Gesundheitsbericht: Wie Mann länger leben kann

Männer sterben öfter an Herzinfarkt, greifen häufiger zum Alkohol und haben ein höheres Selbstmordrisiko als Frauen: Der erste Männergesundheitsbericht lässt vom Image des starken Geschlechts nicht viel übrig. Doch Schuld daran tragen keinesfalls die Männer allein, glauben die Experten.

Mann bei der Untersuchung: Experten beklagen das Fehlen spezifischer Angebote Zur Großansicht
DPA

Mann bei der Untersuchung: Experten beklagen das Fehlen spezifischer Angebote

Berlin - Die Daten des ersten Männergesundheitsberichts sprechen für sich: Bei Herzinfarkten, Lungenkrebs und Alkoholmissbrauch, aber auch Diabetes, Gicht und Fettleibigkeit liegen die Männer deutlich vorn. Ein Blick auf ihre spezifischen Probleme ist lange überfällig, betonen die Autoren von der Stiftung Männergesundheit und der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, die den Report am Donnerstag in Berlin vorgestellt haben. Denn sowohl die Vorsorge als auch die medizinischen Angebote erreichten die Männer viel zu selten.

"Männer sind nicht die Gesundheitsidioten, als die sie oft dargestellt werden", betont Mitautor Matthias Stiehler. Aber männerspezifische Probleme fänden gesellschaftlich bislang kaum Beachtung. "Die Sicht auf Männer muss sich ändern, auch wenn daran natürlich die Männer selbst mitarbeiten müssen."

So stehen vor allem Männer mittleren Alters, vorzugsweise nach der Familiengründung, immer stärker vor dem Problem, sowohl die Rolle eines modernen Vaters als auch die des Ernährers spielen zu wollen. Ein Spagat, der sich oft in starker Arbeitsbelastung mit Überstunden, hohem Druck und wenig Freizeit ausdrückt. "Männer sind häufiger darauf ausgerichtet zu funktionieren, Erwartungen - auch ihre eigenen an sich - zu erfüllen", sagt Stiehler.

Fünfmal mehr Herzinfarkte, dreimal mehr Selbstmorde als bei Frauen

Das führt seit den siebziger Jahren nicht nur zu einem deutlichen Anstieg der erektilen Dysfunktion, also Potenzproblemen. Jeder fünfte Mann im Alter von 30 bis 80 Jahren klagt darüber. Außerdem bekommen Männer zwischen 40 und 50 Jahren fünf Mal häufiger einen Herzinfarkt als Frauen. Auch Übergewicht durch gehetztes Essen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, starkes Rauchen und manchmal auch der Ausweichgriff zum Alkohol sind typische Erscheinungen.

"Es gibt eine eklatante Unterversorgung alkoholkranker Männer", bestätigt Mitautorin Anne Maria Möller-Leimkühler von der Klinik für Psychiatrie an der Universität München. Seelische Schmerzen sind nach wie vor für viele Männer ein Tabu. In einer Umfrage der Techniker-Krankenkasse gaben jüngst 44 Prozent der Männer an, Probleme lieber mit sich selbst auszumachen. "Psychische Störungen sind bei Männern häufig unerkannt und unbehandelt", sagt Möller-Leimkühler.

So sei die Selbstmordrate bei Männern mindestens dreimal so hoch wie bei Frauen, obwohl bei Letzteren doppelt so häufig Depressionen diagnostiziert würden. Dieses "Geschlechterparadox" verweise wahrscheinlich auf eine hohe Dunkelziffer von Depressionen unter Männern, so Möller-Leimkühler. Denn 80 Prozent der Selbstmorde seien auf die Gemütskrankheit zurückzuführen.

Kürzere Lebenserwartung muss nicht sein

Auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sieht Handlungsbedarf und kündigte einen auf der Pilotstudie aufbauenden staatlichen Bericht für kommenden Sommer an. "Männer haben heute eine fünf Jahre geringere Lebenserwartung als Frauen. Aber viereinhalb Jahre davon sind durch soziokulturelle Faktoren bestimmt. Wir können Bedingungen schaffen, die Männern helfen, gesünder zu leben", sagte Schröder.

Zu erforschen ist dabei noch die Mischung aus soziokulturellen und biologischen Bedingungen. So ist bis heute unklar, welche Rolle das männliche Sexualhormon Testosteron etwa bei Herz-Kreislauf- Erkrankungen spielt. Für einen eher marginalen Effekt sprechen jedoch die sogenannten Klosterstudien. Dabei wurden Gesundheitszustand und Lebenserwartung von Männern und Frauen verglichen, die ihr Leben im Kloster verbrachten. Das Fazit: Unter diesen ruhigen Bedingungen wurden die Männer fast genauso alt wie die Frauen.

