Grippe-Medikament Forscher bezweifeln Wirksamkeit von Tamiflu

Tamiflu gilt als Wunderwaffe gegen die Schweinegrippe. Jetzt aber fällen Forscher ein vernichtendes Urteil: Sie sehen keinen klaren Beweis dafür, dass das Medikament schwere Komplikationen verhindern kann. Der Hersteller Roche, der mit Tamiflu Milliarden verdient, zweifelt die Untersuchung an.

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Grippemedikament Tamiflu: Mediziner bezweifeln Wirksamkeit
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Grippemedikament Tamiflu: Mediziner bezweifeln Wirksamkeit


Das Medikament spielt eine zentrale Rolle in der weltweiten Bekämpfung der Schweinegrippe: Tamiflu. In England bekamen es anfangs ganze Schulklassen verordnet, prophylaktisch, schon wenn nur einige wenige Schüler an der Schweinegrippe erkrankt waren.

In Deutschland werden Tamiflu und ähnliche Grippemittel entsprechend dem Nationalen Pandemieplan für 30 Prozent der Bevölkerung bereitgehalten. Viele ließen es sich bei Ausbruch der Schweinegrippe sogar selbst vom Arzt verordnen und legten es für den Fall der Fälle in den heimischen Kühlschrank. Tamiflu gilt als Versicherung gegen einen schweren Krankheitsverlauf. Beim Hersteller, dem Schweizer Pharmakonzern Roche, klingelten die Kassen: Dank der Pandemie erwartet Roche allein in diesem Jahr, mit Tamiflu einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro zu erzielen.

Jetzt aber erheben Experten der internationalen Cochrane Collaboration schwere Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments: Es gebe keinen klaren wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Tamiflu Grippe-Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung verhindern könne, schreiben die Forscher um Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration im renommierten "British Medical Journal".

Forscher bemängeln Fehlen nachprüfbarer Daten

Die Wissenschaftler haben 20 wissenschaftliche Studien über Tamiflu systematisch ausgewertet - und beklagen den "Mangel an guten Daten" über das Medikament. So ließen die Forscher acht wichtige nicht oder nur teilweise veröffentlichte Studien nicht in ihre aktuelle Auswertung einfließen, weil sie die Ergebnisse nicht unabhängig überprüfen konnten.

Bei einer früheren Cochrane-Studie über Tamiflu, die zu einer etwas positiveren Beurteilung gekommen war, waren die acht Studien noch berücksichtigt worden. "Damals haben wir uns auf die Ergebnisse einfach verlassen", so Tom Jefferson, einer der Autoren. "Diesmal haben wir jedoch versucht, die Ergebnisse dieser Studien zu rekonstruieren. Weil uns das aufgrund fehlender nachprüfbarer Daten nicht gelungen ist, konnten wir die Studien nicht mehr in unsere Bewertung mit einfließen lassen." In den übrigen Studien konnten die Wissenschaftler keinen Beleg mehr dafür finden, dass Tamiflu Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung verhindern kann.

Der Pharmakonzern Roche erklärte auf der Website des BMJ, man glaube fest an die Zuverlässigkeit der Daten. Regierungen und Zulassungsbehörden hätten vollen Zugang zu allen Studienergebnissen über Tamiflu gehabt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO habe die Rolle des Medikaments im Kampf gegen die Grippe anerkannt. Roche hat inzwischen eine detaillierte Antwort auf die BMJ-Studie veröffentlicht. Ein Großteil der Tamiflu-Daten soll zudem auf einer passwortgeschützten Internetseite zugänglich gemacht werden.

"Wer eine Waffe im Haus hat, benutzt sie auch"

Es ist nicht das erste Mal, dass Experten vor zu hohen Erwartungen an Tamiflu warnen. Das Medikament wirke nur schwach, sagte Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, im Mai im SPIEGEL-Interview. "Die Krankheitsdauer wird im Durchschnitt nur um etwa einen Tag verkürzt." Im Oktober hatten Mediziner vor massiven Nebenwirkungen von Tamiflu gewarnt, nachdem entsprechende Berichte aus Japan bekannt geworden waren. Roche erklärte, die Fälle hätten ursächlich nichts mit dem Medikament zu tun.

In einem Kommentar forderte das "British Medical Journal" neue Gesetze, die sicherstellen sollen, dass in Zukunft alle Rohdaten einer Medikamentenstudie veröffentlicht werden, damit die Studienergebnisse nachvollziehbar sind. "Wenn riesige Mengen öffentlichen Geldes in ein Medikament fließen, müssen alle Daten öffentlich zugänglich sein", heißt es. Solange Roche nicht alle Daten über Tamiflu veröffentliche, blieben Nutzen und Risiken des Medikaments unbekannt - eine absurde Situation, findet BMJ-Chefredakteurin Fiona Godlee: "Regierungen auf der ganzen Welt haben Milliarden für ein Medikament ausgegeben, das die Wissenschaft nun nicht beurteilen kann."

