Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gesundheitsgefahr: US-Forscher finden giftiges Chrom im Trinkwasser

Der Fall erinnert an den Mitte der Neunziger von Erin Brockovich aufgedeckten Skandal: Amerikanische Umweltschützer haben laut "Washington Post" im Trinkwasser von mehr als 30 US-Städten eine krebserregende Chemikalie gefunden. Mediziner sind alarmiert.

Chrom(VI): Schleichendes Gift im Trinkwasser Fotos
Getty Images

Washington - Der Fall machte weltweit Schlagzeilen: Zahlreiche Menschen im kalifornischen Hinkley wurden krank, zeigten Vergiftungserscheinungen, Nierenleiden, Krebs, manche starben. Sie hatten über das Grundwasser eine gefährliche Substanz zu sich genommen: Chrom(VI), das sogenannte sechswertige Chrom. Ein nahegelegenes Unternehmen hatte die Chemikalie jahrzehntelang abgelassen.

Die Anwaltsgehilfin Erin Brockovich machte den Skandal bekannt und verhalf den Menschen von Hinkley zu ihrem Recht: Zusammen mit einer Großkanzlei brachte sie eine Sammelklage auf den Weg und setzte 1996 die Zahlung der größten Schadensersatzsumme in der Geschichte der USA durch. Das Unternehmen Pacific Gas & Electric musste insgesamt 333 Millionen Dollar an mehr als 600 Anwohner zahlen und die Verunreinigung beseitigen. Der Fall wurde durch die Verfilmung mit Julia Roberts in der Hauptrolle weltbekannt.

Nun hat eine Umweltschutzorganisation die gleiche giftige Substanz im Trinkwasser zahlreicher US-Städte nachgewiesen, unter anderem in der Hauptstadt.

Erste landesweite Analyse

Die Environmental Working Group (EWG), eine Nichtregierungsorganisation mit Hauptsitz in Washington, hat laut "Washington Post" das Trinkwasser in 35 Städten der USA untersucht - und in den meisten Proben sechswertiges Chrom gefunden. In 31 von 35 Orten sei die Substanz nachgewiesen worden, davon 25 Mal in einer erhöhten Dosis, berichtete die Zeitung am Sonntag auf ihrer Internetseite.

Die Studie, die am Montag veröffentlicht wird, ist demnach die erste landesweite Analyse von sechswertigem Chrom im Trinkwasser. Für die Untersuchung wurden große und kleine Städte ausgewählt, darunter auch solche, in denen Wasserwerke bereits erhöhte Gesamtchromwerte festgestellt hatten.

Der Wert oder die Schädlichkeit von Chrom für den Menschen hängt von der Oxidationsstufe ab. Metallisches Chrom und die häufig auftretenden Chrom(III)-Verbindungen sind laut dem Institut für angewandte Umweltforschung essentiell für den Menschen, beispielsweise beim Glukose-Stoffwechsel. Chrom(VI)-Verbindungen hingegen können Irritationen an Augen, Haut und Schleimhäuten verursachen, oral zu sich genommen sind sie äußerst giftig. Langzeitgefahren sind vor allem die krebserzeugende und die erbgutschädigende Wirkung.

"Eine Chemikalie, die kontrolliert werden muss"

"Diese Chemikalie wurde so weitläufig bei so vielen Firmen in den USA eingesetzt, dass mich das Ergebnis nicht überrascht", sagte Brockovich, die immer noch gegen die Verseuchung mit Chrom(VI) in Hinkley kämpft, der "Washington Post". "Die lokalen Wasservorräte sind in den gesamten USA bedroht. Das ist eine Chemikalie, die kontrolliert werden muss."

Brockovichs hartnäckige Nachforschungen hatten damals ergeben, dass in den sechziger bis achtziger Jahren die Gesundheit der Bewohner von Hinkley durch giftiges Chrom(VI) im Grundwasser massiv angegriffen worden war. Eine staatliche Untersuchung der Krebsfälle in dem Ort belegt dies laut "Los Angeles Times" jedoch nicht.

Der Zeitpunkt der EWG-Untersuchung scheint mit Bedacht gewählt: Die staatliche Environmental Protection Agency (EPA) überlegt derzeit, eine Höchstgrenze für sechswertiges Chrom in Leitungswasser festzulegen. Gegenwärtig gibt es bei Leitungswasser eine Beschränkung für Chrom insgesamt, also die harmlose dreiwertige sowie die gefährliche sechswertige Verbindung. Ein EPA-Sprecher kündigte an, die Ergebnisse der neuen Studie in Betracht zu ziehen, wenn die Gesamtchrommenge im Trinkwasser überprüft werde.

"Wir verlieren die Wassertrinker aus den Augen"

Kalifornien ist bereits einen Schritt weiter und strebt als erster Bundesstaat eine Begrenzung des sechswertigen Chroms im Leitungswasser an. Die Interessenvertretung der Chemieindustrie nannte die Zielvorgabe jedoch unrealistisch. Einige Quellen enthielten ein natürliches Vorkommen, das schon höher sei als der angestrebte Wert. Außerdem seien "selbst die feinsten Analysemethoden nicht in der Lage, einen solch niedrigen Wert festzustellen", hieß es laut "Washington Post" in einem schriftlichen Statement.

