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Infektionen in Deutschland: Forscher planen Frühwarnsystem gegen Hantavirus

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Betroffen sind vor allem die Schwäbische Alb, der Bayerische Wald und das Münsterland. Derzeit erkranken ungewöhnlich viele Menschen in Deutschland an einer grippeähnlichen Krankheit, ausgelöst vom Hantavirus. Verbreitet wird der Erreger über die Rötelmaus. Jetzt planen Forscher Gegenmaßnahmen.

Hantavirus-Infektionen: Risiko Rötelmaus Fotos
Corbis

Stuttgart - Auf der Krankenstation lernte Jörg Dannenhauer gleich einen Koch kennen, dem es ähnlich ging. Der hatte Bärlauch gepflückt, im Park. Und sich mit dem Hantavirus infiziert. Bei Dannenhauer passierte es wohl während einer Fahrradtour. Einige Tage nach dem Familienausflug hatte er Rückenschmerzen. Als auch Kopf und Bauch stark schmerzten und das Fieber stieg, ging der Ingenieur zum Arzt. Der diagnostizierte eine Infektion mit Hantaviren. Dannenhauers Nieren waren bereits um 50 Prozent angeschwollen - daher die Rückenschmerzen.

Hantavirus-Infektionen sind in Deutschland seit Mitte der achtziger Jahre bekannt, jährlich werden durchschnittlich 500 Fälle erfasst. Europaweite Statistiken zeigen, dass im Abstand von zwei bis drei Jahren stets mit einem Anstieg der Fälle zu rechnen ist - so auch in Deutschland: Im Jahr 2007 wurden 1688 Fälle, im Jahr 2010 dann 2017 Fälle gemeldet. Auch in diesem Jahr verbuchen Forscher steigende Zahlen. Bereits bis Mai wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) 693 Fälle gemeldet. Die meisten Neuinfektionen gab es in den Vorjahren in den Sommermonaten, es ist also mit höheren Werten zu rechnen.

Haben Behörden zu spät gewarnt?

Das Risiko einer Infektion lässt sich eigentlich leicht verringern: Übertragen werden die Erreger in Deutschland durch wildlebende Nagertiere wie Rötel-, Brand- und Feldmäuse. Sie scheiden das Virus vor allem über Kot und Urin aus.

Menschen sollten den Kontakt zu Nagern und deren Ausscheidungen vermeiden, bei Waldspaziergängen in den betroffenen Regionen nicht durchs Unterholz laufen, beim Frühjahrsputz in Garage oder Gartenhaus ebenfalls achtsam sein. (Hinweise zur Vermeidung einer Infektion finden sich hier.)

Doch woher kommt der aktuelle Anstieg der Hantavirus-Infektionen? Haben die Gesundheitsbehörden zu spät oder zu zurückhaltend gewarnt, nachdem 2011 ein unauffälliges Hantavirus-Jahr war?

Der genaue Grund für die starken Zunahmen der Infektionsfälle ist unbekannt, erklärt das RKI in einer Mitteilung am 4. März. Man würde aktuell Anzeichen für ein vermehrtes Auftreten von Hantavirus-Infektionen sehen. Grund: Buchen und Eichen vor allem in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen hätten laut den Forstbehörden besonders viele Früchte ("Vollmast") getragen. Das wiederum könnte zu einem Anstieg der Rötelmaus-Population führen.

Monitoringprogramm erfasst Rötelmausbestand

Die Forscher haben wohl recht behalten. Ihr Dilemma: Wie früh soll eine Warnung erfolgen? Es geht auch darum, eine unnötige Panik zu vermeiden. Im Fall des Hantavirus kommen weitere Schwierigkeiten hinzu, sagt Jens Jacob vom Julius Kühn-Institut (JKI). Zum einen, weil das Virus nur regional begrenzt auftritt, zum anderen, weil die starken Schwankungen der jährlichen Infektionen noch nicht gänzlich verstanden sind.

Wie entwickelt sich der Anteil infizierter Rötelmäuse - innerhalb und im Verhältnis zur Größe einer Gruppe? Es gilt als wahrscheinlich, dass mit dem Anstieg der Gruppengröße auch das Infektionsrisiko steigt. "Bekommen die Tiere dann durch die Buchenmast noch ein besonders gutes Nahrungsangebot, verbessert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit der Tiere im Winter", sagt Jacob. So gibt es mehr Nager im Frühjahr, die sich fortpflanzten und das Virus weitergeben: Der Mensch trifft auf noch mehr infizierte Tiere.

