Gesundheitsrisiko Experten warnen vor bleiverseuchtem Kinderschmuck

Der Schmuck ist billig, die Gefahr groß: Armbänder und Kettchen für Kinder sind zum Teil massiv mit Blei verseucht. In der Europäischen Union existieren keine Grenzwerte. Dabei zeigen andere Länder, wie sich die Gefahr bannen lässt.

Von Volker Mrasek

Blei in Kinderschmuck? Besonders hohe Konzentrationen in Anhängern gefunden
LAVES / Oliver Schmidt

Blei in Kinderschmuck? Besonders hohe Konzentrationen in Anhängern gefunden


Der silbern glänzende Schmuckanhänger war bloß daumennagelgroß. Er hatte die Form eines Herzens und sollte wohl zusätzlich zum Kauf von Schuhen animieren, denen er beilag. Doch einen vierjährigen Jungen aus Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota kostete der billige Schnickschnack das Leben. Das Kleinkind verschluckte das Medaillon versehentlich. Zwei Tage später wurde es mit starkem Erbrechen ins Krankenhaus eingeliefert. Dort kam es zum Atemstillstand, der Junge musste wiederbelebt werden. Im Computertomogramm zeigten sich Gehirnödeme. Am dritten Tag konnten die Ärzte nur noch den Hirntod ihres Notfallpatienten feststellen. Am vierten Tag starb der Junge.

Die US-amerikanischen Centers for Disease Control haben den Vorfall aus dem Februar 2006 akribisch dokumentiert. Der Anhänger, der nach der Autopsie analysiert wurde, bestand fast vollständig - zu 99,1 Prozent - aus Blei. Der Vierjährige aus Minneapolis starb an einer akuten Vergiftung mit dem gesundheitsschädlichen Schwermetall.

Ein tragischer Einzelfall. Bisher. Doch er könnte sich durchaus wiederholen. Nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Europa. Sogar in Deutschland.

Keine Grenzwerte in Europa

Während die USA nämlich rasch Höchstwerte für den Bleigehalt und -austritt aus Kinderschmuck festlegten und mehr als 100 Millionen verdächtige Billigartikel aus dem Verkehr zogen, geschah auf EU-Ebene bis heute nichts Vergleichbares. Dabei wird bleihaltiger Kinderschmuck offenbar eifrig in Europa vermarktet.

Das zeigen unter anderem Analysen am Lüneburger Institut für Bedarfsgegenstände, einer Dienststelle des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves). Die Ergebnisse für die Jahre 2007 bis 2009 fasste Oliver Schmidt, Leiter des Fachbereichs Schwermetall-Analytik, jüngst auf dem Deutschen Lebensmittelchemikertag in Hohenheim zusammen.

Von mehr als 200 untersuchten, hierzulande vermarkteten Kinderschmuckartikeln wiesen rund 30 Prozent demnach Giftkonzentrationen auf, die über den - zum Vergleich herangezogenen - zulässigen Höchstwerten in den USA lagen. "Besonders hohe Bleigehalte waren in den Anhängern von Ketten und Armbändern zu finden", sagt Schmidt. "Zwei der Proben bestanden sogar aus reinem Blei." Versteckt war der giftige Schwermetall-Kern unter einer dünnen Chromschicht. Eine Studie der staatlichen dänischen Umweltbehörde bestätigt die zum Teil äußerst hohe Belastung von Billigschmuck auf dem europäischen Markt. Hier betrugen die ermittelten Bleigehalte bis zu 70 Prozent.

Importware aus China häufig verseucht

Bei den auffälligsten Artikeln handelt es sich laut Schmidt um Schmuckanhänger, die nur wenige Euro kosten und oft Tiere, Pilze oder Herzen darstellen. Für solche Formen sei Blei als sehr weiches Material ideal. Ihm sei aufgefallen, "dass diese Anhänger sich auch leicht von einer Kette oder einem Armband abreißen lassen". Der dänischen Untersuchung zufolge ist Importware aus China häufig bleiverseucht.

In Deutschland sind nach Schmidts Angaben zwar noch keine Vergiftungen durch verschluckte Schmuckstücke dokumentiert. Der Lebensmittelchemiker geht aber von einer hohen Dunkelziffer minderschwerer Fälle aus, da die Symptome einer akuten Bleivergiftung denen eines Magen-Darm-Infektes ähnelten. Dies seien Erbrechen, Magenkrämpfe und Verdauungsbeschwerden, gepaart mit Blutarmut und Hautblässe.

Mediziner und Toxikologen sehen aber auch die Resorption geringer Bleimengen durch Kinder sehr kritisch. Einmal aufgenommen, wird das Schwermetall vor allem in den Knochen deponiert und bleibt dort praktisch ein Leben lang - die Halbwertzeit von Blei im Körper wird mit rund 30 Jahren angegeben. Bei Erkrankungen oder in Stresssituationen kann das Gift wieder aus den Depots freigesetzt werden.

