Von Volker Mrasek
Der silbern glänzende Schmuckanhänger war bloß daumennagelgroß. Er hatte die Form eines Herzens und sollte wohl zusätzlich zum Kauf von Schuhen animieren, denen er beilag. Doch einen vierjährigen Jungen aus Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota kostete der billige Schnickschnack das Leben. Das Kleinkind verschluckte das Medaillon versehentlich. Zwei Tage später wurde es mit starkem Erbrechen ins Krankenhaus eingeliefert. Dort kam es zum Atemstillstand, der Junge musste wiederbelebt werden. Im Computertomogramm zeigten sich Gehirnödeme. Am dritten Tag konnten die Ärzte nur noch den Hirntod ihres Notfallpatienten feststellen. Am vierten Tag starb der Junge.
Die US-amerikanischen Centers for Disease Control haben den Vorfall aus dem Februar 2006 akribisch dokumentiert. Der Anhänger, der nach der Autopsie analysiert wurde, bestand fast vollständig - zu 99,1 Prozent - aus Blei. Der Vierjährige aus Minneapolis starb an einer akuten Vergiftung mit dem gesundheitsschädlichen Schwermetall.
Ein tragischer Einzelfall. Bisher. Doch er könnte sich durchaus wiederholen. Nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Europa. Sogar in Deutschland.
Keine Grenzwerte in Europa
Während die USA nämlich rasch Höchstwerte für den Bleigehalt und -austritt aus Kinderschmuck festlegten und mehr als 100 Millionen verdächtige Billigartikel aus dem Verkehr zogen, geschah auf EU-Ebene bis heute nichts Vergleichbares. Dabei wird bleihaltiger Kinderschmuck offenbar eifrig in Europa vermarktet.
Das zeigen unter anderem Analysen am Lüneburger Institut für Bedarfsgegenstände, einer Dienststelle des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves). Die Ergebnisse für die Jahre 2007 bis 2009 fasste Oliver Schmidt, Leiter des Fachbereichs Schwermetall-Analytik, jüngst auf dem Deutschen Lebensmittelchemikertag in Hohenheim zusammen.
Von mehr als 200 untersuchten, hierzulande vermarkteten Kinderschmuckartikeln wiesen rund 30 Prozent demnach Giftkonzentrationen auf, die über den - zum Vergleich herangezogenen - zulässigen Höchstwerten in den USA lagen. "Besonders hohe Bleigehalte waren in den Anhängern von Ketten und Armbändern zu finden", sagt Schmidt. "Zwei der Proben bestanden sogar aus reinem Blei." Versteckt war der giftige Schwermetall-Kern unter einer dünnen Chromschicht. Eine Studie der staatlichen dänischen Umweltbehörde bestätigt die zum Teil äußerst hohe Belastung von Billigschmuck auf dem europäischen Markt. Hier betrugen die ermittelten Bleigehalte bis zu 70 Prozent.
Importware aus China häufig verseucht
Bei den auffälligsten Artikeln handelt es sich laut Schmidt um Schmuckanhänger, die nur wenige Euro kosten und oft Tiere, Pilze oder Herzen darstellen. Für solche Formen sei Blei als sehr weiches Material ideal. Ihm sei aufgefallen, "dass diese Anhänger sich auch leicht von einer Kette oder einem Armband abreißen lassen". Der dänischen Untersuchung zufolge ist Importware aus China häufig bleiverseucht.
In Deutschland sind nach Schmidts Angaben zwar noch keine Vergiftungen durch verschluckte Schmuckstücke dokumentiert. Der Lebensmittelchemiker geht aber von einer hohen Dunkelziffer minderschwerer Fälle aus, da die Symptome einer akuten Bleivergiftung denen eines Magen-Darm-Infektes ähnelten. Dies seien Erbrechen, Magenkrämpfe und Verdauungsbeschwerden, gepaart mit Blutarmut und Hautblässe.
Mediziner und Toxikologen sehen aber auch die Resorption geringer Bleimengen durch Kinder sehr kritisch. Einmal aufgenommen, wird das Schwermetall vor allem in den Knochen deponiert und bleibt dort praktisch ein Leben lang - die Halbwertzeit von Blei im Körper wird mit rund 30 Jahren angegeben. Bei Erkrankungen oder in Stresssituationen kann das Gift wieder aus den Depots freigesetzt werden.
Kinder sind besonders gefährdet
Dabei ist Blei gerade für Kinder gefährlich: Ihr Körper nimmt den Stoff in stärkerem Maße auf als der von Erwachsenen; es drohen irreversible Entwicklungsstörungen. Die dänische Umweltbehörde verweist auf den Zusammenhang zwischen einer erhöhten Blei-Belastung und einem verminderten Intelligenz-Quotienten. Nach Angaben der Europäischen Chemikalienagentur ECHA in Helsinki kann die Wissenschaft noch immer keinen sichereren Schwellenwert angeben, unter dem Schäden des zentralen Nervensystems durch Blei ausgeschlossen sind.
Für Analytiker Schmidt ist es angesichts der Fülle verseuchter Proben "dringend geboten", Blei-Grenzwerte für Kinderschmuck nach dem Vorbild der USA einzuführen. Dann hätten die Behörden eine Handhabe, auch schwächer belasteten Tinnef aus dem Verkehr zu ziehen. Andreas Pfalzgraf, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Bedarfsgegenstände" in der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, sieht ebenfalls "Regelungsbedarf": "Erfahrungsgemäß untersuchen staatliche Stellen eher Produktgruppen, für die Grenzwerte existieren. Insofern wäre es hilfreich, wenn es auch Bleigehaltsgrenzen in Kinderschmuck gäbe."
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