H5N1 aus dem Labor: Super-Virus soll doch nicht tödlich sein

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Kehrtwende in der Pandemie-Debatte: Virologe Ron Fouchier hat sich überraschend korrigiert. Sein im Labor erzeugter Vogelgrippe-Erreger sei zwar übertragbar - aber nicht lebensbedrohlich. Nun rätseln Forscher über die plötzlichen neuen Einsichten.

Durchs Mikroskop gesehen: ein Grippe-Virus H5N1 (braun). Zur Großansicht
CDC / dapd

Durchs Mikroskop gesehen: ein Grippe-Virus H5N1 (braun).

Was denn jetzt? Tödlich oder nicht? Ron Fouchier, der mit einem Forscherteam ein hochgradig gefährliches H5N1-Virus geschaffen haben will, korrigierte jetzt auf einer Tagung von Fachleuten in Washington frühere Aussagen: Der in seinem Hochsicherheitslabor am Erasmus Medical College in Rotterdam erschaffene Vogelgrippe-Erreger sei zwar ansteckend, aber nicht tödlich. In Übertragungsversuchen mit den "H5N1"-Viren sei keines von sieben in Nachbarkäfigen durch Husten oder Niesen infizierten Frettchen "schwer erkrankt oder verstorben".

Damit relativiert der Niederländer seine früheren Angaben vom September 2011 gegenüber dem Fachmagazin "Science", das neue H5N1-Virus wäre leicht von Mensch zu Mensch übertragbar und führe häufig zum Tod.

Seine damaligen Äußerungen auf einer Fachkonferenz in Malta riefen eine heftige Debatte unter Wissenschaftlern hervor, die bis heute anhält. Anfang Januar blockierte das US-amerikanische Gremium für Biosicherheit NSABB die Veröffentlichung von Fouchiers Studien in den Fachmagazinen "Science" und "Nature" - aus Angst, Terroristen könnten das von niederländischen Forschern veränderte Vogelgrippe-Virus nachbauen und als Biowaffe einsetzen.

Geheime Tagung bei der WHO

In einem offenen Brief, den die Fachmagazine "Nature" und "Science" Ende Januar gemeinsam veröffentlichten, kündigten die verantwortlichen Wissenschaftler an, ihre Arbeit für zunächst 60 Tage zu stoppen. Viele Forscher werteten dies als Zensur und sahen die Freiheit der Wissenschaft bedroht, Kritiker verwiesen hingegen auf die Gefahren der Grippeviren-Forschung. Neben dem Missbrauch könnte ein hochgefährlicher Erreger auch ungewollt aus den Laboren entweichen - mit ungeahnten Folgen.

Ron Fouchier, Adolfo Garcia-Sastre von der Mount Sinai School of Medicine in New York und Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin in Madison verteidigten derweil immer wieder ihre Arbeit. Sie sei von entscheidender Bedeutung für die Bemühungen, eine Veränderung des Vogelgrippevirus in der Natur rechtzeitig zu entdecken - und so möglicherweise eine verheerende weltweite Seuche zu verhindern.

Die Furcht vor ihrer Arbeit sei unbegründet, sagten die Wissenschaftler, alles sei in Übereinstimmung mit geltenden Sicherheitsbestimmungen erfolgt. Zudem habe sich das Virus im Labor zwar unter Frettchen schnell ausgebreitet. Ob das aber auch für Menschen gelte, sei unbekannt und werde aus ethischen Gründen auch nie erforscht werden können.

Daten sollen veröffentlicht werden

Dass sie sich dennoch einem befristeten Stopp ihrer Arbeit beugten, begründeten die Grippeforscher damit, dass Organisationen und Regierungen in aller Welt wohl Zeit brauchen, um herauszufinden, wie man die Ergebnisse der Forschungsarbeit am besten nutzen kann. "Um die Zeit für diese Diskussionen einzuräumen", hieß es, "werden wir jede Forschung mit Vogelgrippeviren, bei der für Menschen stärker ansteckende Erreger entstehen, freiwillig für 60 Tage aussetzen".

Mitten in der Zwangspause, am 17. Februar, berieten dann führende Grippeforscher unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Genf - auf Einladung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Am Ende plädierten die Gesundheitsexperten für eine Veröffentlichung der gesamten Studie, jedoch solle die Publikation erst einmal aufgeschoben werden. Damit stellen sich die Fachleute auf die Seite der Fachmagazine, und gegen die amerikanische Sicherheitsbehörde.