Die Deutsche Krankenversicherung (DKV), die die Pilotstudie mit Zahlen untermauerte, will deshalb ihre Gesundheitsvorsorge speziell für Männer ausbauen. "Vielleicht sind Online-Angebote der richtige Weg, bei denen anonymer Rat mit Infos zum gesünderen Leben verknüpft werden", sagt Doris Bardehle, die Herausgeberin des Männerberichts.

Frank Sommer, Inhaber des bundesweit einzigen Lehrstuhls für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, betont die Ungeduld der Männer, die schnelle Erfolge sehen wollen. Außerdem funktionierten die meisten am besten über Belohnung und Wettbewerb. Sommer schlägt deshalb vor, sich genau das zunutze zu machen: Etwa über Schrittzähler, wie sie einige Unternehmen schon an ihre Mitarbeiter ausgeben - so dass die Herren vergleichen können, wie viele Schritte sie schon "auf der Uhr" haben.

mbe/dpa/AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der Grund dafür, ...
Christian Krippenstapel 28.10.2010
... daß Frauen länger leben als Männer, sind die Männer, während der Grund für das frühere Sterben der Männer die Frauen sind. Eigentlich keine ganz neue Erkenntnis, das hatte ja schon Ester Vilar vor vielen Jahren sehr anschaulich dargelegt. Daran sieht man einmal mehr, wie arg benachteiligt die Frauen doch sind - Sch***patriarchat aber auch!
2. nicht nur dass
sanba38 28.10.2010
Fragen Sie mal bei Ihrer Krankenkasse nach. Es gibt Krebs Vorsorgeuntersuchungen für Frauen schon ab 20, für Männer erst ab 35. Ich glaube nicht, dass jetzt das Krebsrisiko einer 20 Jährigen mit dem eines 35 Jährigen vergleichbar ist?? Ist aber gängige gesetzliche Regelung. Gibt bestimmt noch mehr Beispiele (mal von Wehrpflicht, späteren Renteneintrittsalter, Benachteiligung bei Kindererziehung, etc. ganz abgesehen).
3. Nachvollziehbar.
Monark 28.10.2010
Was machen Männer, wenn sie Probleme haben? Sie setzen sich in die Kneipe und lassen sich volllaufen. Was machen Frauen, wenn sie Probleme haben? Sie reden mit all ihren Freundinnen darüber. Welches Modell verspricht wohl den nachhaltigeren Erfolg?
4. kloster
Mr.Threepwood 28.10.2010
Zitat von Christian Krippenstapel... daß Frauen länger leben als Männer, sind die Männer, während der Grund für das frühere Sterben der Männer die Frauen sind. Eigentlich keine ganz neue Erkenntnis, das hatte ja schon Ester Vilar vor vielen Jahren sehr anschaulich dargelegt. Daran sieht man einmal mehr, wie arg benachteiligt die Frauen doch sind - Sch***patriarchat aber auch!
aber die klosterstudie sollte mann auch im hinterkopf behalten;) das sich früher oder später eh ein leistungsträger finden wird der sie politisch aufgreifen wird;) d.h. in zukunft für die männer 1 schachtel zigaretten 30 euro/bis zum endgültigen euweiten tabak und rauchverbot ca. 2030-2040 1 bier 15 euro bis zum endgültigen euweiten alkoholverbot ca. 2035-2050 und sex den gibts nicht mehr das können unsere genetiker im labor eh viel besser. juchuuu
5. Steinzeiterbe
Ursprung 28.10.2010
Frauen haben zwar den komplizierteren Koerper aber auch die bessere Disposition zur Regeneriegung. Sind beide gleich "besundheitsbewusst" hat SIE halt die besseren physischen Startbedingungen. Der Mann MUSS sich staerker und mehr bewegen als eine Frau: er ist mit genetisch rund 30 % mehr Muskelmasse als Bewegungsfreak geboren, SIE dagegn als Repoduziermaschine. Das war die Spzialisierung der beiden Sexgruppen einer gleichen Spezies in den uns immer noch bestimmenden 3oo Tausend Jahren Steinzeit. Und das heisst, dass Maenner, nun in die "unnatuerliche" Neuzeit geworfen, mit den Physisproblemen anders umgehen muessen als Frauen. Sapere aude: scheint Maennern zudem schwerer zu fallen als Frauen. Letztere bekommen ja auch einen Hirnentwicklungsschub mit dem ersten Kind, Maenner nicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Medizin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 36 Kommentare
  • Zur Startseite