Patientenrechte: Experten fordern gläsernes Gesundheitssystem

Von und Friedrich Lindenberg

Warten auf Qualität: Patienten sollen Informationsanspruch erhalten Zur Großansicht
dapd

Warten auf Qualität: Patienten sollen Informationsanspruch erhalten

Unnötig behandelt und dann noch draufgezahlt - Patienten haben im deutschen Gesundheitswesen oft das Nachsehen. Experten haben jetzt einen Masterplan für mehr Transparenz vorgelegt. Die nötigen Daten sind vorhanden, doch Kassen und Mediziner scheuen die Veröffentlichung.

Berlin - Chirurgen erhalten Boni für eine gewisse Anzahl von Operationen. Krankenhäuser geraten in die Versuchung, die Zahl ihrer abgerechneten Leistungen aus ökonomischen Gründen zu steigern. Krankenkassen werden verleitet, in Marketing statt in leistungsfähige Versorgungsformen zu investieren: Es läuft einiges schief im deutschen Gesundheitssystem, befinden führende Gesundheitswissenschaftler.

In einem neuen Gutachten der Heinrich-Böll-Stiftung fordern sie, endlich die Qualität im Gesundheitswesen zu fördern, statt immer nur neue Sparoptionen zu überlegen. Erste Details wurden bereits am Montagabend auf einer Fachtagung in Berlin diskutiert. Die Experten fordern für ein besseres System:

  • Informationsanspruch für Patienten: "Wir müssen in Deutschland mehr Qualitätsmessungen durchführen", sagt Jonas Schreyögg vom Center for Health Economics (Universität Hamburg). Man brauche endlich ein System, dass jeden Patienten in Deutschland in die Lage versetzt, Ärzte, Krankenhäuser oder Krankenkassen objektiv zu beurteilen. Dass das gar nicht so schwer ist, zeigt sich in den USA oder England.

  • Versicherte sollen mehr Mitsprachemöglichkeiten erhalten. So sollen Patientenverbände und Selbsthilfezusammenschlüsse mit eigenen Listen zu den Sozialwahlen antreten können.
  • Nicht mehr der einzelne Arzt soll gefördert werden. Gesundheitsversorgung soll künftig stärker im Team erfolgen, die nötigen Veränderungen in der Ausbildung und dem Berufsrecht müssen endlich umgesetzt werden.

Vor lauter Sparen habe man in Deutschland wichtige gesundheitspolitische Ziele vergessen, sagen die Mitglieder des Fachkreises, die das Gutachten für die Heinrich-Böll-Stiftung erarbeitet hat. Unter den Experten sind Praktiker aus allen Bereichen des Gesundheitswesens, darunter auch der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem (Ruhr-Universität Duisburg-Essen).

Krankenhäuser können sich selbst benoten

Die bestehenden Systeme zur Qualitätsmessung reichen nicht aus, kritisiert die Kommission. Die Variante der hiesigen Krankenhäuser etwa basiere auf den eigenen Angaben der Kliniken. In ihren Selbstauskünften müssten auch nur 80 Prozent der Daten für ein bestimmtes Fallspektrum gemeldet werden.

Auch im ambulanten Bereich ist es mit der Bewertung der Qualität so eine Sache: Ärzte würden zwar anhand bestimmter Kriterien bewertet, dies erfolge aber nur stichprobenartig durch die Kassenärztlichen Vereinigungen. Es kann also sein, dass in manchen Regionen ein Arzt nur alle paar Jahre kontrolliert wird.

Dabei wäre es eigentlich gar nicht so schwer, die tatsächlichen Ergebnisse der Versorgung, also die Ergebnisqualität, zu messen - und daraus Schwachstellen im Gesundheitssystem aufzuspüren und zu verbessern. Es gibt in Deutschland, im Vergleich zu anderen Ländern, hervorragende Daten. Vor allem die Abrechnungsdaten der Krankenkassen seien ein echter Schatz, sagt Schreyögg: "Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, verordnete Medikamente, Therapien, Reha-Maßnahmen - einfach alles, was pro Patient anfällt, ist erfasst."

Die Kommission der Böll-Stiftung schlägt vor, vor allem die Abrechnungsdaten der Krankenkassen zu nutzen, um für Patienten eine größere Transparenz in Bezug auf die Qualität der Versorgung bei Krankenhäusern, Arztpraxen und Krankenkassen herzustellen. Wenn die Patienten diese Transparenz nutzen, könnte sich ein Wettbewerb um die beste Qualität entwickeln. Patienten wählen dann Anbieter nicht mehr nur auf der Basis des Preises, sondern auf der Basis von Qualität aus. So würde jeder Anbieter die beste Qualität der Versorgung anstreben.

Existierende Methoden zu träge

Messen lassen sich viele Indikatoren - zum Beispiel vermeidbare stationäre Aufenthalte. Ein Patient kommt ins Krankenhaus, obwohl dies normalerweise nicht nötig sein dürfte. Passiert dies etwa bei einem Diabetiker, wurde der nicht richtig oder regelmäßig durch seinen Arzt behandelt. Messen lässt sich auch die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt - oder wie oft Herzinfarktpatienten nach Entlassung wieder eingewiesen werden müssen.

