H7N9: Forscher wollen Virus für Tests aggressiver machen

Um das gefährliche Vogelgrippevirus besser erforschen zu können, wollen Wissenschaftler dessen Aktivität künstlich erhöhen. So ließen sich bessere Impfstoffe entwickeln. Kritiker warnen vor künstlich gezüchteten Biowaffen.

H7N9 Virus (Illustration) : Zur Untersuchung soll die Aktivität des Erregers erhöht werden Zur Großansicht
Corbis

H7N9 Virus (Illustration) : Zur Untersuchung soll die Aktivität des Erregers erhöht werden

Peking - Forscher wollen für Experimente die Aggressivität des tödlichen Vogelgrippevirus H7N9 künstlich steigern. Zum besseren Verständnis der Erreger seien sogenannte "Gain-of-function"-Untersuchungen nötig, argumentieren die Virologen Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka. Sie begründen ihre Forderung in einem offenen Brief, der jetzt im Fachmagazin "Nature" erschienen ist.

Bei derartigen Versuchen erhält ein Gen zum Beispiel eine höhere Aktivität. Solche Experimente sind jedoch höchst umstritten. Der Chef-Epidemiologe von Chinas Zentrum für Seuchenbekämpfung, Zeng Guang, findet derartige Forschungen fahrlässig: "Künstliche Veränderungen des Virus sind sehr gefährlich." In der Natur könne die Veränderung eines Erregers viele Jahre dauern.

Im Labor werde allerdings unmittelbar ein umgewandeltes Virus erzeugt. "Das basiert nicht auf wirklich wissenschaftlichen Forschungen", sagt er. Schließlich gebe es keine Garantie, dass sich das Virus in der Realität genau so verändern würde wie die künstlich erzeugten Mutationen im Labor.

Ron Fouchier vom Medical Center in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka von der Universität Wisconsin-Madison führen hingegen einen großen wissenschaftlichen Nutzen an. Dank der Experimente ließen sich bessere Impfstoffe entwickeln, die Gefahren eines neuen Ausbruchs besser studieren und künstlich die Risiken neuer Übertragungswege analysieren. "Weitere Forschungen sind nötig, einschließlich von Experimenten, die zu "Gain-of-function"-Untersuchungen gehören", heißt es weiter in dem offenen Brief der Forscher.

"Gefahr der Vogelgrippe nicht vorbei"

Im März war die neue Form der Vogelgrippe H7N9 erstmals bei Menschen nachgewiesen worden. In den meisten Fällen gingen die Behörden davon aus, dass sich die Menschen bei Geflügel angesteckt hatten. Tausende Tiere wurden gekeult und Märkte mit lebendem Geflügel geschlossen. Danach ging die Zahl der neuen Ansteckungen fast komplett zurück.

Allerdings vermutete die WHO schon im April, dass sich in einzelnen Fällen das Virus auch direkt zwischen Menschen übertragen haben könnte. Ein Forscherteam um den Wissenschaftler Bao Chang-jun vom Zentrum für Seuchenbekämpfung in der südchinesischen Stadt Nanjing hatte diese Woche im "British Medical Journal" vor den Risiken einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung gewarnt und gemahnt: "Die Gefahr von H7N9 ist auf keinen Fall vorbei."

Die von den den Virologen Fouchier und Kawaoka propagierten Experimente wären nicht die ersten derartigen Untersuchungen. Fouchier hatte bereits mit dem Vogelgrippevirus H5N1 experimentiert, an dem laut WHO seit 2003 mehr als 300 Menschen starben. Nach massiver Kritik musste er pausieren.

Risiken der Forschung zu groß?

