Großbritannien Todesrate in Kliniken steigt nach ersten Diensten junger Doktoren

"Killing season" nennen Briten die Zeit im August, wenn frischgebackene Mediziner ihre ersten Dienste schieben. Eine Studie hat jetzt ergeben, dass Anfang August tatsächlich sechs Prozent mehr Patienten als Ende Juli sterben. Ob aber die Jungmediziner Schuld darin sind, ist damit noch nicht bewiesen.

Jungärzte im OP: Mehr Todesfälle durch Arbeitseinsatz frischgebackener Mediziner?
Corbis

Jungärzte im OP: Mehr Todesfälle durch Arbeitseinsatz frischgebackener Mediziner?


Im wirklichen Leben eines Jungarztes gibt es keinen George Clooney alias Doug Ross, der falsche Therapien im "Emergency Room" in letzter Minute verhindert. Frischgebackene britische Doktoren werden zwar normalerweise nicht ganz allein in die Notfallambulanz gesteckt, dennoch tragen sie von einem Tag auf den anderen eine große Verantwortung. Und der sind sie möglicherweise nicht immer gewachsen.

Eine in der Fachzeitschrift "PLoS One" veröffentlichte Untersuchung an britischen Kliniken hat jetzt nämlich ergeben, dass mehr Patienten in der Woche nach Arbeitsbeginn der Jungärzte sterben als in der Woche davor.

In Großbritannien treten die "junior doctors" normalerweise am 1. Mittwoch im August ihren Dienst an. Schon länger nennen die Briten die folgende Zeit "killing season" ("tödliche Saison"). Doch bislang fehlten aussagekräftige Studien, ob sich die Arbeit der Grünschnäbel im Weißkittel tatsächlich auf den Krankheitsverlauf ihrer Patienten auswirkt.

Für seine Untersuchung hat ein Forscherteam um Paul Aylin vom Imperial College in London jetzt Daten von knapp 300.000 Patienten verglichen, die ab dem Mittwoch der letzten Juli- oder ersten Augustwoche der Jahre 2000 bis 2008 notfallmäßig in ein Krankenhaus eingeliefert wurden. Etwas mehr als die Hälfte der Notfälle (151.844 Patienten) landete in der letzten Juliwoche, etwas weniger als die Hälfte (147.897 Patienten) in der ersten Augustwoche in der Klinik. Über jeweils eine Woche verfolgten die Wissenschaftler den weiteren Verlauf: Demnach starben in der letzten Juliwoche 2182 Patienten zwischen 2000 und 2008, in der ersten Augustwoche waren es insgesamt 2227 Menschen.

Mehr Tote in der ersten Augustwoche

Um sich zu vergewissern, dass nicht das Alter, Geschlecht, sozialer Status oder begleitende Krankheiten die Ergebnisse beeinflussen, rechneten die Forscher diese Faktoren aus ihren Analysen heraus. Am Ende hatten sie folgende Zahl vorliegen: In der ersten Augustwoche starben durchschnittlich sechs Prozent mehr Notfallpatienten im Krankenhaus als in der letzten Juliwoche.

Ob allerdings tatsächlich die Jungärzte an der höheren Todesrate Schuld sind, ist mit der Studie noch nicht geklärt. "Wir können noch nicht sagen, was der Grund für den Unterschied ist", sagte Aylin. "Es könnte auch ganz einfach das Resultat von unterschiedlichen Patientengruppen sein, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden."

Denn etwa die Schwere der Krankheiten oder Begleitumstände wie Hitzewellen oder Reisezeiten, die auf das Ergebnis Einfluss genommen haben könnten, wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Aylins Fazit lautet daher: "Unsere Studie bedeutet nicht, dass die Leute es vermeiden sollten, in der ersten Augustwoche ins Krankenhaus zu gehen." Vielmehr müsse mit weiteren Untersuchungen und Qualitätsmanagement herausgefunden werden, was die Ursache der unterschiedlichen Todesraten sei.

hei



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