Streit um teure Hepatitis-C-Pille Der Preis fürs Überleben

Sovaldi ist das erste Medikament, das viele Hepatitis-C-Patienten heilen könnte. Doch eine Pille kostet 700 Euro, Krankenkassen befürchten Milliardenkosten. Für Patienten wie Giovanni Ferro ist es die Hoffnung auf ein besseres Leben.

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Giovanni Ferro

Entsetzt schauten die Kinder auf ihren Pfarrer. Blut tropfte von seinen Händen, sickerte über seinen Anzug. Viermal hatte ein verwirrter Mann Giovanni Ferro, damals 37 Jahre, mit einem Schlachtermesser in den Oberkörper gestochen, das Herz nur knapp verfehlt. In der italienischen Mission "Cattolica" in Frankfurt war das, am 1. Februar 1980. Ferro hatte im ersten Stock im Büro gearbeitet, mit letzter Kraft schleppte er sich ins Erdgeschoss des Gebäudes. So stand es später in der Nachtausgabe der "Abendpost".

21 Tage lag Ferro im Krankenhaus, mehrfach wurde er operiert, bekam Bluttransfusionen. "Dabei ist es passiert", erzählt Ferro, heute 71 Jahre alt. Zum zweiten Mal hatte er Pech: Durch eine verseuchte Blutkonserve wurde er mit Hepatitis C infiziert. Der Geistliche lebte seitdem mal besser, mal schlechter mit der Erkrankung. Medikamente konnten die Viren niemals gänzlich aus seinem Körper vertreiben, zwei Mal bekam er eine neue Leber eingepflanzt. 30 Jahre ging das so. Jetzt wurde er durch eine neue Therapie mit dem Medikament Sovaldi (Wirkstoff Sofosbuvir) vollends gesund.

Der Preis für das Überleben

Als Giovanni Ferro im Frühjahr 2014 seine Behandlung mit Sovaldi begann, tobte in Deutschland längst ein Streit darüber, wie teuer ein einzelnes Medikament sein darf, das Menschenleben retten kann. Derzeit verlangt Sovaldi-Hersteller Gilead pro Pille 700 Euro, eine 24-Wochen-Therapie kann schnell bis zu 200.000 Euro kosten. Damit sei Sovaldi wertvoller als Gold - und zu teuer, sagen die Krankenkassen. Das könne sich Deutschland nicht leisten - zumal Experten die Wirkung der Pille noch nicht abschließend bewertet hätten.

Bis Samstag müssen sich die Krankenkassen mit Gilead auf einen neuen Preis einigen. Gelingt dies nicht, könnte der US-Konzern die Wunderpille wieder vom Markt nehmen.

Hepatitis C ist eine chronische Krankheit. Auf lange Sicht führt sie bei vielen Erkrankten zu schweren Leberschäden, Leberzirrhose oder Leberkrebs. In Deutschland sind rund 500.000 Menschen an Hepatitis C erkrankt. Bisherige Medikamente halfen nur einer Minderheit. Berüchtigt ist die Wirkstoffkombi Interferon und Ribavirin (siehe Kasten) - wegen ihrer starken Nebenwirkungen. Die Behandlung führt oft zu Depressionen, raubt den Schlaf und schädigt den Magen.

Nun könnten rund 300.000 Kranke in Deutschland mit Sovaldi behandelt und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch geheilt werden. Sie tragen den Typ des Hepatitis-C-Virus in sich, der mit der Pille behandelt werden kann. Starke Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Doch wegen der Kostendebatte verschreiben Ärzte die neue Pille derzeit nur zögerlich, aus Angst, die Kassen nehmen sie in Regress. "Hauptproblem bei Hepatitis C ist heute nicht mehr die medizinische Machbarkeit, sondern die Bezahlbarkeit", sagt Ingo van Thiel von der Deutschen Leberhilfe.

"Ich traue mich da nicht ran", sagt ein Hausarzt aus Hamburg, er arbeite lieber weiter mit den Standardpräparaten. Seinen Namen will er nicht in den Medien lesen. Er wisse, dass es viele Kollegen ähnlich halten, aus Angst, sie könnten die Verschreibung der teuren Pillen nicht ausreichend gegenüber der Kasse begründen.

