Prothese Künstliche Hand greift mit Gefühl

Wer eine künstliche Hand trägt, kann zwar greifen - aber nicht fühlen, was er hält oder wie fest er zupackt. Jetzt ist Forschern ein bedeutender Fortschritt gelungen: Sie haben eine Prothese entwickelt, die Tastsignale ans Gehirn sendet.

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LifeHand 2/ Patrizia Tocci

Die Augen verbunden und Kopfhörer auf, so wurde Dennis Aabo Sørensen, 36, von seinen Sinnen getrennt. Es blieb ihm nur sein Tastsinn. Doch der Däne hat seine linke Hand schon vor Jahren verloren. Nun ragen Drähte aus seinem Oberarm, sie enden in künstlichen Fingern.

Er tastet mit der Prothese über den Tisch, greift nach der Hand eines Wissenschaftlers. Sensoren schicken Signale in Sørensens Gehirn, die ihn spüren lassen, was sonst nur echte Finger spüren. "Es war verblüffend", sagt er in einem Video. "Plötzlich konnte ich etwas fühlen, das ich neun Jahre lang nicht gefühlt hatte." Seine Kinder fanden es "cool"; sie nannten ihn während der Versuche "Cable-Guy", den Kabelmann.

Wissenschaftler haben eine Hand entwickelt, mit der Amputierte wieder fühlen können. Im Fachmagazin "Science Translational Medicine" berichten sie von Empfindungen, die bis an die Schmerzgrenze führen. Der Wissenschaftler Stanisa Raspopovic erinnert sich in der Veröffentlichung der Technischen Hochschule Lausanne: "Es war ein sehr aufregender Augenblick, als sich Dennis nach endlosen Stunden mit Tests an der künstlichen Hand zu uns wandte und ungläubig sagte: 'Das ist Zauberei!' Ich spüre das Schließen meiner fehlenden Hand!'"

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Prothese: Künstliche Hand lässt Amputierte wieder fühlen
An jedem Finger der Prothese befinden sich Sensoren. Sie messen die Spannung in den künstlichen Sehnen. Eine Mandarine ist weicher als ein Baseball, ihr Widerstand ist also geringer. Diese Information wird über Drähte an Nerven im Oberarm übertragen, die Nerven leiten die Signale ins Gehirn.

Sørensens Denkorgan registrierte: An meinem Daumen, meinem kleinen Finger und meinem Zeigefinger tut sich etwas. Und das ging so schnell, dass Sørensen seinen Griff anpassen konnte.

"Ich spürte runde Dinge, harte Dinge, weiche Dinge", beschreibt Sørensen seine ersten Eindrücke. Die Wissenschaftler gaben ihm zarte Plastikbecher in die harten Finger der Prothese, Holzwürfel, Verbandsmaterial. Sørensen tastete. "Und plötzlich fühlte ich tatsächlich, was ich tat." Und er fühlte, was er in der künstlichen Hand hielt.

Nerven funktionieren auch Jahre nach der Amputation

Das letzte, was er in seiner echten Hand gehalten hatte, war ein Feuerwerskörper. Er explodierte vorzeitig, fast zehn Jahre ist das her. Ärzte mussten die Hand amputieren.

Die Finger der Prothese, die Sørensen bekam, steuert er mit seinen Muskeln. "Sie funktioniert wie eine Motorradbremse", erläutert er das Prinzip. "Wenn man sie zieht, schließt sich die Hand. Wenn man loslässt, öffnet sie sich." Doch fühlen tut er nichts. Er kontrolliert seine Finger, indem er sie beobachtet und seine Bewegungen anpasst.

"Wir befürchteten eine reduzierte Empfindlichkeit von Dennis' Nerven, weil diese über neun Jahre lang nicht benutzt worden waren", berichtet Raspopovic. "Trotzdem konnten wir seinen Tastsinn reaktivieren."

Mehr als 700 Versuche machten die Wissenschaftler mit Sørensen, alle in den letzten sieben Tagen der Versuchsreihe. Die Experimente fanden im römischen Gemelli-Spital statt, einem Universitätsklinikum.

Nach vier Wochen mussten die Elektroden der neuen, fühlenden Prothese wieder entfernt werden. So verlangen es die Sicherheitsbestimmungen für klinische Studien. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass sie auch über Jahre im Körper bleiben könnten, ohne Schäden an den Nerven zu verursachen.

Sørensen vermisst die Neuentwicklung jetzt schon. Doch er muss sich gedulden. Auf dem Markt geben wird es die Prothese mit Gefühl erst in vielen Jahren, schränken die Wissenschaftler ein. Eine lebensechte "bionische Hand" ist noch in weiter Ferne.

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