konnte mittlerweile durch entsprechende Vorbehandlung überschritten werden.

Der Organspender muss der grundsätzlichen Verwendung des Organs zugestimmt haben.
Wie viele Nierentransplantationen werden jährlich durchgeführt?
In Deutschland wurden im Jahr 2009 über 2000 Nieren verpflanzt. Es ist damit das am häufigsten gespendete Organ. Nichtsdestotrotz warten aktuell laut Eurotransplant fast 8000 Menschen auf eine Spenderniere.
Welche Erfolgsaussichten hat eine Transplantation?
Laut Eurotransplant liegt die Überlebensrate der Nierenempfänger nach einem Jahr bei 95 Prozent, wenn die Niere von einen lebendem Spender stammt. Bei einem Verstorbenen sei sie nur unbedeutend geringer. Nach drei bis fünf Jahren weisen transplantierte Nieren in der Regel eine Funktionsrate von 90 bis 70 Prozent auf. Eine Organabstoßung kann jederzeit auftreten, Medikamente halten das Risiko jedoch gering.
Mit welchen Konsequenzen muss ein Spender rechnen?
Der Spender muss kaum mit gesundheitlichen Einschränkungen rechnen. Nierenspender haben das gleiche Sterberisiko wie Menschen, die keine Niere abgegeben haben. Das Risiko an der Organentnahme selbst zu sterben, beträgt nach nationalen und internationalen Statistiken etwa 0,03 bis 0,06 Prozent.


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