Um effektiver und früher auf die wiederkehrenden Massenvermehrungen von Rötelmäusen und dem damit verbundenen Risiko für die Menschen reagieren zu können, entwickeln die Wissenschaftler am JKI nun ein Monitoringprogramm, mit dem das natürliche Vorkommen größerer Rötelmaus-Gruppen erfasst werden soll.

Der biologisch-ökologische Zusammenhang von Rötelmausdynamik und menschlichen Infektionsraten wird dokumentiert, ein besonderer Blick liegt dabei auf möglichen klimatischen Veränderungen. Letztlich soll es zukünftig möglich sein, rechtzeitig die relevanten Zielgruppen zu informieren, sagt Jacob. "Das funktioniert dann zwar nicht so wie der Wetterbericht, kann aber ein wertvolles Frühwarnsystem werden.

Jörg Dannenhauer aus Stuttgart würde das begrüßen, wusste er doch nichts von seinem Risiko, als er radeln ging. Nach fünf Tagen im Krankenhaus konnte der Ingenieur wieder nach Hause gehen, insgesamt war er drei Wochen außer Gefecht gesetzt. Als erstes hat er einen Warnhinweis für andere Spaziergänger aufgestellt, das Schild prangt unübersehbar am Beginn des Waldwegs.

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1.
olaf313 23.05.2012
Die Pharmaindustrie reibt sich wieder den Bauch. Ein paar Untergangsszenarien in die begierige deutsche Presse streuen, hier und da ein Lobbyisten mit Geldkoffer losschicken und schon werden wieder ein paar Milliarden Impfampullen geordert, die dann im Merr versenkt werden.
2.
banjodido 23.05.2012
Gut das es in diesem Fall keine Schutzimpfung besteht und auch die Therapie bei Erkrankung nur symptomatisch ist; Nix mit speziellen anti-viralen Medikamenten a la Tamiflu. Was will denn dan die Pharmalobby verkaufen, Krankenhausbetten?
3.
tucks42 23.05.2012
Wer streut denn hier Untergangsszenarien? Hier wird recht sachlich über die vermuteten Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Hantavirus-Erkrankungen und Rötelmauspopulation berichtet. Daß das Hanta-Virus eine potentiell gefährliche Erkrankung ist wird angeschnitten, aber nicht weiter vertieft. Ich sehe hier wirklich keine Panikmache sondern einen interessanten Artikel. Wenn bei Ihnen bereits das Wort Virus einen pawlowschen Schreibreflex auslöst sollten Sie vielleicht sich Hilfe holen. Übrigens gibt es gegen das Hantavirus bisher keinen wirksamen Impstoff und selbst wenn Stünde eine Massenimpfung überhaupt nicht zur Debatte.
4. Wie schrecklich
dreimalnachgedacht 23.05.2012
Der arme Koch liegt im Krankenhaus! weiß er denn nicht wie gefährlich das ist! Dort infizieren sich hunderttausende Patienten jedes Jahr mit hochresistenten Erregern.
5. Hantavirus
memphisqueen 23.05.2012
Ich war mit dem Hantavirus konfrontiert und reiste in die USA. Dort hats mich dann total erwischt, ich hatte plötzlich Organversagen. Nach Einlieferung auf eine Rettungsstation gab man mir nur noch kurze Zeit. Dialyse 3 x, Lebensgefahr, Intensivstation. Die Ärzte haben mich dort wieder hingekriegt, alles ist wieder okay aber ich bin sehr sensibel auf jede körperliche Veränderung und lebe in Angst. Ich habe Panikattacken entwickelt und ging über ein Jahr nicht mehr aus dem Haus. Man sollte nicht so leichtfertig über diesen Virus reden und ihn einfach ernst nehmen.
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Übermittelte Hantavirus-Fälle
Jahr Anzahl
2001 182
2002 228
2003 144
2004 242
2005 447
2006 72
2007 1688
2008 243
2009 181
2010 2017
2011 305
2012 693
Gesamt 6442
nach Jahr, Deutschland, Fälle entsprechend der Referenzdefinition des RKI; Datenstand: 16.05.2012

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