Gluten-Unverträglichkeit: Zwei Stoffe fördern rätselhafte Darmkrankheit

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Bauchschmerzen, Durchfall, Darmschäden, Depressionen: Eine Gluten-Unverträglichkeit kann schwere Folgen haben. Die genauen Ursachen der sogenannten Zöliakie sind unklar - doch jetzt haben Forscher zwei Substanzen enttarnt, die die verheerende Körperreaktion fördern.

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Gesunde Dünndarm-Schleimhaut: Bei Zöliakie schaden glutenhaltige Lebensmittel

Zöliakie macht sich auf unterschiedliche Art bemerkbar: Manche Patienten verlieren an Gewicht, sind ständig müde oder leiden unter Durchfall und Schmerzen. Andere verfallen in Depressionen, Kinder wachsen eventuell langsamer als für ihr Alter üblich. Was den Betroffenen zu schaffen macht, ist eine überschießende Reaktion ihres Körpers auf Gluten, ein in vielen Lebensmitteln vorkommendes Eiweiß.

Die Immunantwort auf die eigentlich harmlose Substanz führt dazu, dass sich die Dünndarmwand chronisch entzündet und mit der Zeit schwere Schäden davontragen kann. Arbeitet sie nur noch eingeschränkt, nimmt der Körper Nahrung nicht mehr optimal auf - es kommt zu Mangelerscheinungen. So kann etwa die Knochendichte wegen Vitamin-D- und Kalziummangels schwinden und Osteoporose auslösen.

Wie sich die Glutenunverträglichkeit entwickelt, ist noch nicht bis ins letzte Detail geklärt. Dass ein höheres Risiko vererbt wird, ist bekannt, doch auch andere Faktoren spielen eine Rolle.

Bereits Spuren von Gluten schaden

Forscher um Bana Jabri von der University of Chicago im US-Bundesstaat Illinois berichten jetzt im Fachmagazin "Nature" von zwei Substanzen, welche die verheerende Reaktion des Körpers offenbar fördern. Zum einen nennen sie einen körpereigenen Botenstoff, Interleukin-15, zum anderen Retinsäure, die aus Vitamin A gebildet werden kann. Sie hoffen, dass ihre Forschung dabei hilft, ein Medikament gegen das Leiden zu entwickeln.

Denn bisher bleibt Betroffenen nur eine glutenfreie Ernährung, die viele Einschränkungen mit sich bringt. Das Eiweiß steckt in verschiedenen Getreidearten wie etwa Weizen und Roggen. Menschen mit einer Gluten-Unverträglichkeit müssen also auf allerhand verzichten: die meisten Backwaren, Nudeln, Bier sind tabu, es sei denn, man achtet auf glutenfreie Produkte. Da das Eiweiß in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird, findet es sich in vielen Fertigprodukten. Immerhin: Auf Verpackungen muss stehen, ob Gluten enthalten ist.

Bereits Spuren von Gluten können den Betroffenen schaden: Eine Tagesdosis von 20 Milligramm kann bereits Veränderungen an der Darmwand führen, bei 50 bis 100 Milligramm zeigen sie sich praktisch bei jedem. Zum Vergleich: Eine 40 Gramm schwere Scheibe Brot enthält 2,5 Gramm Gluten. Schätzungen zufolge leidet ein halbes Prozent der Deutschen an der Krankheit.

Krankheit bei Mäusen verhindert

Die US-Forscher um Bana Jabri erforschten das Krankheitsgeschehen an Zellkulturen und Mäusen. Zudem untersuchten sie Gewebeproben von Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit. Dabei stellten sie fest, dass deren Interleukin-15-Werte im Darm tatsächlich erhöht waren.

Es passt ins Bild, dass Retinsäure die Krankheit ebenfalls zu fördern scheint: Die Einnahme eines Akne-Medikaments mit dem verwandten Wirkstoff Isotretionin kann in seltenen Fällen zu chronischen Darmkrankheiten führen.

Wie der Botenstoff Interleukin-15 wirkt, testeten die Wissenschaftler ebenfalls an Mäusen. Sie schleusten dafür die Substanz in den Verdauungsapparat von Tieren, die genetisch besonders anfällig für die Krankheit waren. Diese entwickelten daraufhin frühe Zöliakie-Symptome. Blockierten die Forscher Interleukin-15 dagegen, konnten sie den Ausbruch der Krankheit verhindern. Die Forscher hoffen, dass ein entsprechender Wirkstoff als Medikament gegen Zöliakie in Frage kommt. In klinischen Studien wird so ein Mittel ihren Angaben zufolge bereits gegen eine andere Krankheit getestet, die ebenfalls auf einer chronischen Entzündung beruht: rheumatoide Arthritis.

