Von Nicola Kuhrt
Was denn jetzt? Tödlich oder nicht? Ron Fouchier, der mit einem Forscherteam ein hochgradig gefährliches H5N1-Virus geschaffen haben will, korrigierte jetzt auf einer Tagung von Fachleuten in Washington frühere Aussagen: Der in seinem Hochsicherheitslabor am Erasmus Medical College in Rotterdam erschaffene Vogelgrippe-Erreger sei zwar ansteckend, aber nicht tödlich. In Übertragungsversuchen mit den "H5N1"-Viren sei keines von sieben in Nachbarkäfigen durch Husten oder Niesen infizierten Frettchen "schwer erkrankt oder verstorben".
Damit relativiert der Niederländer seine früheren Angaben vom September 2011 gegenüber dem Fachmagazin "Science", das neue H5N1-Virus wäre leicht von Mensch zu Mensch übertragbar und führe häufig zum Tod.
Seine damaligen Äußerungen auf einer Fachkonferenz in Malta riefen eine heftige Debatte unter Wissenschaftlern hervor, die bis heute anhält. Anfang Januar blockierte das US-amerikanische Gremium für Biosicherheit NSABB die Veröffentlichung von Fouchiers Studien in den Fachmagazinen "Science" und "Nature" - aus Angst, Terroristen könnten das von niederländischen Forschern veränderte Vogelgrippe-Virus nachbauen und als Biowaffe einsetzen.
Geheime Tagung bei der WHO
In einem offenen Brief, den die Fachmagazine "Nature" und "Science" Ende Januar gemeinsam veröffentlichten, kündigten die verantwortlichen Wissenschaftler an, ihre Arbeit für zunächst 60 Tage zu stoppen. Viele Forscher werteten dies als Zensur und sahen die Freiheit der Wissenschaft bedroht, Kritiker verwiesen hingegen auf die Gefahren der Grippeviren-Forschung. Neben dem Missbrauch könnte ein hochgefährlicher Erreger auch ungewollt aus den Laboren entweichen - mit ungeahnten Folgen.
Ron Fouchier, Adolfo Garcia-Sastre von der Mount Sinai School of Medicine in New York und Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin in Madison verteidigten derweil immer wieder ihre Arbeit. Sie sei von entscheidender Bedeutung für die Bemühungen, eine Veränderung des Vogelgrippevirus in der Natur rechtzeitig zu entdecken - und so möglicherweise eine verheerende weltweite Seuche zu verhindern.
Die Furcht vor ihrer Arbeit sei unbegründet, sagten die Wissenschaftler, alles sei in Übereinstimmung mit geltenden Sicherheitsbestimmungen erfolgt. Zudem habe sich das Virus im Labor zwar unter Frettchen schnell ausgebreitet. Ob das aber auch für Menschen gelte, sei unbekannt und werde aus ethischen Gründen auch nie erforscht werden können.
Daten sollen veröffentlicht werden
Dass sie sich dennoch einem befristeten Stopp ihrer Arbeit beugten, begründeten die Grippeforscher damit, dass Organisationen und Regierungen in aller Welt wohl Zeit brauchen, um herauszufinden, wie man die Ergebnisse der Forschungsarbeit am besten nutzen kann. "Um die Zeit für diese Diskussionen einzuräumen", hieß es, "werden wir jede Forschung mit Vogelgrippeviren, bei der für Menschen stärker ansteckende Erreger entstehen, freiwillig für 60 Tage aussetzen".
Mitten in der Zwangspause, am 17. Februar, berieten dann führende Grippeforscher unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Genf - auf Einladung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Am Ende plädierten die Gesundheitsexperten für eine Veröffentlichung der gesamten Studie, jedoch solle die Publikation erst einmal aufgeschoben werden. Damit stellen sich die Fachleute auf die Seite der Fachmagazine, und gegen die amerikanische Sicherheitsbehörde.
Vielleicht alles halb so schlimm
Auf der Fachtagung am vergangenen Freitag in Washington folgte nun die überraschende Wendung: Fouchier erklärt sein Super-Virus für weit weniger gefährlich als bislang beschrieben.
Das Rätselraten in der Forschergemeinde hat dadurch neue Nahrung erhalten: Hat Fouchier seine ursprünglichen Daten jetzt anders ausgelegt, um eventuelle Sicherheitsbedenken zu zerstreuen? Und wenn ja, warum? Handelte er auf Druck des NSABB? Soll die Öffentlichkeit beruhigt werden, die seit Wochen darüber streitet, ob derart brisante Forschung überhaupt gemacht und deren riskante Ergebnisse publiziert werden dürfen?
Experten berichten inzwischen, dass Fouchier schon bei dem Treffen in Genf am 17. Februar neuere Daten vorgelegt habe und alles besser eingeordnet haben soll. Die Frettchen hätten sich zwar gegenseitig mit dem künstlich erzeugten H5N1-Virus angesteckt, aber die meisten seien nicht krank geworden, gestorben seien sie erst, wenn man ihnen große Mengen des Virus direkt in die Lunge gepustet hat, erklärt Fouchier. Und das sei natürlich kein normaler Ansteckungsweg.
Mitglieder des NSABB wollen ihre Entscheidung, die Studien nicht publizieren zu wollen, nun noch einmal überdenken. Und so lange muss man sich fragen, ob manche Wissenschaftler genau wie einige Medien im aktuellen Fall zu schnell zu viel berichtet haben.
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