Psychologie Warum es so schwer fällt, sich zu ändern

Jeden Sonntag joggen, abends nichts Süßes mehr: Die guten Vorsätze halten meist nur ein paar Wochen. Forscher haben dafür eine Erklärung.

Verkleidete Frauen
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Verkleidete Frauen

Von Henning Engeln


Jedes Jahr, wenn um Mitternacht die Sektkorken knallen und Silvesterraketen ihre feurigen Spuren in den Himmel schreiben, nehmen wir es uns vor: mit dem Rauchen aufhören etwa, abnehmen, geselliger sein, die Steuererklärung endlich rechtzeitig einreichen, alte Freunde mal wieder anrufen, pünktlicher werden, dem Chef energischer Paroli bieten oder das Leben einfach lockerer nehmen.

Doch meistens sind die guten Neujahrsvorsätze bald verflogen, weil die Wirklichkeit irgendwie anders ist. Seltsamerweise haben wir überhaupt kein Problem damit, an unserem Charakter etwas zu bemängeln, tun uns jedoch äußerst schwer damit, ihn zu ändern.

Sind wir nicht der Homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch, der über sich selbst reflektieren kann und einen freien Willen hat? Da sollte es doch leicht sein, sich selbst mit diesem geistigen Rüstzeug neu zu erfinden.

In Wahrheit aber fällt das schwer, und den Gründen dafür sind Mediziner, Psychologen und Biologen inzwischen auf der Spur. Sie haben viel darüber herausgefunden, wie sich die Persönlichkeit entwickelt, welche genetischen, vorgeburtlichen und sozialen Einflüsse sie prägen und wie sich all das auf Biochemie und Verdrahtung unseres Gehirns auswirkt. Die Forscher versuchen den Spielraum für Veränderungen auszuloten und zu erklären, weshalb wir so unterschiedlich sind.

Botenstoffe im Gehirn

Ein erheblicher Teil unserer Persönlichkeit, so haben Genforscher ermittelt, wird von unserem Erbgut diktiert. Studien an Zwillingen und Adoptivkindern ergaben, dass offenbar rund 50 Prozent der Persönlichkeitsfacetten auf das Konto der Gene gehen.

Nur von einigen dieser Erbfaktoren ist bislang bekannt, wie sie genau einzelne Charakterzüge beeinflussen und zu den Unterschieden zwischen den Menschen beitragen. Es sind vor allem solche Gene, die Botenstoffe des Gehirns und Hormone regulieren: Noradrenalin, Dopamin, Serotonin sowie Oxytocin etwa. Diese Stoffe beeinflussen, wie motiviert, empathisch, ängstlich und sozial wir sind.

Eines der Gene etwa sorgt dafür, dass im Gehirn frei gesetztes Serotonin wieder verschwindet. Doch bei einer Variante dieses Gens funktioniert das nicht so gut und der Botenstoff wirkt bei den betreffenden Menschen länger als bei anderen. Die Folge: Wer diese Genvariante von seinen Eltern mitbekommen hat, neigt eher zur Passivität, ist ängstlicher, schneller reizbar und stressempfindlicher als andere.

Doch nicht nur das Erbgut, auch andere Faktoren beeinflussen unsere spätere Persönlichkeit noch bevor wir geboren werden. Einer davon ist Stress, dem die werdende Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt ist. Ausgeschüttete Stresshormone wie Kortisol prägen das Gehirn des Ungeborenen nachhaltig. Solche Kinder werden später impulsiver, vermögen ihre Handlungen nicht so sinnvoll zu planen und haben häufiger emotionale Probleme.

Einfluss der Pubertät

Die Entwicklung im Mutterleib und die Gene machen den Löwenanteil an der späteren Persönlichkeit eines Menschen aus. Nach der Geburt hängt in den ersten Jahren vieles davon ab, wie liebevoll sich die Mutter oder andere Bezugspersonen kümmern und welche sozialen Erfahrungen der neue Erdenbürger macht. Den Feinschliff schließlich besorgen Erlebnisse im späteren Kindesalter und in der Pubertät; sie formen rund 20 Prozent der Persönlichkeit.

So schälen sich die Facetten unseres Charakters bereits in der frühen Kindheit heraus, werden vor allem während der Pubertät nochmals variiert, um sich dann im weiteren Verlauf des Lebens zu verfestigen. Im Alter zwischen 30 und 60 Jahren bleiben die Persönlichkeitsmerkmale recht stabil. Danach ändern sie sich zum Teil wieder ein wenig. So sind viele Senioren weniger offen für neue Erfahrungen als sie es vorher waren, dafür sozial verträglicher.

