Giftgas Sarin Tödlicher Dauerstress

Deutsche Forscher haben das Nervengas Sarin entwickelt. Seit Jahren ist es verboten, doch Terroristen und Despoten setzen die hochgiftige Substanz dennoch ein. Die Opfer sind extrem schwer zu behandeln.

Israelische Soldaten (Februar 2009 bei Tel Aviv): Angst vor Giftgas
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Israelische Soldaten (Februar 2009 bei Tel Aviv): Angst vor Giftgas


Der ultimative Beweis steht aus - doch offenbar hat Syriens Regime bei einem Angriff in Aleppo kleine Mengen des Giftgases Sarin zum Einsatz gebracht. Dabei sind seine Herstellung und Lagerung durch die Chemiewaffenkonvention seit 1993 verboten. Die Uno-Sicherheitsratsresolution 687 vom April 1991 stuft die Verbindung außerdem als Massenvernichtungswaffe ein.

Sarin ist für Menschen schon in kleinsten Mengen tödlich, weil es die Signalübertragung zwischen Nervenzellen im ganzen Körper stört. Zu den ersten Symptomen gehören Sehschwierigkeiten, eine laufende Nase und ein Engegefühl in der Brust. Nach und nach versagen dann alle Körperfunktionen, Betroffene fallen ins Koma und sterben. Das liegt daran, dass Sarin dafür sorgt, dass die Verbindungen zwischen den Nervenzellen ständig erregt sind. Der tödliche Dauerstress lässt den Körper schließlich kollabieren.

Die Behandlung einer Sarin-Vergiftung ist sehr schwierig: Mit dem Spritzen von Atropin können Mediziner versuchen, die schlimmsten Effekte zu verhindern. Die Behandlungen sollten erstens schnell beginnen, sind zweitens oft langwierig - und drittens nicht immer erfolgreich. Auch ein Enzym des Mittelmeer-Tintenfischs Loligo vulgaris wurde getestet.

Sarin lässt sich bei Bedarf erst kurz vor dem Einsatz aus zwei Komponenten mischen. Für Angreifer ist das praktisch, weil sie mit den Zutaten der Chemiewaffe leichter hantieren können. Für ihre Opfer ist die Phosphorverbindung tückisch - weil sie es nicht spüren, wenn sie das Sarin aufnehmen. Die Substanz kann durch Einatmen oder Kontakt mit Haut oder Augen in den Körper gelangen, aber - wegen der guten Wasserlöslichkeit - auch über das Trinkwasser. Nur ein Ganzkörperanzug mit Atemmaske schützt vor den tödlichen Effekten.

Britischer Soldat gezielt vergiftet

Das tödliche Gift ist nach seinen Vätern benannt. Das "S" steht für den Bayer-Chemiker Gerhard Schrader, das "A" für Otto Ambros von der IG Farben, das "R" für Gerhard Ritter vom Reichsamt für Wirtschaftsausbau und das "IN" für Hans Jürgen von der Linde vom Heereswaffenamt. Ende der dreißiger Jahre entwickelten deutsche Chemiker die Phosphonsäureester, ursprünglich auf der Suche nach einem Insektenvernichtungsmittel.

Doch dass sich die Substanz auch als chemischer Kampfstoff einsetzen ließ, passte der NS-Führung ausgesprochen gut ins Konzept. Tonnenweise ließ sie Sarin herstellen. Zum Einsatz kam die farb-, geruch- und geschmacklose Substanz im Zweiten Weltkrieg nicht. Das Nervengift stellten in den Jahren und Jahrzehnten darauf freilich auch andere her: USA und Sowjetunion produzierten die Verbindung in großen Mengen. Und das britische Militär musste vor knapp zehn Jahren eingestehen, dass ein Luftwaffensoldat 1953 bei Versuchen im Labor Porton Down in Wiltshire gezielt mit Sarin tödlich vergiftet wurde.

Auch der chilenische Geheimdienst während der Pinochet-Diktatur setzte auf Sarin, ebenso wie der irakische Despot Saddam Hussein. Der setzte Giftgas im Krieg gegen Iran ein - und auch gegen seine eigenen Landsleute. Bei der Giftgasattacke in der Stadt Halabdscha starben im Jahr 1988 bis zu 5000 irakische Kurden. Neben Sarin kamen hier auch noch andere Gase wie Tabun und Senfgas zum Einsatz.

Terroristen und Despoten nutzen die Substanz bis heute. Die japanische Aum-Sekte setzte Sarin bei den Attentaten in Matsumoto (1994) und Tokio (1995) ein. Dabei wurden insgesamt knapp 20 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Besonders problematisch war es, dass viele der Betroffenen das Gift weiter verteilten, zum Beispiel über die Kleidung. An ihren Arbeitsstellen und in Krankenhäusern wurden so weitere Menschen kontaminiert.

chs

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