Fouchier argumentierte schon damals, dass im Labor mögliche Mutationen getestet werden könnten und damit die Gesundheitsbehörden auf einen Ernstfall besser vorbereitet seien. Kritiker hielten dagegen, dass die Risiken zu groß seien und im Labor Biowaffen geschaffen würden, die gestohlen und gegen Menschen eingesetzt werden könnten.

nik/dpa

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insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Natur regelt das
stani 07.08.2013
Zitat von sysopDer Chef-Epidemiologe von Chinas Zentrum für Seuchenbekämpfung, Zeng Guang, findet derartige Forschungen fahrlässig: "Künstliche Veränderungen des Virus sind sehr gefährlich." In der Natur könne die Veränderung eines Erregers viele Jahre dauern. [/url]
Mit letzterem hat er Recht, aber in der Natur leben die Tiere nicht zu abertausenden in Hallen zusammengedrängt, sondern weit verteilt im Wind und unter zahlreichen anderen Lebensformen. Die Mutationen im Zeitraffer entstehen in erster Linie in den Massentierhaltungsanlagen und ich bin mir ganz sicher dass da schon mehr bekannt ist als veröffentlicht wird. Das ist eigentliche Ursache für das was bald kommen wird, nicht die Forschungen. Die Massentierhaltung ist wie eine Vollgasfahrt in eine Sackgasse, die Natur schaltet das aus.
2. Könnte ...!
clus 07.08.2013
Zitat: "In der Natur könne die Veränderung eines Erregers viele Jahre dauern." Das ist genau der Punkt "könnte"! Die schlimmste aller möglichen Mutationen könnte aber genau so gut schon entstanden und auf dem Weg in dicht besiedelte Gebiete sein. Ausserdem möcht ich Herrn Zeng Guang noch in einem anderen Punkt widersprechen: Aus meiner Sicht besteht die größte Gefahr beim Influenza Virus nicht darin, dass es zu Mutationen kommt, sondern im so genannten "Reassortment" d.h. darin, das zwei verschiedene Stämme den selben Organismus infizieren und es dabei zum Austauch ganzer Genomabschnitte zwischen den Stämmen kommt. Dieses Risiko besteht bei kontrollierten Versuchen mit einzelnen Stämmen unter Laborbedingungen nicht, es sei denn man legt es gezielt darauf an.
3.
mesopotamien00 07.08.2013
Jetzt wird ja wieder nur bestätigt das die ganzn Viren aus dem Laboren stammen !!! Wenn die das so kontrolliert aggressiver machen können dann können sie es auch in die Gegenrichtung steuern ... Ey die Medien zeigen die Dinge offentsichtlich und die Leser checken es immer noch net -.-
4.
Whitejack 07.08.2013
Zitat von mesopotamien00Jetzt wird ja wieder nur bestätigt das die ganzn Viren aus dem Laboren stammen !!! Wenn die das so kontrolliert aggressiver machen können dann können sie es auch in die Gegenrichtung steuern ... Ey die Medien zeigen die Dinge offentsichtlich und die Leser checken es immer noch net -.-
Natürlich können die Forscher das auch in die Gegenrichtung machen. Sie können sogar noch viel mehr machen: Sie können die Viren im Labor lahmlegen oder abtöten. Damit haben sie aber noch kein einziges Virus gekillt, was da draußen rumfliegt. Denken Sie nochmal über den Beitrag nach, den Sie geschrieben haben, dann fällt Ihnen vielleicht auch der Denkfehler auf.
5. Play with Fire and you´ll get burned
beneathasteelsky 07.08.2013
Ich erinnere mich noch gut an die Meldung vor nicht allzu langer Zeit, dass ein Schädling, der für das Massensterben von Bienen in den USA verantwortlich gemacht wird, in Europa aus einem Hochsicherheitslabor entkommen konnte und sich seitdem auch bei uns verbreitet. Da können wir uns schon auf die Meldung freuen, dass Gleiches bald auch mit einem überzüchteten H7N9-Virus passiert. Aber ehrlich gesagt geschieht das den Tierquälern in ihren Labors ganz recht, wenn das passiert. Die Menschheit braucht eben immer erst den Super-GAU um aufzuwachen. Leider trifft es dann aber nur selten die eigentlichen Schuldigen.
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