Grippe-Medikament: Forscher zweifeln an Wirksamkeit von Tamiflu

Die Angaben zur Effektivität und Verträglichkeit von Tamiflu sind teilweise zu positiv. Das geht aus zuvor unveröffentlichten Unterlagen des Pharmakonzerns Roche hervor, sagen Epidemiologen. Sie werfen Roche vor, nur einen Bruchteil der Daten veröffentlicht zu haben.

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Forscher kritisieren Roche: Grippemittel Tamiflu wirkt weniger gut als behauptet

Hamburg - Bei Ausbruch der Schweinegrippe 2009 ließen sich viele Deutsche das Medikament Tamiflu verordnen und bunkerten es im Kühlschrank. Dank zahlreicher Studien gilt Tamiflu als Versicherung gegen einen schweren Verlauf der Grippe - sofern man es innerhalb der ersten zwei Tage einnimmt. Den Pharmahersteller Roche freut das, zu Hochzeiten der Pandemie soll der Umsatz bei 1,8 Milliarden Euro gelegen haben. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Bereits 2009 berichtete eine Forschergruppe der internationalen Cochrane Collaboration, es gebe Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments. Es fehlte etwa der klare wissenschaftliche Beleg dafür, dass Tamiflu Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung verhindern könne, berichtete das Team um den italienischen Epidemiologe Tom Jefferson im Fachmagazin "British Medical Journal."

Nach der Auswertung bisher unveröffentlichter Unterlagen zu klinischen Studien, erneuern die Forscher ihre Kritik: Die bisher veröffentlichten Angaben zur Effektivität und Verträglichkeit des Grippemedikaments Tamiflu seien teilweise zu positiv. So habe man in den nachträglich ausgegebenen Dokumenten deutliche Abweichungen zu den bisher veröffentlichten Angaben gefunden. Tamiflu ist demnach weniger wirksam und hat mehr Nebenwirkungen als vom Hersteller angegeben, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Cochrane Database of Systematic Reviews".

Obwohl in einigen Studien schwere Nebenwirkungen in Form von psychischen Beeinträchtigungen und Störungen des Nervensystems aufgetreten waren, sei dies nicht veröffentlicht worden. Stattdessen lese man in den beiden am meisten zitierten Veröffentlichungen: "Es gab keine durch das Mittel verursachten schweren Nebenwirkungen."

"Aufgrund der WHO-Empfehlung haben Gesundheitsbehörden weltweit Milliarden Euro ausgegeben, um Tamiflu zu kaufen und für den Epidemiefall einzulagern", berichtet Jefferson.

"Für Aussagen, nach denen Tamiflu die Übertragung des Influenza-Virus hemmen und schwere Komplikationen bei Grippepatienten verhindern soll, haben wir in den von uns geprüften Daten keinerlei Grundlage gefunden", schreiben Tom Jefferson und seine Kollegen. Genau diese vom Hersteller proklamierten Effekte seien aber der Grund, warum die Weltgesundheitsbehörde WHO Tamiflu als Notfall-Grippemittel bei Epidemien und Pandemien empfehle.

Roche hat 60 Prozent der Studiendaten nicht veröffentlicht

Aus den unveröffentlichten Daten geht unter anderem hervor, dass nach einer Tamiflu-Behandlung genauso viele Patienten wegen einer Lungenentzündung und anderer Komplikationen in Krankenhäusern behandelt werden mussten, wie ohne Behandlung mit dem Grippemittel.

Außerdem haben die Forscher Abweichungen in den Angaben darüber entdeckt, wie viele Teilnehmer der Studien tatsächlich mit Grippe infiziert waren. Es gebe Hinweise dafür, dass Tamiflu die Antikörper-Produktion gegen Influenza beeinflusse, schreiben die Wissenschaftler. Da eine Grippeinfektion anhand solcher Antikörper nachgewiesen wird, seien Patienten möglicherweise falsch zugeordnet worden. Das könnte auch die Ergebnisse verfälscht haben.

60 Prozent der Daten über klinische Studien der Phase III seien niemals veröffentlicht worden, berichten die Wissenschaftler. Phase III umfasst die letzten und umfangreichsten Studien vor Zulassung eines Medikaments. In diesen wird unter anderem die Wirksamkeit gegenüber einem wirkstofflosen Placebo getestet. Unter den unveröffentlichten Daten seien auch die Ergebnisse der größten jemals durchgeführten Tamiflu-Studie an 1.400 Menschen aller Alterstufen. Auch für die aktuelle Auswertung habe man noch nicht alle Daten vom Hersteller erhalten.

Der Pharmakonzern Roche erklärt gegenüber SPIEGEL ONLINE am Mittwoch, man habe den Gesundheitsbehörden weltweit vollständige Daten aus klinischen Studien mit Tamiflu im Rahmen des Zulassungsverfahrens zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse seien in Fachjournals veröffentlicht oder online abrufbar, sagt eine Sprecherin des Konzerns aus Basel. Man stehe hinter den Daten, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Tamiflu belegen.

80 Prozent der klinischen Daten zu Tamiflu seien zudem bereits verfügbar, die noch fehlenden Daten stammten aus Studien, die erst kürzlich abgeschlossen wurden. Der Konzern arbeite daran, auch diese "öffentlich zur Verfügung zu stellen."

"Wir haben Sorge, dass diese Daten der wissenschaftlichen Gemeinschaft verschlossen bleiben und damit auch nicht überprüfbar sind", sagt Jefferson. Bei einem Medikament mit dieser Bedeutung im Seuchenfall sei es jedoch notwendig, alle Belege zu positiven und negativen Wirkungen unabhängig zu prüfen. Nur dann könne man ein vollständiges Bild darüber gewinnen, wann und für wen ein solches Mittel sinnvoll einzusetzen sei.

nik/dapd

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