Gesundes Altern: Die erstaunliche Fitness einer 115-Jährigen

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Wer will nicht lange leben? Und fit dabei bleiben - ohne Demenz, Diabetes oder verkalkte Arterien? Eine 115-jährige Frau erlebte drei Jahrhunderte in geistiger und körperlicher Frische. Jetzt soll sie Forschern das Geheimnis des gesunden Alterns verraten.

DNA-Sequenzierung: Auf der Suche nach dem Code für ein langes Leben Fotos

In den Wohnungen alter Menschen kleben oft Zettelchen an den Türen. Ohne sie wüssten die unter Demenz leidenden Greise nicht, wie sie zum Klo, Kühlschrank oder Bett kommen. Hendrikje van Andel-Schipper war auch steinalt. Sie fand sich aber bis zu ihrem Tod im Alter von 115 Jahren ganz ohne Wegweiser zurecht.

Die ehemalige Lehrerin war nicht vergesslich, ihr Gedächtnis arbeitete oft besser als das von Freunden, die nur halb so alt waren: Sie erinnerte sich detailliert an den Tag im Jahr 1898, an dem Wilhelmina Königin der Niederlande wurde, verfolgte aber ebenso das Geschehen rund um den 11. September 2001.

In den letzten zwei Jahren ihres Lebens war van Andel-Schipper nicht nur der älteste Mensch der Welt, sondern auch geistig und körperlich erstaunlich fit. Fragte man die zierliche Frau, wie sie das Ticken der inneren Uhr verlangsamt habe, hielt sie ihre Antwort simpel: "Ich esse täglich einen Hering, trinke ein Glas Orangensaft und vergesse das Atmen nicht." Sie riet, nicht zu rauchen und das Trinken von Alkohol auf "einen kleinen Eierlikör mit Sahne an Sonn- und Feiertagen" zu beschränken.

Das große Geheimnis

Wenn Henne Holstege das hört, sagt sie: "Hendrikje van Andel-Schipper ist für Wissenschaftler ein wahrer Glücksfall." Sie sei besonders, weil sie trotz ihrer 115 Jahre kaum von Alterserscheinungen gezeichnet war. Deshalb fahndet die Genetikerin der Uni Amsterdam im Erbgut der 2005 verstorbenen Frau nach Veränderungen, die sie von erkrankten Alten unterscheiden. Holstege und ihr Team möchten ein Rätsel lösen, das nicht nur Gerontologen und Genetiker interessiert: Das Geheimnis für ein langes, gesundes Leben.

Die meisten Menschen zahlen einen hohen Preis für besonders langes Dasein: Sie leiden an verkalkten Arterien, Diabetes, Herzerkrankungen, Formen von Demenz oder Parkinson.

Van Andel-Schipper hingegen bricht sechs Jahre nach ihrem Tod wieder einen Rekord: Sie ist der älteste Mensch der Welt, dessen kompletter genetischer Code entziffert wurde. 2003 stellten Wissenschaftler erstmals die komplette DNA-Sequenz eines menschlichen Genoms vor, mehrere hundert Genome sind seither sequenziert worden. Vielleicht, so die Hoffnung von Holstege und ihrem Team, verbirgt sich ja der Schlüssel zu einem langen und gesunden Leben in der alten Frau aus den Niederlanden.

Äußerlich sah die betagte Dame wie andere Greise aus: graue Haare, faltige Haut, Brille. Doch in jenen Genregionen, die mit Altersleiden verknüpft sind, fanden die Forscher auffällige Abschnitte. Dieses Resultat verkündete Holstege vergangene Woche auf der Jahrestagung der American Society of Human Genetics. "Die Funktion dieser Regionen ist noch unklar, aber scheinbar hatte Frau van Andel-Schipper Elemente in ihren Genen, die sie gegen altersbedingte Leiden geschützt oder den Ausbruch dieser Krankheiten verhindert haben." Sie ist sich sicher, dass die Greisin ihre Langlebigkeit guten Genen zu verdanken hat.

Kaum geboren, galt sie als tot

Dabei sah es am 29. Juni 1890 nicht so aus, als sei Hendrikje van Andel-Schipper für ein langes Leben bestimmt. Kaum kam das Mädchen im kleinen Ort Smilde zur Welt, galt sie quasi schon als tot. Als Frühchen wog sie nur 1600 Gramm und hatte damit im 19. Jahrhundert kaum Chancen zu überleben. Doch die Großmutter päppelte sie auf und van Andel-Schipper erlebte im Laufe ihres Lebens drei Jahrhunderte.