Die Proben der aktuellen EWG-Analyse lagen zum Teil deutlich über den von Kalifornien empfohlenen Maximalwerten: Die höchste Dosierung wurde in Norman, Oklahoma, gefunden. Dort sollen die Werte mehr als 200 Mal so hoch gewesen sein. In Washington war die Dosis rund drei Mal so hoch wie empfohlen.

Der EWG-Vorsitzende Ken Cook sagte der "Washington Post", die Verbraucher müssten mehr in den Fokus rücken: "Wir verlieren die Wassertrinker aus den Augen." Es gebe einen enormen Widerstand von Seiten der verschmutzenden Unternehmen - und der Wasserversorger. "Wenn ein niedriges Limit gesetzt wird, müssen diese für die Kosten der Wasserreinigung aufkommen, obwohl sie nicht schuld an der Verschmutzung sind", so Cook.

Max Costa, der an der medizinischen Fakultät der Universität New York lehrt, bezeichnete die Ergebnisse als "beunruhigend". "Wir sollten uns bemühen, überhaupt kein sechswertiges Chrom im Trinkwasser zu haben", so der Wissenschaftler.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. oooo
inci 19.12.2010
Zitat von sysopDer Fall erinnert an den Mitte der Neunziger von Erin Brockovich aufgedeckten Skandal: Amerikanische Umweltschützer haben laut "Washington Post" im Trinkwasser von mehr als 30 US-Städten eine krebserregende Chemikalie gefunden. Mediziner sind alarmiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,735528,00.html
alles kein problem, hauptsache es wird nicht geraucht!
2. Die
Spiegeleii 19.12.2010
USA sind ein tolles Vorbild in jeder Hinsicht. Chrom ist ja nicht alles. http://www.youtube.com/watch?v=a3V7F92wM6g Hauptsache die Börsenkurse steigen. Und wir eifern denen nach als ob das erstrebenswert wäre.
3. .
Spiegeleii 19.12.2010
Zitat von incialles kein problem, hauptsache es wird nicht geraucht!
ja eben, weil nicht nur Chrom im Trinkwasser ist sondern auch Methan. Und wenn Sie mit ner brennenden Zigarette an den Wasserhahn gehen stehen vielleicht ganz schnell die Haare in Flammen. Würd mich nicht wundern wenn die gleiche Firma die mit den Chemikalien und dem Erdgas ihre Gewinne macht bald auch ein Bombengeschäft mit Aktivkohlefilteranlagen macht. Und das bedeutet Wachstum und Produktivität und das ist ja bekanntlich sehr gut für uns.
4. Hauptsache de Profit stimmt,
dachauerthomas 19.12.2010
der Rest sind doch Kolateralschäden. wie würde so ein Test hier in Europa ausgehen?
5. kein Vorbild
Lobesamen 19.12.2010
Zitat von SpiegeleiiUSA sind ein tolles Vorbild in jeder Hinsicht. Chrom ist ja nicht alles. http://www.youtube.com/watch?v=a3V7F92wM6g Hauptsache die Börsenkurse steigen. Und wir eifern denen nach als ob das erstrebenswert wäre.
Natürlich ist Chrom nicht alles. Da gibt es noch soviel in unseren Trink- und Grundwässern (Hormone, Antibiotika, strahlende Gifte aus Atomindustrie, usw,....), was sich im Laufe der Jahre unserer industrialiserten Konsumgesellschafts-Zivilisation angesammelt hat und noch zunimmt. Aber das hat nichts mit Nacheifern der USA zu tun. Mit Börsenkursen übrigens auch nichts. Mit unverantwortlichem Handeln von Indutrieunternehmen, mit Nichtwissen unserer Vorgänger-Generationen und mit Ignoranz der jetzt gerade lebenden, verantwortlichen Generationen aber sicherlich. Die Bilder von den brenneden Wasserhähnen sind im Vergleich zu anderen, lauernden Gefahren ja noch halbwegs lustig. (ich möchte die natürlich nicht hier haben!)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Chrom
Chrom ist ein natürliches Element, das allerdings in der Erde größtenteils in gebundener Form in Mineralien vorkommt. Es wird in zahlreichen Herstellungsprozessen verwendet, beispielsweise beim Gerben von Leder oder zur Behandlung von Holz.

Der Wert oder die Schädlichkeit von Chrom für den Menschen hängt von der Oxidationsstufe ab. Metallisches Chrom und die häufig auftretenden Chrom(III)-Verbindungen sind laut essentiell für den Menschen, beispielsweise beim Glukose-Stoffwechsel.

Chrom(VI)-Verbindungen hingegen sind giftig. Die meisten Chrom(VI)-Verbindungen verursachen Irritationen an Augen, Haut und Schleimhäuten, nimmt man sie mit der Nahrung oder dem Trinkwasser auf, können sie die Organe schädigen. Langzeitgefahren sind vor allem die krebserzeugende und die erbgutschädigende Wirkung.

Sechswertiges Chrom wurde bis in die frühen neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts weitflächig in der Industrie genutzt - aber auch heute setzen Unternehmen die Substanz noch ein.

Quellen: Institut für angewandte Umweltforschung, Environmental Protection Agency


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: