Gummihand-Illusion: Schizophrene nehmen Körper schwächer wahr

Im Experiment fühlen Schizophrenie-Patienten eine Gummihand als Teil des eigenen Körpers. Forscher glauben, dass Sport Betroffenen helfen kann, weil er die Wahrnehmung des eigenen Körpers stärkt.

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Vanderbilt University/ John Russell

Gummihand-Experiment (nach Ehrsson): Kunsthand als eigene wahrgenommen

Wie lose die Verbindung des Menschen zu seinem Körper sein kann, zeigt das berühmte Gummihand-Experiment. Eine Testperson legt die rechte Hand auf den Tisch - sie kann sie jedoch nicht sehen, weil sie unter einer Abdeckung liegt. Dafür blickt der Proband auf eine vor ihm liegende Gummihand. Dann streicht der Versuchsleiter mit je einem Pinsel gleichzeitig über die echte Hand und jene aus Gummi. Viele Testpersonen berichten dann, sie würden die Gummihand als Teil des eigenen Körpers empfinden.

Das Experiment mit der dritten Hand wurde in den vergangenen Jahren in verschiedenen Varianten wiederholt, unter anderem von dem schwedischen Forscher Henrik Ehrsson vom Stockholmer Karolinska Institut. Psychologen der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee) haben die Illusion nun genutzt, um Schizophrenie besser zu verstehen.

Sohee Park und ihre Kollegen führten das Experiment mit 24 Schizophrenie-Patienten und einer Kontrollgruppe bestehend aus 21 gesunden Menschen durch. Dabei zeigte sich, dass die Illusion bei den Schizophrenie-Patienten stärker ausgeprägt war. Die Betroffenen würden ihren Körper weniger stark als ihren eigenen wahrnehmen als die Personen aus der Kontrollgruppe, berichten die Forscher im Fachblatt "Plos One".

"Nach einer Weile beginnen die Schizophrenie-Patienten, die Gummihand zu fühlen", berichtete Park. "Gesunde Menschen bekommen die Illusion auch, aber schwächer." Es gebe aber auch Probanden, bei denen die Täuschung gar nicht funktioniere.

Segensreiches Training

Die entdeckte Beziehung zwischen Schizophrenie und Identifikation des eigenen Körpers könnte auch die positiven Effekte von Sport erklären. Deutsche Forscher hatten 2008 beobachtet, dass ein zwölfwöchiges Trainingsprogramm die Schizophrenie-Symptome bei Betroffenen verringern kann. Zudem hatte sich die Hirnregion des Hippocampus bei den Patienten im Laufe der Studie leicht vergrößert. Ein verkleinerter Hippocampus ist typisch für Schizophrenie-Patienten.

"Sport ist kostengünstig und hat offensichtlich viele positive Wirkungen", sagte Park. Training könne die Schwere einer Schizophrenie reduzieren. "Gezielte Übungen, die eine präzise Körperkontrolle erfordern, wie Yoga und Tanzen, könnten eine hilfreiche Behandlung dieser Krankheit sein."

Zur Überraschung der Forscher erlebte einer der Schizophrenie-Patienten während der Versuche sogar eine sogenannte Out-of-body-Experience - also eine außerkörperliche Wahrnehmung. Er berichtete, dass er etwa 15 Minuten über dem eigenen Körper geschwebt habe. Die Illusion, den eigenen Körper zu verlassen und in die Haut einer anderen Person zu schlüpfen, haben Forscher früher bereits mit Hilfe von sogenannten Head-mounted-Displays erzeugt.

hda

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