Test für neue Therapie: Mit Viren gegen den Krebs im Kopf

Viren lösen Krankheiten aus und können zur Entstehung von Krebs beitragen. Einige Arten aber könnten auch Gutes tun: Mediziner planen den gezielten Einsatz gegen Tumorzellen. Deutsche Forscher haben weltweit die erste Therapie gestartet.

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Corbis

Der Scan zeigt den Tumor im Kopf: "Krebsbehandlung mit Parvoviren kann funktionieren"

Heidelberg - "Normalerweise gelten Viren als Ursache von Krebs", sagte Jean Rommelaere, Leiter der Abteilung Tumorvirologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. "Es gibt aber auch Viren, die die Tumorentstehung hemmen können." Auf diesen onkolytischen Viren ruht seit einiger Zeit die Hoffnung von Krebsforschern.

Als onkolytische Viren bezeichnen Mediziner Erreger, die Tumorzellen infizieren können - möglichst ohne eine schwere Erkrankung des Patienten zu verursachen. Dabei setzen die Forscher auf Viren, die sich möglichst nur in Tumorzellen vermehren. Eine solche Infektion führt, so die Hoffnung, zum Absterben der Tumorzellen.

Der Ansatz, Krebs mit solchen Viren zu behandeln, steckt noch in den Anfängen: Wissenschaftler suchen nach geeigneten Viren und erforschen deren Auswirkungen auf gesunde wie kranke Zellen. Als "Kandidaten" gelten beispielsweise bestimmte Parvoviren.

Seit 1992 beschäftigt sich Jean Rommelaere am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg mit diesen Erregern, in Versuchen mit Ratten hatten Parvoviren 2010 gezeigt, dass sie bösartige Hirntumore (Glioblastoma) vollständig zurückdrängen können. "Damit haben wir demonstriert, dass eine Krebsbehandlung mit Parvoviren funktionieren kann. An dieser Stelle wollten wir unbedingt weitermachen, weil wir die große Chance sahen, mit unserer Virustherapie auch Menschen helfen zu können", erklärt Rommelaere.

Erster Test dient der Verträglichkeit

Um ihre lebensbedrohlichen Hirntumore zu bekämpfen, wurden nun drei Patienten in Heidelberg in einem weltweit erstmaligen Experiment die Viren injiziert. Diese erste Behandlung erfolgte unter der Leitung von Andreas Unterberg und Karsten Geletneky von der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg.

In dieser ersten von insgesamt drei Phasen einer klinischen Studie wird zunächst überprüft, ob Menschen den Einsatz von Parvoviren überhaupt vertragen. "Erst wenn die Sicherheit der Therapie nachgewiesen ist, wird es in einer zweiten Phase darum gehen, die Wirksamkeit eingehend zu erforschen", erklärt Neurochirurg Unterberg. "Natürlich hoffen wir, dass die Therapie die Überlebenszeit von Glioblastom-Patienten erhöht."

Bis man verlässliche Aussagen darüber treffen könne, werde es aber noch einige Jahre dauern. Die ersten drei Patienten hätten die Viren alle gut vertragen, erklärte Unterberg. "Nun warten wir auf eine Zwischenbewertung der Kontrollbehörden zur Abschätzung der Sicherheit, bevor der nächste Patient in die Studie eingeschlossen werden kann." Die erste Phase der Untersuchung soll im Dezember 2012 abgeschlossen sein.

Viren werden direkt in Hirntumor gespritzt

Insgesamt 18 Patienten sollen bis dahin einbezogen werden, eingeteilt in zwei Gruppen. Den ersten neun Menschen wird ein Katheter bis zum Tumor gelegt, um die Viren direkt dort hinein zu spritzen. Zehn Tage später entfernen die Ärzte dann den Tumor in einer Operation. Zusätzlich injizieren sie die Viren in die Wände des entstehenden Loches.

Die zweite Neunergruppe erhält an fünf aufeinanderfolgenden Tagen je eine Injektion der Viren in die Blutbahn. Am zehnten Tag wird operiert und auch hier das Virus zusätzlich in die Ränder der Operationswunde gespritzt - wie bei der ersten Gruppe. "In dieser zweiten Gruppe können wir untersuchen, ob die Viren allein bis zum Tumor tief im Hirn vordringen können", sagt Geletneky. Einbezogen werden Patienten, die nach einer ersten Operation einen Rückfall erleiden.

Glioblastoma streuen schon in einem frühen Stadium Zellen in die Umgebung. Sie gehören zu den aggressivsten Hirntumoren. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 3500 Menschen daran, heißt es beim Heidelberger Team. Trotz aller Hilfen liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei unter fünf Prozent. Die Zellen in solchen Tumoren teilen sich schnell, mitunter kommt es zu Blutungen.

Ärzte hoffen auf Nebeneffekt

Die Ärzte können operieren, eine Chemotherapie einleiten, bestrahlen oder eine Kombinationstherapie beginnen. Von dem nun erstmals am Menschen getesteten Therapieansatz erhoffen sich die Ärzte eine Verbesserung der Überlebenschancen.

Die Ärzte weisen darauf hin, dass die Viren unabhängig von den Medikamenten oder der Bestrahlung wirken. Und sie hoffen auf einen Nebeneffekt: Wenn die Viren die Tumorzellen zerstören, werden Bruchstücke von Zellen und Viren frei. Diese könnten zusätzlich das Immunsystem aktivieren, das sich daraufhin verstärkt gegen die Krebszellen richten könnte.

Im besten Fall gibt es drei gute Resultate: Die Viren vermehren sich, das Tumorgewebe wird zerstört. Der nun begonnene, erste Teil der Studie zeigt aber nur, ob das Virus sicher beim Menschen eingesetzt werden kann. Genehmigt ist die Untersuchung von der zuständigen Bundesbehörde - dem Paul-Ehrlich-Institut - sowie der Heidelberger Ethikkommission.

Parvoviren gehören mit einem Durchmesser von nur rund 20 Millionstel Millimetern zu den kleinsten bekannten Viren. Die Erreger vermehren sich nur in sich teilenden Zellen - Krebszellen tun das besonders häufig, sagt Geletneky. Der endgültige Mechanismus hierfür sei aber nicht bekannt.

nik/dpa

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