Doch auch, wenn sich Eigenschaften im Lauf des Lebens etwas modifizieren, so bleiben die Menschen ihrem grundsätzlichen Charakter fast immer treu. Am ehesten sind es dramatische äußere Auslöser, die einen Wandel der Persönlichkeit anstoßen: Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, schwere Krankheit oder erlebte Katastrophen gehören dazu. Doch davon abgesehen, so schreibt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Buch "Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten", halten sich die Möglichkeiten, das eigene Leben zu ändern, in engen Grenzen.

Erfolgskonzept der Natur

Angesichts all der vielen Größen, die unser Gehirn und Verhalten beeinflussen - Gene, Botenstoffe, neuronale Verschaltungen, soziale Prägung - ist das auch kein Wunder. Menschen sind eben verschieden; die einen sind groß, die anderen klein, die einen haben blaue Augen, die anderen braune und das ist bei den Persönlichkeitsmerkmalen nicht anders. Evolutionsbiologen sehen in dieser Vielfalt sogar einen Vorteil, ja ein Kalkül der Natur.

Denn Unterschiede zwischen Individuen sind - das wissen die Biologen seit Darwin - das Material, das es Arten ermöglicht, sich an neue oder wandelnde Umwelten anzupassen. Das Erfolgskonzept der Natur lautet: Je größer die Vielfalt, desto besser werden Lebewesen damit fertig, wenn sich ihre Welt verändert. Und das gilt nicht nur für körperliche Merkmale, sondern ebenso für Verhaltensweisen. In diesem Licht betrachtet, haben alle Persönlichkeitseigenschaften - je nach Umgebung oder Situation - ihre Vor- und Nachteile.

Sehr gesellige, aktive, spontane - extravertierte - Menschen etwa bilden große soziale Netzwerke aus und haben mehr Sexualpartner. Doch auf der anderen Seite neigen sie zu riskanten Unternehmungen oder kümmern sich nicht genug um ihre Familie.

Wer häufig besorgt, ängstlich und angespannt ist, scheint auf den ersten Blick einen Nachteil zu haben, doch in einer Welt voller Gefahren sind es gerade diese Menschen, die dank ihrer Ängste schneller als andere bemerken, wenn es brenzlig wird und sich aufgrund ihrer Befürchtungen dagegen wappnen. Besonders Gewissenhafte schließlich machen zwar alles ganz genau, neigen aber dazu, zu erstarren und nicht mehr flexibel zu sein.

Neugierige Abenteurer

Die Vielfalt an unterschiedlichen Persönlichkeiten, so glauben Evolutionsbiologen, half dem Homo sapiens, als er vor 60.000 bis 70.000 Jahren Afrika verließ, um die Erde zu erobern. Denn auf dieser Reise musste er sich an viele Regionen mit äußerst unterschiedlicher Vegetation, Tierwelt, Geografie und variierendem Klima anpassen.

Ein Charakterzug dürfte bei diesem Exodus in die Welt hinaus besonders hilfreich gewesen sein. Er ist heute unter dem Begriff "Novelty Seeker" bekannt. Dabei handelt es sich um Personen, die sich schnell langweilen und bei denen der Drang, Neues auszuprobieren und das Unbekannte zu erkunden, extrem stark ausgeprägt ist.

Als Ursache haben Forscher bei ihnen im Gehirn einen besonders niedrigen Gehalt des Botenstoffs Dopamin ausgemacht. Er vermittelt normalerweise bestimmten Hirnregionen bei einem ungekannten Sinneseindruck das Signal "Neues entdeckt!". Doch bei den "Novelty Seekers" kommt dieses Signal kaum an, sodass sie eine permanente Sehnsucht nach dem Unbekannten in sich tragen und es sie in die Welt hinauszieht.

In unserer heutigen durchstrukturierten, eingeschliffenen Gesellschaft bereitet ihnen das oft Probleme. Die Betreffenden werden daher häufiger psychisch krank, trinken oder rauchen viel, lassen sich auf waghalsige Abenteuer ein. Gerade dadurch aber fallen sie auch immer wieder positiv auf - etwa durch die Erstbesteigung eines extrem schwierigen Berges.

Und so kann jeder eine sinnvolle Rolle für sich finden. Denn für die Gesellschaft insgesamt gilt: Eine jede Persönlichkeitsnuance hat ihre Stärken, und es ist die Mixtur aus unterschiedlichen Charakteren, die eine Gemeinschaft fit für das Überleben macht. Die Verschiedenheit der Individuen dürfte ein Schlüssel dafür sein, dass wir als Menschheit so erfolgreich sind.