Vielleicht alles halb so schlimm

Auf der Fachtagung am vergangenen Freitag in Washington folgte nun die überraschende Wendung: Fouchier erklärt sein Super-Virus für weit weniger gefährlich als bislang beschrieben.

Das Rätselraten in der Forschergemeinde hat dadurch neue Nahrung erhalten: Hat Fouchier seine ursprünglichen Daten jetzt anders ausgelegt, um eventuelle Sicherheitsbedenken zu zerstreuen? Und wenn ja, warum? Handelte er auf Druck des NSABB? Soll die Öffentlichkeit beruhigt werden, die seit Wochen darüber streitet, ob derart brisante Forschung überhaupt gemacht und deren riskante Ergebnisse publiziert werden dürfen?

Experten berichten inzwischen, dass Fouchier schon bei dem Treffen in Genf am 17. Februar neuere Daten vorgelegt habe und alles besser eingeordnet haben soll. Die Frettchen hätten sich zwar gegenseitig mit dem künstlich erzeugten H5N1-Virus angesteckt, aber die meisten seien nicht krank geworden, gestorben seien sie erst, wenn man ihnen große Mengen des Virus direkt in die Lunge gepustet hat, erklärt Fouchier. Und das sei natürlich kein normaler Ansteckungsweg.

Mitglieder des NSABB wollen ihre Entscheidung, die Studien nicht publizieren zu wollen, nun noch einmal überdenken. Und so lange muss man sich fragen, ob manche Wissenschaftler genau wie einige Medien im aktuellen Fall zu schnell zu viel berichtet haben.

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1. So richtig schlau werde ich da nicht
stani 05.03.2012
Zitat von sysopKehrtwende in der Pandemie-Debatte: Virologe Ron Fouchier hat sich überraschend korrigiert. Sein im Labor erzeugter Vogelgrippe-Erreger sei zwar übertragbar - aber nicht lebensbedrohlich. Nun rätseln Forscher über die plötzlichen neuen Einsichten. H5N1 aus dem Labor: Super-Virus soll doch nicht tödlich sein - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,819341,00.html)
Also ich hatte mich ja schon bei der Nachricht vor kurzem gewundert, als es hieß dass bei millionen Menschen H5N1-Antikörper nachgewiesen wurden, die bisher angenommenen Sterberaten also viel zu hoch gegriffen waren. Die Sache könnte aber m.E. stimmig sein, denn die Argumentation, dass die bisherigen Raten schlicht auf solche Fälle bezogen waren die einen sehr schweren Verlauf hatten (Krankenhausfälle) ist zumindest nachvollziehbar. Aber es bleibt halt dieser seltsame Beigeschmack, auch bei der jetzigen Nachricht. Hier eine Passage aus der Online-Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes vom Januar: Und jetzt eine auf die toten Fretchen bezogene Passage aus heutigem Spon:
2.
themistokles 06.03.2012
Zitat von sysopKehrtwende in der Pandemie-Debatte: Virologe Ron Fouchier hat sich überraschend korrigiert. Sein im Labor erzeugter Vogelgrippe-Erreger sei zwar übertragbar - aber nicht lebensbedrohlich. Nun rätseln Forscher über die plötzlichen neuen Einsichten. H5N1 aus dem Labor: Super-Virus soll doch nicht tödlich sein - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,819341,00.html)
Rästeln? Nicht wirklich... denn es wurde damals von Seiten der Pharmaindustrie genug Geld mit der Angst verdient, so dass man jetzt bequem "Entwarnung" geben kann. Ich bin gespannt, welcher Virus dieses Jahr angeblich ach so gefährlich sein soll... Mittlerweile ist es doch schon mehr als auffällig!
3.
stani 06.03.2012
Zitat von themistoklesRästeln? Nicht wirklich... denn es wurde damals von Seiten der Pharmaindustrie genug Geld mit der Angst verdient, so dass man jetzt bequem "Entwarnung" geben kann. Ich bin gespannt, welcher Virus dieses Jahr angeblich ach so gefährlich sein soll... Mittlerweile ist es doch schon mehr als auffällig!
Doch ich denke das ist schon sehr rätselhaft das Ganze. Die Möglichkeit dass es irgendwie um Manipulation durch Kräfte im Dunstkreis der Pharmaindustrie geht oder um "Angeberei" eines Projektteams ist eine denkbare Variante. Aber in diesem Fall könnte man fast auf die Idee kommen, dass die Verharmlosung einen ganz anderen Hintergrund hat. Leider gibt es keine Infos, ich habe rumgegoogelt und bin auf mehrere Wissenschaftleraussagen getroffen, nach denen praktisch niemand weitergehende Informationen zur Sache erhält.
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