Erst am 30. August 2005 segnete die alte Dame das Zeitliche. Da sie ihren einen Meter sechzig großen Körper bereits mit 82 Jahren der Wissenschaft vermacht hatte, wurde ihr Leichnam im Unikrankenhaus von Groningen untersucht. Die Wissenschaftler entdeckten nicht nur, dass van Andel-Schipper bis zuletzt keine verkalkten Gefäße oder Anzeichen für Demenz hatte, sondern auch ihre Todesursache: unentdeckter Magenkrebs.

"Wäre der Tumor früh entdeckt worden, hätte sie noch einige Jahre leben können", sagt Holstege. Die einst älteste Frau der Welt hatte mit 100 Jahren Brustkrebs überstanden, es war die einzige altersbedingte Krankheit, die sie in ihrem Leben hatte.

Der Neurowissenschaftler, der van Andel-Schippers Gehirn nach ihrem Tod in dünne Scheiben geschnitten und untersucht hatte, war Gert Holstege, der Vater von Henne Holstege. Damals ging man davon aus, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens an Demenz erkrankt. " Wir konnten das widerlegen. Das Gehirn von Frau van Andel-Schippers zeigt, dass nicht jeder Mensch solche Schäden beim Altern entwickelt", erklärt Holstege.

Gert Holstege hatte ihr Gehirn bereits getestet, als van Andel-Schippers noch am Leben war: Die Greisin hatte ihn im Alter von 111 Jahren angerufen, weil sie wissen wollte, ob ihr alter Körper der Wissenschaft noch dienlich sein könnte. Holstege, der die Körperspenden betreute, konnte kaum glauben, wie wortgewandt die über hundert Jahre alte Frau war.

Mit 114 fit wie eine 60-Jährige

Neurologische und psychologische Tests aber verblüfften Gert Holstege: "Ihre kognitiven Fähigkeiten waren bemerkenswert. Ab und zu war ich mir unsicher, ob ich manche Aufgaben ähnlich sicher bewältigt hätte." Wie etwa jene, sich zehn verschiedende Wörter einzuprägen und sie nach erst zehn Minuten wiederzugeben. "Van Andel-Schipper wusste alle - und schnitt bei sämtlichen Tests so gut ab, dass ihr Gehirn mit 112 und 114 Jahren laut Holstege einem biologischen Alter von 60 bis 70 Jahren entsprach.

Van Andel-Schipper, die ein großer Fan des Fußballclubs Ajax Amsterdam war, blieb bis zum Ende beweglich und klar im Kopf. Nur die Augen wurden schlechter. Als sie mit 105 nahezu blind war, zog sie in ein Altenwohnheim in Hoogeven. Zähneputzen, ankleiden, ohne Hilfe laufen - sie schaffte alles allein und ging sogar bis zu ihrem Tod jährlich wählen. "Sie liebte es, Nachrichten zu hören und interessierte sich für Politik. Als sie die Zeitung nicht mehr lesen konnte, schaltete sie jede Stunde das Radio ein, um nichts vom Weltgeschehen zu verpassen", erzählt Holstege.

Demografen haben berechnet, dass die Lebenserwartung der Menschen in der westlichen Welt seit über 170 Jahren jährlich um etwa drei Monate steigt. In Deutschland liegt sie derzeit für Frauen bei 83, für Männer bei 78 Jahren. Doch wenn das Alter weiter steigt - der Bundespräsident hat im letzten Jahr 6132 über Hundertjährigen zum Geburtstag gratuliert - breiten sich auch typische Krankheiten des Alterns aus.

Was bestimmt unser Lebensalter?

Erkrankt das Gehirn an Demenz, sterben Nervenzellen langsam ab. Das Gehirn arbeitet schlechter. Woher die Krankheit kommt, ist unklar. Klar ist nur, wen das unheilbare Übel vorwiegend trifft: alte Menschen. Zurzeit leben 1,3 Millionen Demenzkranke in Deutschland, zwei Drittel von ihnen leiden an der häufigsten Demenzform im Alter: Alzheimer. Laut des US-amerikanischen Alzheimer's Disease Genetic Consortiums (ADGC) sind bei den über 80-Jährigen bis zu 50 Prozent betroffen, bei den 65-Jährigen 13 Prozent. Manche wollen dann gar nicht mehr lange leben. Sie bringen sich um, sobald ein Arzt feststellt, dass ihre Nervenzellen zugrunde gehen.