Kein Medikament unmittelbar in Sicht

Ob sich tatsächlich auf Basis dieser Erkenntnisse ein Medikament gegen Zöliakie finden lässt, muss sich erst noch zeigen - und wird auf jeden Fall dauern. Eventuell erreichen andere Kandidaten eher das Ziel. Nach Angabe Stephanie Baas, ärztliche Beraterin bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft, werden bereits Wirkstoffe in klinischen Studien geprüft.

"In der Forschung wird versucht, die Krankheitsaktivität der Zöliakie an vielen verschiedenen Stellen zu unterbrechen", sagt Baas. Das beginnt sogar an einem Punkt jenseits der Medizin: beim Mehl, das mit Enzymen vorbehandelt oder Bakterien versetzt wird, die das Gluten unschädlich machen.

Es gibt Versuche, den Abbau des Glutens zu verbessern, so dass im Dünndarm nichts mehr ankommt, was die dramatische Körperreaktion auslöst. "Auch die Durchlässigkeit des Darms zu senken, ist ein Ziel, weil es der fortschreitenden Entzündung entgegenwirkt", sagt Baas. Forscher arbeiten daran, ein Enzym namens Transglutaminase zu hemmen, welches das Gluten im Darm verändert. Und es wird probiert, bestimmte Strukturen in den Darmzellen auszuhebeln, damit das Immunsystem gar nicht erst eingeschaltet wird.

Andere Wissenschaftler setzten auf ein Prinzip, das dem der Hyposensibilisierung von Allergikern ähnelt: Sie versuchen, den Körper gezielt dazu zu bringen, Gluten wieder zu tolerieren.

"Allerdings haben alle Ansatzpunkte auch ihren Haken. Gerade wenn man Strukturen in Zellen blockiert, die vielfältige Aufgaben erfüllen, wird es sicher Nebenwirkungen geben", sagt Baas. Das gilt sicher auch für eine Blockade für Botenstoffs Interleukin-15.

