Von Nicola Kuhrt
Stuttgart - Auf der Krankenstation lernte Jörg Dannenhauer gleich einen Koch kennen, dem es ähnlich ging. Der hatte Bärlauch gepflückt, im Park. Und sich mit dem Hantavirus infiziert. Bei Dannenhauer passierte es wohl während einer Fahrradtour. Einige Tage nach dem Familienausflug hatte er Rückenschmerzen. Als auch Kopf und Bauch stark schmerzten und das Fieber stieg, ging der Ingenieur zum Arzt. Der diagnostizierte eine Infektion mit Hantaviren. Dannenhauers Nieren waren bereits um 50 Prozent angeschwollen - daher die Rückenschmerzen.
Hantavirus-Infektionen sind in Deutschland seit Mitte der achtziger Jahre bekannt, jährlich werden durchschnittlich 500 Fälle erfasst. Europaweite Statistiken zeigen, dass im Abstand von zwei bis drei Jahren stets mit einem Anstieg der Fälle zu rechnen ist - so auch in Deutschland: Im Jahr 2007 wurden 1688 Fälle, im Jahr 2010 dann 2017 Fälle gemeldet. Auch in diesem Jahr verbuchen Forscher steigende Zahlen. Bereits bis Mai wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) 693 Fälle gemeldet. Die meisten Neuinfektionen gab es in den Vorjahren in den Sommermonaten, es ist also mit höheren Werten zu rechnen.
Haben Behörden zu spät gewarnt?
Das Risiko einer Infektion lässt sich eigentlich leicht verringern: Übertragen werden die Erreger in Deutschland durch wildlebende Nagertiere wie Rötel-, Brand- und Feldmäuse. Sie scheiden das Virus vor allem über Kot und Urin aus.
Menschen sollten den Kontakt zu Nagern und deren Ausscheidungen vermeiden, bei Waldspaziergängen in den betroffenen Regionen nicht durchs Unterholz laufen, beim Frühjahrsputz in Garage oder Gartenhaus ebenfalls achtsam sein. (Hinweise zur Vermeidung einer Infektion finden sich hier.)
Doch woher kommt der aktuelle Anstieg der Hantavirus-Infektionen? Haben die Gesundheitsbehörden zu spät oder zu zurückhaltend gewarnt, nachdem 2011 ein unauffälliges Hantavirus-Jahr war?
Der genaue Grund für die starken Zunahmen der Infektionsfälle ist unbekannt, erklärt das RKI in einer Mitteilung am 4. März. Man würde aktuell Anzeichen für ein vermehrtes Auftreten von Hantavirus-Infektionen sehen. Grund: Buchen und Eichen vor allem in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen hätten laut den Forstbehörden besonders viele Früchte ("Vollmast") getragen. Das wiederum könnte zu einem Anstieg der Rötelmaus-Population führen.
Monitoringprogramm erfasst Rötelmausbestand
Die Forscher haben wohl recht behalten. Ihr Dilemma: Wie früh soll eine Warnung erfolgen? Es geht auch darum, eine unnötige Panik zu vermeiden. Im Fall des Hantavirus kommen weitere Schwierigkeiten hinzu, sagt Jens Jacob vom Julius Kühn-Institut (JKI). Zum einen, weil das Virus nur regional begrenzt auftritt, zum anderen, weil die starken Schwankungen der jährlichen Infektionen noch nicht gänzlich verstanden sind.
Wie entwickelt sich der Anteil infizierter Rötelmäuse - innerhalb und im Verhältnis zur Größe einer Gruppe? Es gilt als wahrscheinlich, dass mit dem Anstieg der Gruppengröße auch das Infektionsrisiko steigt. "Bekommen die Tiere dann durch die Buchenmast noch ein besonders gutes Nahrungsangebot, verbessert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit der Tiere im Winter", sagt Jacob. So gibt es mehr Nager im Frühjahr, die sich fortpflanzten und das Virus weitergeben: Der Mensch trifft auf noch mehr infizierte Tiere.
Um effektiver und früher auf die wiederkehrenden Massenvermehrungen von Rötelmäusen und dem damit verbundenen Risiko für die Menschen reagieren zu können, entwickeln die Wissenschaftler am JKI nun ein Monitoringprogramm, mit dem das natürliche Vorkommen größerer Rötelmaus-Gruppen erfasst werden soll.
Der biologisch-ökologische Zusammenhang von Rötelmausdynamik und menschlichen Infektionsraten wird dokumentiert, ein besonderer Blick liegt dabei auf möglichen klimatischen Veränderungen. Letztlich soll es zukünftig möglich sein, rechtzeitig die relevanten Zielgruppen zu informieren, sagt Jacob. "Das funktioniert dann zwar nicht so wie der Wetterbericht, kann aber ein wertvolles Frühwarnsystem werden.
Jörg Dannenhauer aus Stuttgart würde das begrüßen, wusste er doch nichts von seinem Risiko, als er radeln ging. Nach fünf Tagen im Krankenhaus konnte der Ingenieur wieder nach Hause gehen, insgesamt war er drei Wochen außer Gefecht gesetzt. Als erstes hat er einen Warnhinweis für andere Spaziergänger aufgestellt, das Schild prangt unübersehbar am Beginn des Waldwegs.
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