Das Aqua-Institut in Göttingen überwacht im Auftrag des Gesundheitsministeriums heute bereits bundesweit die Qualität von über 30 verschiedenen Behandlungsgruppen, von der Lebertransplantation bis zum Herzschrittmacher - das Verfahren gilt aber als viel zu kompliziert. Der Versuch im vergangenen Jahr, im Kampf gegen die Killer-Keime in Krankenhäusern die Hygienemängel zu überwachen, scheiterte kläglich.

Ein Instrument, das den Patienten die Orientierung im Gesundheitssystem erleichtern soll, ist die Weisse Liste, mit der Menschen nach einer Klinik oder einem Hausarzt suchen können. Betrieben wird die Übersicht von der Bertelsmann-Stiftung und den Dachverbänden der Patienten- und Verbraucherorganisationen. Angeschlossen sind auch die Krankenkassen AOK und Barmer GEK.

Ein Anfang, meint Schreyyögg. Die Potentiale zur Nutzung von Routinedaten seien in Deutschland dennoch nicht einmal zu zehn Prozent ausgeschöpft. Dies liege vor allem daran, dass es sehr viele warnende Stimmen gibt, zusätzlich aber zu wenige Menschen, die unterstreichen, dass man mit diesen Daten sehr eindrucksvolle Dinge machen und zeigen kann.

Britische Messung für die Forschung

Der britische Nationale Gesundheitsdienst (NHS) scheut keine Debatten: Das Haus entwickelt aktuell ein Verfahren zur Bereitstellung von Krankenakten für klinische Studien und Evaluationen. Das Vorhaben soll es Forschern einfacher machen, Maßnahmen der Gesundheitspolitik mit Entwicklungen in Fallzahlen und Behandlungsergebnissen in Verbindung zu setzen.

Gleichzeitig soll der Zugriff auf anonymisierte Krankenhistorien auch als Material für die Erforschung einzelner Krankheiten genutzt werden. Den Eingriff in die Privatsphäre der Patienten begründet das NHS durch den erwarteten Nutzen in der Forschung. Projekte, in denen die Identität des Patienten nicht verborgen wird, sollen natürlich nur mit vorheriger Zustimmung der Patienten durchgeführt werden.

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1.
josh67 12.02.2013
Zitat von sysopUnnötig behandelt und dann noch draufgezahlt - Patienten haben im deutschen Gesundheitswesen oft das Nachsehen. Experten haben jetzt einen Masterplan für mehr Transparenz vorgelegt. Die nötigen Daten sind vorhanden, doch Kassen und Mediziner scheuen die Veröffentlichung. Gesundheitsökonomen fordern Qualitätsmessung im System - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/gesundheitsoekonomen-fordern-qualitaetsmessung-im-system-a-882665.html)
So lange unsere Volsksverräter, äh Politiker Ihre Nebeneinkünfte bei den Unternehmen haben die unseren Staat ausplündern, wird sich nichts ändern.
2. Transparenz?
spiegel-kommentar 12.02.2013
Zumindest bei niedergelassenen Ärzten haben wir alle sofort die Möglichkeit mit den Füßen abzustimmen. Das sind dann die, die ständig jammern, dass sie so schlecht verdienen...
3. Komme bald, oh wunderbare Welt ...
groegi 12.02.2013
in der Qualitätsmessung à la Bertelsmann medizinische Behandlung in einem "gläsernen Orwell-System" substituiert! Ist es Wahnsinn, so hat es doch - unbarmherzige - Methode!
4. sämtliche Daten zentral speichern
ctwalt 12.02.2013
Zugriff haben Ärzte, Krankenhäuser und die Krankenkasse. Aufzeichnung über Arztbesuche, Diagnosen, Behandlungen, verschriebene Medikamente, etc. Nur so lassen sich erstens Doppel- und Dreifachdiagnosen, wie auch die teils verheerenden Wechselwirkungen von verschiedensten, verschriebenen Medikamenten verhindern.
5. dann
hirnschlacht 12.02.2013
sollte man auch den Pharmakonzernen aufdiktieren, dass sie endlich Pillen entwickeln sollen, die vor allem den Patienten helfen und nicht nur den nächsten Geldregen für den Konzern bedeuten. Die Krankenhäuser sind doch in erster Linie in ein System gepresst worden, bei dem es nur um Geld geht und nicht um das Wohl der Menschen. Sorry, aber in dem ganzen Artikel wird nur das Wunschdenken praxisferner Theoretiker dargelegt.Zumal im Klinikalltag so viel Unvorhergesehenes passiert, dass man im Nachhinein gar nicht mehr nachvollziehen kann wer nun die "Schuld" an Mehrkosten trägt. Letztendlich wird jeder Beschluss, der aus dem beschriebenen, neuen System hervorgeht nur ein bedeuten: Mehr Arbeit für das ohnehin viel zu knappe Personal.
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Gesundheit wird privatisiert: Warnungen vor dem Unternehmen Krankenkassen

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.