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1. Dermatitis herpetiformis Duhring
12ullameyko 10.02.2011
oder M. Duhring ist eine andere Variante der Gluten-Unverträglichkeit, die immer mehr um sich greift. Ich habe diese "Variante seit knapp zwei Jahren. Da lösen kleinste Mengen Gluten und auch Milchprodukte das Auftreten von herpesähnlichen Hauteruptionen aus, die unglaublich stark jucken. Ich habe es eine Zeitlang mit Cortison behandelt, bis die Nebenwirkungen zu stark wurden. Daraufhin habe das Cprtison abgesetzt und meine Ernährung komplett auf Rohkost (nach Victoria Boutenko) umgestellt. Die Symptomatik ist dann innerhalb von 4 Wochen komplett verschwunden. Jetzt koche ich eine Mahlzeit am Tag (die anderen Mahlzeiten sind "green smoothies oder Salat) und achte auf glutenfreie, milchfreie Zutaten. Der leiseste Diätfehler hat sofort wieder Juckreiz und Hausymptome zur Folge. Ich kriege es mit Rhus toxicodendron LM 6 und Chlorella dann relativ schnell wieder in den Griff. Ich lebe in den USA und habe dort gelesen, dass- dank Genmanipulation - im heutigen Getreide bis zur fünffachen Menge Gluten enthalten ist. Das würde erklären, warum diese Krankheit (Zöliakie) in den letzten Jahren vermehrt auftritt.
2. Ärzte im Dunkeln
Naturhuf 10.02.2011
Habe mich selbst diagnostizieren müssen, indem ich einfach keine Glutenlebensmittel mehr verspeiste. Das war 2005 und auf einmal hatte ich keinen von Luft aufgeprallten Bauch mehr. Was mich ärgert, ist , dass Glutenunverträgliche ganz schön zur Kasse gebeten werden, wenn es dazu kommt, glutenfreie Lebensmittle zu kaufen. Man wird da auch noch finanziell bestraft.
3. Das ist interessant
karmamarga 10.02.2011
Zitat von 12ullameykooder M. Duhring ist eine andere Variante der Gluten-Unverträglichkeit, die immer mehr um sich greift. Ich habe diese "Variante seit knapp zwei Jahren. Da lösen kleinste Mengen Gluten und auch Milchprodukte das Auftreten von herpesähnlichen Hauteruptionen aus, die unglaublich stark jucken. Ich habe es eine Zeitlang mit Cortison behandelt, bis die Nebenwirkungen zu stark wurden. Daraufhin habe das Cprtison abgesetzt und meine Ernährung komplett auf Rohkost (nach Victoria Boutenko) umgestellt. Die Symptomatik ist dann innerhalb von 4 Wochen komplett verschwunden. Jetzt koche ich eine Mahlzeit am Tag (die anderen Mahlzeiten sind "green smoothies oder Salat) und achte auf glutenfreie, milchfreie Zutaten. Der leiseste Diätfehler hat sofort wieder Juckreiz und Hausymptome zur Folge. Ich kriege es mit Rhus toxicodendron LM 6 und Chlorella dann relativ schnell wieder in den Griff. Ich lebe in den USA und habe dort gelesen, dass- dank Genmanipulation - im heutigen Getreide bis zur fünffachen Menge Gluten enthalten ist. Das würde erklären, warum diese Krankheit (Zöliakie) in den letzten Jahren vermehrt auftritt.
Können Sie dafür eine Quelle oder Beleg geben? Ich habe gerade gegoogled konnte aber nichts finden. Wenn nein, ist das ein eigentlich unerwünschtes Nebenprodukt der GVOs oder bei Ihnen GMOs nach ihrer Quelle oder war das zur Geschmacksverstärkung erwünscht? Betrifft das nur die Monsanto-Arten oder handelt es sich um einen prinzipielle Nebeneffekt. Bedauerlich auch hier wieder die Schicksale, die die Medizin macht, weil der Arzt nicht die richtige "Idee" hat.
4. Schadfrass unserer Zeit
Ursprung 10.02.2011
Man gehe einfach davon aus, dass unnatuerliches Essen Unnatuerliches befoerdert. Unnatuerlich ist Kochen, Braten, backen, salzen, raeuchern, mit Chemikalien versetzen, verzuckern, nicht direkt nach der Ernte gegessen, Milch, Mehlwaren, gezuechteter Pflanzen- und Tierfrass, alles also, was von Landwirten oder Industrie halt denaturalisiert wurde. Also auch alles, was Sie in Discountmaerkten oder aus sogenannten Gourmet-Theken kaufen oder in Restaurants essen. Eines oder mehrere dieser unnatuerlichen Schadstoffe, wozu praktisch alles gehoert, was nicht frisch von Baum, Strauch oder Kraut selber abgesammelt wurde, wird schon bei allen frueher oder spaeter seine Schadwirkung entfalten. Also, was bliebe uns als Ausweg uebrig? Es gibt keinen Ausweg mehr, zudem koennen wir uns von derzeit knapp 7 Milliarden nicht mehr auf maximal 1,5 Milliarden erdvertraegliche Population zurueckentwickeln. Zu spaet, zu spaet! Wir leben in einer Zeit, in der wir durch und in diesen Misstaenden auch sterben werden, vermutlich genau daran. Doch, eines kann man individuell fuer sich selber tun: wer den Aufwand treiben will, kann sein Risiko etwas verringern. Und selbstgesuchte Halbwildpflanzen, wozu auch Gras und das meiste Baumgruen gehoeren, dazufuttern. Soviel davon substituieren wie moeglich, sodass man den prozentualen Anteil des Industriefrasses verringert. Denn in dem "wilden" Frass steckt dermassen viel Gesundkraft, dass es dem Organismus enorm hilft, dem sonstigen Schadfrass unserer Zeit echt was entgegensetzen zu koennen.
5. Endlich wird diesem jahrtausende altem Gift Aufmerksamkeit geschenkt
Markenfetischist 10.02.2011
Glutenunverträglichkeit ist eine Geißel für die Betroffenen, leider sind die vielen Menschen, die meinen Gluten seie "böse" und man müsse es meiden eine Ebensolche. Dass Gluten-freie Ernährung auch für nicht Betroffene irgendwelche gesundheitlichen Vorteile bringt ist totaler Quatsch und nichts weiter als eine Werbemasche.
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