Warum Tamiflu trotz der schlechten Datenlage so verbreitet angewandt wird, kann sich der Cochrane-Autor Nick Freemantle von der University of Birmingham nur so erklären: "Wenn man erst einmal so viel von dem Medikament eingekauft hat wie viele Regierungen es mit Tamiflu getan haben, dann ist es wahrscheinlich ähnlich wie mit der Waffenkontrolle in den USA: Wer eine Waffe im Haus hat, benutzt sie auch leicht einmal. Was aber nicht heißt, dass das richtig ist."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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tito, 09.12.2009
1. Konsens reicht nicht - nirgends
Das gleiche Problem wie in der Klimaforschung: Die Rohdaten und Bearbeitungsprozesse werden nicht offengelegt. Der Peer-Prozess ist absolut keine Gewähr mehr für Qualität der Forschung, kann sogar negativ wirken. Es lebe Karl R. Popper!
küdde rechsteiner 09.12.2009
2. wunderwaffe?
war schon lange klar, dass es keine wunderwaffe ist, auch nicht bei der saisonalen influenza. darum ist es umso wichtiger, dass leute, welche zu komplikationen neigen, geimpft sind.
Luc_Reguin, 09.12.2009
3. Neue Erkenntnis?
Ich verstehe die Aufregung nicht. Es ist doch schon länger bekannt, dass Tamiflu hauptsächlich prophylaktisch wirkt. Die Symptome der Influenza beruhen doch größtenteils auf dem extremen Hochfahren der Immunabwehr - Folge: Fieber, Schweiß, Kopf- und Gliederschmerzen. Aus welchem logisch nachvollziehbaren Grund sollte Tamiflu also nach einem Ausbruch der Influenza den Krankheitsverlauf deutlich lindern? Als Hemmer der viralen Thymidin Kinase hindert es die relativ geringe infektiöse Dosis an viralen Partikeln daran sich ausreichend zu vermehren bevor die Immunabwehr die wenigen infizierten Zellen eliminiert - die Krankheitssymptome bleiben mild/aus. Ist die Influenza hingegen schon ausgebrochen, d.h. das Immunsystem schon auf Hochtouren, ist Tamiflu lediglich eine kleine Unterstützung des Immunsystems beim Kampf gegen den Virus. An der Schwere der Erkrankung (sprich Symptome) ändert Tamiflu im gesundenen Organismus wenig, da erstens das Immunsytem schon an der Leistungsgrenze arbeitet udn zweitens Tamiflu der schieren Anzahl infizierter Zellen nicht Herr werden kann. Selbiges gilt für Folgeerkrankungen wie Lungeninfektionen. Bei einer ausgebrochenen Influenza kann man davon ausgehen, dass das obere Lungengewebe bereits infiziert ist und der Virus sowie überaktivierte Immunzellen selbiges bereits zerstört haben oder noch zerstören werden. Da hilft auch kein Tamiflu, welches (sinnvollerweise) keine immunsuppressive Wirkung hat. Das heißt ein Schutz vor einer bakteriellen Sekundärinfektion, welche die eigentliche Lungenentzündung auslöst, ist nicht gegeben. Prophylaktisch (bzw. kurz nach Kontakt mit dem Virus) hingegen macht die Einnahme von Tamiflu Sinn und schützt auch vor einer möglichen Lungenentzündung. Die Theorie zur Medikation besagt, dass diese nur solange schützend vor der Erkrankung wirkt bis sich der Virus ins Genom der Zelle eingebracht hat, wo ihn Medikamente wie Tamiflu nicht erreichen können. Anschließend ist max. eine Linderung der Erkrankung zu erwarten. Ähnliches beobachten wir auch bei HIV. Bisher ist noch kein Mensch nachweislich erkrankt, der sich 2-3 Stunden nach Viruskontakt mit HAART hat behandeln lassen.
wisser 09.12.2009
4. tamiflu
die gleiche Aussage, wie im Artikel, wurde über des Medikament zur Zeit der Vogelgrippe gemacht.
dasbertl 09.12.2009
5. Was heisst da JETZT?!
Zitat von sysopTamiflu gilt als Wunderwaffe gegen die Schweinegrippe. Jetzt aber fällen Forscher ein vernichtendes Urteil: Sie sehen keinen klaren Beweis dafür, dass das Medikament schwere Komplikationen verhindern kann. Der Hersteller Roche, der mit Tamiflu Milliarden verdient, zweifelt die Untersuchung an. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,666078,00.html
Was heisst da JETZT?! Die Wirksamkeit von Tamiflu wird schon seit LANGEM bezweifelt! Fragen Sie doch mal die USA, da haben die Zulassungsbehörden erhebliche Zweifel und das nicht erst seit gestern...
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