Und daher müssen wir uns vielleicht gar nicht ändern.

insgesamt 36 Beiträge
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tempus fugit 01.01.2018
1. Vor zig-Jahren, nach einer schweren....
...Erkältung/Grippe fuhr ich trotzdem zur Arbeit. Wollte mir gerade die gestopfe Pfeife anzünden das sagte ich mir: Du bist doch schon voll mit Rauch... Hab's unterlassen, bin noch wochenlang mit Pfeife, Tabak und auch mit Zigaretten rumgefahren, aus! Kein Held, einfach aufgehört weil es zuviel war... OK, musste wegen einem geplanten chirurg. Eingriff Blutanalyse machen - da gingen einige Werte durch die Decke. Wurden versch. Medikamente verschrieben etc. pp. Mit einer Minimumdosis und Fd.H. und minimum 10.000 Schritte täglich - nein kein keuchendes NordicWalking oder Joggen - aber bei jedem Wetter liege ich jetzt im grünen Bereich. 120-25 Minuten rund um den Häuserblock. Ohne auf gutes und schmackhaftes zu verzichten, aber dagegen massvoll zu geniessen. Mein Arzt meinte: Komplimente, Sie haben sich - fast - selbst kuriert, es belibt bei der anfängl. medizinischen Unterstützung. Was 'gute Vorsätze' bringen, weiss ich nicht. Mein Sohn hat vor 1 Jahr genau mit dem Rauchen aufgehört - aber so hat halt jeder sein individuelles Aha-Erlebnis.
mens 01.01.2018
2. Kampf
Der dargestellte Werdegang der Charakterbildung zeigt auch, wie schwer es Menschen haben, die in prägenden Phasen schlechten Energien (freundlich gesagt) ausgesetzt waren. Was z.B. Eltern teilweise für Bockmist bauen bedeutet später Herkulesaufgaben für die Person, neue Familie und Therapeuten. Selbst wer sich als Laie umschaut kann teilweise nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Japhyryder 01.01.2018
3. Spannender Artikel
Ich finde mich da irgendwo wieder. Irgendwo? Weil ich beim Lesen an diversen Stellen Zustimmung merkte. So´n inneres Nicken. Ja. Genau. Merkwürdig nur, je älter ich werde, desto chaotischer erlebe ich alles. Ich habe keine Antworten mehr. Nur noch Fragen. Wenn mich heute ein junger Typ fragen würde: Was macht das Leben aus? Oder: Warum bin ich so? Geschweige denn: Wer bin ich? Soll ich bestimmte Dinge tun oder nicht? Ich würde mit ihm reden, klar. Ich glaube, ich würde ihm sagen: "Finde es heraus. Du kannst es. Du darfst es. Du hast die Möglichkeiten. Tu es einfach. Probiere es. Es gibt Menschen, die nie die Möglichkeit dazu haben, herauszufinden, wer sie sind, was sie können, wo ihr Talent ist. Finde heraus, was Du liebst."
sgk43 01.01.2018
4. Fast volle Zustimmung
An sich sehr aufschlussreich, auch wenn mir das Fazit des Artikels zu undefiniert ist, so schreibt man vielleicht im Deutschunterricht, aber die Annahme, dass Leute, die sich (psychisch aber vor allem physisch) einfach nicht im Griff haben, positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, muss entschieden zurückgewiesen werden. Den raufenden, schützenden Steinzeitvater braucht heute niemand mehr, in der Evolution mag Gewaltbereitschaft nützlich gewesen sein, heute ist sie einfach nur zu verurteilen. Trotzdem sehr informativ.
diskantus 01.01.2018
5. Botenstoffe, Hirnverdrahtungen - was für ein Unsinn.
MIt körperlichen Details kann man den Geist nicht erklären. Die westliche Wissenschaft krankt daran, den Geist als Motor für den Körper nicht anerkennen zu wollen: und das ist dann das Ergebnis: Stochern in Zellen, Ganglien und sonst etwas. Die Ursache, warum Vorsätze so oft nicht funktionieren, liegt in zwei Punkten: 1. die Schwierigkeit, alte Gewohnheiten abzulegen - und 2. das Problem, auf von außen kommenden Ratschlägen mit Gewissensbissen reagieren zu wollen. Beides kann nicht funktionieren. Bei "guten Vorsätzen" muss es immer (!) darum gehen, sie als ein Teil des Lebens anzusehen und zu integrieren: etwas, das man gern tut, womit man sich identifizieren kann, weil es einem guttut. Ob es um Abnehmen oder Sport geht oder um Rauch-Abstinenz: immer ist es wichtig, diese Dinge als evident im eigenen Leben zu sehen und sie gerne und freiwillig durchzuführen. Wer z. B. abnehmen will, der sucht und findet seine Ess-Strategie, die es ihm erlaubt, normal ohne Diät oder Hungern zu essen und dennoch dabei abzunehmen. Die Strategie - etwa gesunde zuckerarme gemüsereiche Ernährung - findet und integriert er, so dass er sie ganz von selbst beibehält. Bei Sport /Bewegung das Gleiche: Wer auf Empfehlung anderer hört, der scheitert. Der eine läuft gerne, der andere geht lieber in schnellem Tempo ... nur wenn er es gerne tut, behält er es bei. Also - statt Zellenbohren und sonstwelche Körpertipps lieber den individuellen Geist sprechen lassen.
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