Kinder sind besonders gefährdet

Dabei ist Blei gerade für Kinder gefährlich: Ihr Körper nimmt den Stoff in stärkerem Maße auf als der von Erwachsenen; es drohen irreversible Entwicklungsstörungen. Die dänische Umweltbehörde verweist auf den Zusammenhang zwischen einer erhöhten Blei-Belastung und einem verminderten Intelligenz-Quotienten. Nach Angaben der Europäischen Chemikalienagentur ECHA in Helsinki kann die Wissenschaft noch immer keinen sichereren Schwellenwert angeben, unter dem Schäden des zentralen Nervensystems durch Blei ausgeschlossen sind.

Für Analytiker Schmidt ist es angesichts der Fülle verseuchter Proben "dringend geboten", Blei-Grenzwerte für Kinderschmuck nach dem Vorbild der USA einzuführen. Dann hätten die Behörden eine Handhabe, auch schwächer belasteten Tinnef aus dem Verkehr zu ziehen. Andreas Pfalzgraf, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Bedarfsgegenstände" in der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, sieht ebenfalls "Regelungsbedarf": "Erfahrungsgemäß untersuchen staatliche Stellen eher Produktgruppen, für die Grenzwerte existieren. Insofern wäre es hilfreich, wenn es auch Bleigehaltsgrenzen in Kinderschmuck gäbe."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dschinny, 16.11.2010
1. Der letzte Absatz
ist am interessantesten: denn Indischer Silberschmuck wird den Erwachsenen in der Regel als SILBER verkauft und nicht als Blei/Cadmium-Mischung mit Silberanteil. Hier wird der Verbraucher offenbar nicht nur über Inhalte und damit einhergehende Gefahren, sondern auch über den Rohstoffwert getäuscht. Modeschmuck trägt man ja eigendlich nicht auf der Haut, "Silber" dagegen schon. Das bei Krabblern Verschluckungsgefahr besteht, ist ja im Grunde für jeden offensichtlich - also weg damit.
dasbertl 16.11.2010
2. Na toll..
In Batterien ist Blei wie schon nicht mehr zu finden, da gefährlich, aber zum Umhängen scheint es wohl genau das richtige zu sein. Wie oft muss man sich da eigentlich noch ans Hirn langen? An Blei sind zu Beethovens Zeiten massig Menschen verreckt (er selbst wurde u.a. Taub, sein Tod wird heutzutage ebenfalls mit Blei iin Verbindung gebracht), wie giftig Blei ist, ist hinlänglich bekannt. Und das Zeug darf einfach so an Kinder verteilt werden? Aber Gurken müssen gerade sein und Bananen eine bestimmte Krümmung aufweisen (jaja, ich weiß, das ist inzwischen aufgehoben)?! Ihr SPINNT DOCH!
Zyklotron, 16.11.2010
3. Giftmischer
Da man die Hersteller nicht erreichen kann, sollten die Händler drakonisch zur Verantwortung gezogen werden. Wenn jeder Angst hat, solchen China-Dreck zu verkaufen, werden die Billiganbieter ihren Schrott nicht los und müssen aufgeben oder nachbessern. Aber bekanntermaßen handelt das EU-Parlament seit geraumer Zeit nicht mehr im Interesse der Bürger, sondern in dem des spendabelsten "Spenders". Es wird Zeit, das sesselpupende EU-Parlament auf die Straße zu knüppeln und neu zu besetzen.
bundespiepmatz 16.11.2010
4. Hamburgs Wirtschaftsenator Ian Karan will mehr Frachten aus China
Ian Karan, Hamburgs umstrittener Wirtschaftssenator, der zuvor als "Containerkönig" das Bundesverdienstkreuz erhielt, will mehr Frachten aus China in den Hamburger Hafen. Offensichtlich zählt er mit den Verantwortlichen, die in ihrer Geld-Gier das China-Gift ins Land holen und sich einen Dreck um die Gesundheit von Kindern scheren. Und damit die Chinesen mit ihren überdimensionierten Containerschiffen in den Hamburgern Hafen kommen können, setzt sich sich Karan wie blöd für die Elbvertiefung ein - allen Warnungen zum Trotz. Nun ja, er fühlt sich wohl als Chinas Liebling. Meiner Meinung nach ist Ian Karan ein Trojaner der Chinesen.
inci 16.11.2010
5. oooo
Zitat von Dschinnyist am interessantesten: denn Indischer Silberschmuck wird den Erwachsenen in der Regel als SILBER verkauft und nicht als Blei/Cadmium-Mischung mit Silberanteil. Hier wird der Verbraucher offenbar nicht nur über Inhalte und damit einhergehende Gefahren, sondern auch über den Rohstoffwert getäuscht. Modeschmuck trägt man ja eigendlich nicht auf der Haut, "Silber" dagegen schon. Das bei Krabblern Verschluckungsgefahr besteht, ist ja im Grunde für jeden offensichtlich - also weg damit.
ich gehe oft auf floh- und andere märkte. was da mit 925er stempel als "silber" angeboten wird, würde ich mit der kneifzange nicht anfassen, geschweige denn als schmuck tragen. am schönsten ist immer, wenn dann der/die händler/in kommt und einem ganz diskret zuflüstert "silber! mit stempel!" ja sage ich dann immer, und im himmel ist jahrmarkt und in afrika muttertag.........
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.