Was genau unser Lebensalter bestimmt, kann niemand sagen. Viel zu komplex ist der Alterungsprozess, zu viele Faktoren beeinflussen unsere Vitalität, unsere Gesundheit und unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten. "Doch fest steht, dass man mit einem Genom wie dem von Frau van Andel-Schipper ein langes, gesundes Leben führen kann. Um die zugrunde liegenden Vorgänge zu verstehen, die gutes Altern ermöglichen, müssen jedoch DNA-Sequenzen von Hunderten oder Tausenden von Menschen untersuchen werden", sagt Holstege.

Das entschlüsselte Erbgut von Andel-Schipper, die heute auf Platz 22 der ältesten Frauen der Welt rangiert, soll anderen Wissenschaftlern für zukünftige Studien des Alterns als Referenz-Genom dienen - und so helfen, das Entstehen altersbedingter Krankheiten wie Demenz zu verstehen.

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insgesamt 76 Beiträge
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1. Das kann gefährlich werden
Bhur Yham 22.10.2011
Zitat von sysopWer will nicht lange leben? Und fit*dabei bleiben - ohne Demenz, Diabetes oder*verkalkte Arterien? Eine 115-jährige Frau erlebte*drei Jahrhunderte in geistiger und körperlicher*Frische. Jetzt*soll sie*Forschern das Geheimnis des gesunden Alterns verraten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,793024,00.html
Am Ende erinnern sich die alten Leute noch, wer ihnen 20 Jahre H4 mit anschließender Verwahrung im Altenheim eingebracht hat. Ohne Alzheimer muß zumindest das Wahlrecht ab einem bestimmten Alter automatisch enden.
2. H4?
DonQuappo 22.10.2011
Zitat von Bhur YhamAm Ende erinnern sich die alten Leute noch, wer ihnen 20 Jahre H4 mit anschließender Verwahrung im Altenheim eingebracht hat. Ohne Alzheimer muß zumindest das Wahlrecht ab einem bestimmten Alter automatisch enden.
Afaik gibt's Hartz 4 (wovon im Übrigen 7,7% der deutschen Gesamtbevölkerung lebt) nur zum aufstocken, oder wenn man als Erwerbsfähiger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Für nicht mehr erwerbsfähige Senioren müsste es irgendwelche anderen der zahllosen Alimentationen geben. Ob die in Summe zwar höher sind weiss ich nicht, aber bitte auf Korrekte Benennung achten, danke ;-)
3. Wahlen
Pepito_Sbazzagutti 22.10.2011
Zitat von Bhur YhamAm Ende erinnern sich die alten Leute noch, wer ihnen 20 Jahre H4 mit anschließender Verwahrung im Altenheim eingebracht hat. Ohne Alzheimer muß zumindest das Wahlrecht ab einem bestimmten Alter automatisch enden.
Wenn ich mir so manche Wahlprognosen- und ergebnisse ansehe, denke ich, dass vielen Bürgern das Wahlrecht überhaupt nicht erteilt werden sollte :-)
4. Gute Nachrichten - jetzt ist die Forschung gefragt
Mancomb 22.10.2011
Bleibt zu hoffen, dass ihr Genom der Forschung wirklich von Nutzen sein kann. Es wäre mein schlimmster Albtraum, irgendwann einmal nicht mehr Herr meiner Gedanken zu sein und nur noch vor mich dahin zu vegetieren. Ich kann nur erahnen, wie sehr die Millionen Demenzkranken und ihre Angehörigen leiden müssen. Von einem eher pragmatischen Standpunkt aus gesehen könnten vielleicht - abgesehen von der signifikant gesteigerten Lebensqualität, was natürlich das wichtigste ist - auch die Pflegekosten drastisch sinken; vorausgesetzt natürlich, die alten Menschen behalten auch ihre körperliche Fitness.
5. Genwahn
bürger#40175 22.10.2011
Boykottieren, gegen Gentechnik. Gegen eine schöne neue Welt pickfeingestriegelter Genmenschen! Altern gehört zum Leben wie die Geburt und der Tod. Wer das nicht akzeptieren kann, muss als krank gelten. So siehts aus. Bin nicht gegen Forschung, aber gegen das, was üblicherweise daraus hervorgeht. Irgendwelche Genwahnsinnige.
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Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.