Kurz nach Sovaldi von Gilead kamen im Sommer und Herbst 2014 mit Olysio von Janssen und Daklinza (Bristol-Myers Squibb) ähnliche Präparate auf den Markt. Durch die neuen Medikamente, die meist noch mit Ribavirin verordnet werden, rechnen die Krankenkassen derzeit mit Mehrausgaben von 1,7 Milliarden Euro in den Jahren 2014 und 2015, eigene Sonderausgabekonten wurden bereits eingerichtet.

Milliardenkosten für die Heilung?

Michael Manns, Direktor der Klinik für Gastroenterologie der Medizinischen Hochschule Hannover, hat Ferro behandelt. Ihn ärgert die aktuelle Preisdiskussion. "Was haben wir denn für eine Alternative? Erstmals haben wir die Chance, einen großen Teil der Patienten zu heilen", sagt er. Die Kritiker könnten ja einmal ausrechnen, was bei bestimmten Patienten die bisherige Therapie kostete, inklusive Lebertransplantationen. Gerade wenn die Patienten rechtzeitig erfolgreich behandelt würden, könnten viele Kosten vermieden werden.

Ein Dilemma: Tatsächlich markiert Sovaldi eine neue Entwicklung in der Behandlung von Hepatitis C, die bislang oft nicht besiegt werden konnte. Ein Durchbruch, glauben viele Mediziner.

Der Pharmakonzern Gilead hat jahrelang nach einem Wirkstoff gegen Hepatitis C geforscht, erfolglos. Dann legte die kleine Firma Pharmasset erste Daten für Sofosbuvir vor - das heute Sovaldi heißt. 2011 griff Gilead zu, für elf Milliarden Dollar. Eine gigantische Summe, doch für den US-Konzern hat sich die Ausgabe gelohnt: Allein im ersten Halbjahr 2014 nahm der Hersteller 5,8 Milliarden Dollar ein.

Therapie nur für die Kränksten

In den USA empfehlen die Leitlinien, wegen begrenzter Ressourcen nur die kränksten Patienten zu behandeln. In Australien haben Behörden eine generelle Kostenerstattung abgelehnt. Die französische Gesundheitsministerin will Gilead mehr Steuern zahlen lassen, sollten die Sovaldi-Ausgaben 700 Millionen Euro übersteigen.

In Deutschland durchlief die Superpille die Nutzenbewertung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Dessen Analysen dienen stets als Grundlage für die Krankenkassen, den endgültigen Preis für ein Medikament zu verhandeln. Nur im ersten Jahr der Zulassung darf der Hersteller den Preis selbst festsetzen.

Für Sovaldi bescheinigten die Prüfer nur einen "geringen Zusatznutzen". Das vom Hersteller vorgelegte Dossier liefere zwar Hinweise auf einen Zusatznutzen für nicht vorbehandelte Patienten, deren Virus vom Genotyp 2 ist. Das Ausmaß lasse sich aber nicht benennen. Für Patienten, die mit anderen Virustypen oder zugleich mit HIV infiziert sind, vermisst das IQWiG generell geeignete Daten.

Dem großen Segen von Sovaldi und Co. stehen auch weitere Mediziner abwartend gegenüber. Zu wenig sei noch über Spätfolgen bekannt, auch seien die Präparate oft nur mit wenig aussagekräftigen Vergleichswerten begutachtet worden, schreiben etwa Ronald Koretz und Kollegen in einer neuen Analyse für das "British Medical Journal".

Am Samstag verhandeln die Kassen ein letztes Mal mit Gilead. Experten glauben nicht, dass es zu einer Einigung kommt. Hans Reiser, medizinischer Leiter des Konzerns, zeigte sich von den aktuellen Vorwürfen betroffen. In Interviews erklärt er stets, der Preis einer Pille hänge selbstverständlich vom Reichtum eines Landes ab. Und vom Bruttoinlandsprodukt, ein weiterer Faktor sei, wie stark ein Land von der Krankheit betroffen ist. Der "taz" sagt Reiser: "In Ägypten etwa, wo bis zu 22 Prozent der Menschen das Virus in sich tragen, sei es unmöglich, einen ähnlich hohen Preis zu fordern wie in den USA, wo weniger als zwei Prozent betroffen sind."

