Linsentrübung Forscher entdecken möglichen Wirkstoff gegen Grauen Star

Bei Grauem Star färbt sich die Augenlinse, das Sehvermögen leidet. Bislang hilft nur eine Operation. Nun haben Forscher einen Stoff entdeckt, der die Trübung kurieren könnte.

Grauer Star: Die eingetrübte, verhärtete Linse schränkt das Sehvermögen ein
Corbis

Grauer Star: Die eingetrübte, verhärtete Linse schränkt das Sehvermögen ein


Der Graue Star, die weltweit häufigste Ursache von Erblindung, könnte sich künftig möglicherweise mit Medikamenten behandeln lassen. Forscher haben einen Wirkstoff entdeckt, der die Trübung der Augenlinse im Labor und bei Mäusen verhindert und sogar nachträglich bessert. Das berichten die Forscher um Jason Gestwicki von der University of Michigan in Ann Arbor im Wissenschaftsblatt "Science".

Die Augenlinse des Menschen erzeugt durch die darin enthaltenen hoch konzentrierten Proteine ihre Brechkraft. Damit die Linse transparent bleibt, müssen die Proteine, die noch aus der ersten Lebensphase stammen, bis ins hohe Alter in gelöstem Zustand bleiben. Dafür sorgen die beiden Schutzeiweiße A-Crystallin (cryAA) und B-Crystallin (cryAB). Versagen diese Kristalline, so verklumpen die Proteine, und die Linse trübt sich.

Bislang hilft gegen diesen Grauen Star nur eine Operation, bei der ein künstliches Linsenimplantat eingesetzt wird. Weltweit ist die Hälfte der Menschen im Alter über 70 Jahre von dieser auch Katarakt genannten Trübung betroffen. Die Option einer Operation steht jedoch vielen Menschen aus Entwicklungsländern nicht offen.

Die Schutzeiweiße cryAA und cryAB stellen zusammen etwa 30 Prozent des Proteingehalts der Linse, schreibt das Team um Gestwicki. Sie suchten mit biochemischen Verfahren in einer Substanzbibliothek nach Stoffen, die die Form von cryAB stabilisieren und damit eine Fehlfaltung verhindern. Dabei stießen sie auf 32 vielversprechende Kandidaten.

"Überraschend positive und starke Effekte"

Einer davon, Präparat 29, verhinderte im Labor die Bildung von Eiweißklumpen und löste darüber hinaus bereits bestehende Klumpen teilweise auf. Diesen Stoff testeten die Forscher zunächst an genveränderten Mäusen, die wegen eines cryAB-Defekts schon früh an Grauem Star erkranken.

Die Substanz besserte den Zustand der behandelten Linse binnen zwei Wochen deutlich. Zudem bestätigten die Forscher den Effekt auch an Mäusen mit einem cryAA-Defekt sowie auch an gewöhnlichen Mäusen, die den Katarakt altersbedingt entwickeln.

Schließlich testeten die Wissenschaftler den Stoff am Inhalt von Augenlinsen, die älteren Menschen entfernt worden waren. Ergebnis: Er steigerte darin die Menge aller löslichen Proteine um insgesamt 18 Prozent. "Damit kann Präparat 29 eine vielversprechende Spur zu einer nicht-operativen Therapie sein, sowohl von erblichen als auch von altersbedingten Katarakten", schreiben die Autoren.

In einem "Science"-Kommentar schreibt Roy Quinlan von der britischen Durham University, die Resultate könnten die medikamentöse Therapie von Grauem Star anschieben. "Das sind erste wichtige Experimente", sagt auch Johannes Buchner vom Lehrstuhl für Biotechnologie der Technischen Universität München, der nicht an der Studie beteiligt war. "Sie zeigen überraschend positive und starke Effekte."

Diese Hinweise seien sehr ermutigend, müssten aber in weiteren Studien bestätigt werden. Insgesamt sei das Interesse von Patienten an einer Alternative zur Augenoperation sehr groß.

Die Forscher um Gestwicki betonen, ihr Ansatz könne möglicherweise auch gegen andere Krankheiten helfen, die mit fehlgefalteten Proteinen zusammenhängen - etwa bestimmte Formen von Parkinson oder Demenz. Buchner hält dies für sehr optimistisch. "Die Verbindung zu diesen Krankheiten ist ein sehr weiter Sprung", sagt er. "Aber aufgrund der überraschenden Ergebnisse zum Grauen Star sollte man es probieren."

Seltener Fund

Walter Willems, dpa/boj



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