"Ich habe niemals dafür gebetet, wieder gesund zu werden", sagt Pfarrer Ferro mit fester Stimme. Aber er sei doch sehr dankbar, dass er nun noch sorgenfreie Jahre geschenkt bekommen hat. "Nach all dieser Zeit."



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apfeldroid 17.01.2015
1. Die Diskussion ist gerechtfertigt!
Wie auch bei Transplantationen die Kinder und hübsche unverschuldete junge Frauen durch Medien instrumentalisiert werden (Die meisten Nieren werden von adipösen Diabetiker gebraucht), so sind mind. 90% der vor allem jungen Hep C Träger entweder Drogensüchtige oder Ähnliches. Man prescht aber mit einem alten Pfarrer, wie immer unschuldig... Da sind wir bei der Diskussion: dem Pfarrer ja, dem Junkie nein oder beiden Ja oder niemandem. Schmutzig wird nur diese Pharma Firma rauskommen, aber das ist mir zu blöd
jambon1 17.01.2015
2.
300.000 Patienten x 200.000 € = 60.000.000.000 € 60 Milliarden!!! Wenn das nicht ein klarer Fall von Wucher ist. Es sollten sofort zum Wohle der Allgemeinheit Generica für 0,70 pro Pille in Umlauf gebracht werden. Dann verdient der Hersteller immerhin noch 60 Millionen.
jujo 17.01.2015
3. ...
Nur die Zahl 700€ zu nennen ist mir zu wenig. Wie begründet denn die Pharmafirma ihren hohen Preis? Mit den Herstellungskosten? das kann ich nicht glauben! Wieviel kostet denn die Pille jenseits der Grenzen, in einem nicht so reichen Land?
horsteddy 17.01.2015
4. Krankes System
Es geht bei Kassen, Ärzten, Kliniken und vor allem Pharmaindustrie nur um Profit. Ausbaden muss diesen neurotischen Sparzwang der Patient. Sparzwang ist der neoliberalen Versuch, dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegen zu wirken. Das Gesundheitswesen gehört vergesellschaftet und der Pharmaindustrie auf die Pfoten gehauen. Wie setzt sich der Preis für die Pille zusammen? Der ist doch willkürlich festgesetzt. Es gibt so viele Beispiele, wie die Kassen, anstatt ihre Macht gemeinsam mit dem Staat gegen die Pharma-Verbrecher einzusetzen, den einfachen Weg wählen und die Patienten quasi verrecken lassen. Zum Beispiel leiden ca. 60% der Bevölkerung der BRD an zum Teil bedenklichem Vitamin-D-Mangel. Da 50 Tabletten hoch konzentriertes Vitamin D 25 Euro kosten, weigern sich die Kassen, diese Kosten zu übernehmen. Sogar bei Risikogruppen (Diabetiker, Einnahme von Antikonkulsiva, Depressionen uvm) wird dieses und auch die Vitaminspiegelbestimmung im Blut nicht erstattet. Ich bin schwerst an Krebs mit Metastasenbildung erkrankt. Laut Ärzten habe ich nur noch 2-3 Monate. Eigentlich sollte ich schon tot sein, doch ich bin zäh. Eine Mitarbeiterin der größten Kasse sagte mir am Telefon: Sie kosten uns und den Versicherten so viel Geld, machen Sie da extra? Das was ich der "Dame" geantwortet habe, ist nicht jugendfrei. Da würde selbst die letzte Straßendirne rote Ohren bekommen. Soll sie mich anzeigen, das musste mal raus. Ich wünsche den Verantwortlichen der Kassen, dass sie so erkranken, dass sie auch auf die nicht gestatteten Leistungen angewiesen wären.
scottbreed 17.01.2015
5. Und genau deswegen
Ist der Kapitalismus das schlechteste System was es gibt.. weil alles muss sich rentieren und aus jedem Mist muss man das maximale an Gewinn machen ohne Rücksicht auf Verluste... hier trifft genau der Satz zu der für dieses System passend ist. nur wenn du Geld hast darfst du weiterleben wenn du arm bist dann must du sterben..
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