Hepatitis C Neuer Wirkstoff bremst Viren-Vermehrung

Die Leberkrankheit Hepatitis C ist hinterhältig: Sie bleibt lange unbemerkt - kann in der Leber aber großen Schaden anrichten. Forscher haben jetzt einen Wirkstoff getestet, der große Heilungschancen verspricht. Doch die Pharmabranche könnte damit an der eigentlichen Problematik vorbeilaufen.

Von Cinthia Briseño

Infizierte Leberzellen eines Hepatitis C-Patienten
CDC

Infizierte Leberzellen eines Hepatitis C-Patienten


Wie bei vielen Infektionskrankheiten nistet sich das Hepatitis-C-Virus still und leise in der Wirtszelle ein, ohne zunächst großen Schaden anzurichten. Manchmal klagt der Betroffene über Müdigkeit, manchmal über Konzentrationsschwierigkeiten. Ansonsten ist bei drei Vierteln der frisch Infizierten alles wie sonst.

Meistens wird das Virus erst viel später entdeckt, bei Routineuntersuchungen der Leber etwa. Jahre können ohne jegliche Beschwerden vergehen. Je länger aber die Zeit zwischen Ansteckung und Diagnose ist, desto stärker kann sich das Virus in den Leberzellen vermehren und das Gewebe schädigen. Weltweit leiden etwa 170 Millionen Menschen an einer chronischen Hepatitis-C-Erkrankung, in Deutschland sind es rund 500.000. Im fortgeschrittenen Stadium führt Hepatitis C bei etwa einem Viertel der Erkrankten zu einer Leberzirrhose - der häufigsten Ursache für eine Lebertransplantation.

Mediziner um Paul Kwo von der Indiana University in Indianapolis haben nach eigenen Angaben nun eine wirksame Therapie für Hepatitis-C-Patienten in klinischen Studien mit fast 600 Patienten aus den USA, aus Kanada und Europa erfolgreich getestet.

Bisher bestand die einzig erfolgversprechende Behandlungsmethode aus einem Kombinationspräparat mit den Wirkstoffen Peginterferon und Ribavirin. Das hat aber einen Nachteil: Die Interferon-Behandlung kann körperlich als auch psychisch schwer belastend sein. Außerdem hängen die Heilungschancen von der genetischen Ausstattung des Patienten ab. Je nachdem, wie bestimmte Gene beschaffen sind, spricht oft weniger als die Hälfte der Patienten auf die Behandlung an.

Wirkstoff hemmt die Virenvermehrung

Nun haben Kwo und seine Kollegen die Standardmedikation um einen Wirkstoff namens Boceprevir ergänzt, der das Virus daran hindert, sich zu vermehren. Das Grundprinzip von Boceprevir: Der Wirkstoff hemmt bestimmte Enzyme, die Proteine spalten können. Diese Proteasen benötigt das Hepatitis-C-Virus für seine Vervielfältigung. Eine Blockade dieser Enzyme ist damit ein geeigneter Ansatzpunkt für die Behandlung. Protease-Hemmer werden auch bei HIV-Infizierten erfolgreich eingesetzt.

Für ihre Studie verabreichten die Forscher ihren Patienten, die zuvor noch keine Therapie begonnen hatten, neben den Standardwirkstoffen auch unterschiedliche Mengen Boceprevir. Das Ergebnis: 75 Prozent der Patienten, die 44 Wochen lang Boceprevir erhalten hatten, waren auch 24 Wochen nach Ende der Therapie noch virusfrei und galten somit als geheilt. Damit sprachen fast doppelt so viele Patienten auf die Therapie an wie bei der Vergleichsgruppe: Hier konnte nur in 38 Prozent der Fälle ein Behandlungserfolg verzeichnet werden, schreiben die Forscher im Fachblatt "The Lancet".

Eine zusätzliche Studie soll nun die Ergebnisse bestätigen und somit die rechtliche Grundlage für eine Behandlung mit Boceprevir bilden, erklären die Mediziner. Laura Milazzo vom Fachbereich für Infektionskrankheiten und Immunopathologie der Universität Mailand lobt in einem Kommentar die bereits vorliegenden Resultate, weist jedoch auf künftige Risiken hin: "Die größte Gefahr der Zukunft liegt im Auftauchen von Viren, die gegen Boceprevir resistent sind."

Boceprevir ist nicht der einzige Erfolg versprechende Wirkstoff gegen Hepatitis C. Vor kurzem hatte eine weitere Studie die Effektivität von Telaprevir nachgewiesen, das ebenfalls ein Protease-Hemmer ist. Aber weil die Kombinationstherapie mit drei Wirkstoffen - also Peginterferon und Ribavirin plus Protease-Hemmer - weiterhin auf Interferon setzt, bleibt das Problem der Nebenwirkungen vorerst bestehen. Bis man die Viren-Hemmer soweit hat, dass man sie auch allein verabreichen kann, dürften noch mehrere Jahre vergehen.

Sexuelle Übertragung spielt kaum eine Rolle

Und es gibt weitere Kritik: Pharmafirmen, die jetzt fleißig an der Entwicklung der neuen Medikamente gegen das Virus arbeiten, könnten an der eigentlichen Hepatitis-C-Problematik vorbeilaufen: Das Virus wird in erster Linie durch Blut übertragen, sexuelle Übertragungswege spielen kaum eine Rolle.

Weitergegeben werden die Hepatitis-C-Erreger vor allem von Menschen, die beim Drogenkonsum Spritzen und Kanülen austauschen. 50 bis 80 Prozent dieser Risikogruppe sind nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts mit dem Virus infiziert.

"Pharmafirmen ignorieren das wahre Gesicht von Hepatitis C", sagte Diana Sylvestre, Klinikdirektoren in Oakland in Kalifornien, in der vor allem Drogensüchtige und ehemalige Drogensüchtige behandelt werden, kürzlich der "New York Times". Nur eine Minderheit der Patienten mit Hepatitis C würde von diesen Medikamenten profitieren. Dem halten Vertreter der Pharmaindustrie entgegen, dass viele Hepatitis-C-Patienten ehemalige Drogensüchtige und schon seit Jahren clean seien.

Aber nicht immer - auch das ist eine Eigenschaft von Hepatitis C - verursacht das Virus schwere Leberschäden, die behandelt werden müssten. Bei etwa 20 Prozent der Infizierten bleibt die Infektion unerkannt und nahezu folgenlos.

Die Pharmabranche ist sich bewusst, dass ein Hepatitis-C-Medikament nur dann Geld einbringt, wenn möglichst viele Infizierte sich auf das Virus testen lassen. "Get tested" ist immer wieder das Motto der internationalen Welt-Hepatitis-Tage. Weil aber der Erreger lange Zeit keine Komplikationen hervorruft, ahnen die Betroffenen nichts von der Gefahr.

In den USA hat die Gesundheitsbehörde FDA erst im Juni einen Hepatitis-C-Schnelltest zugelassen, der einen Befund innerhalb von 20 Minuten im Labor ermöglicht. Letztlich aber will man einen Test entwickeln, den beispielsweise auch Streetworker nutzen könnten. Offen bleibt, ob er von Drogensüchtigen auch angenommen würde.

Mit Material von ddp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
schna´sel, 09.08.2010
1. die eigentliche Problematik
Zitat von sysopDie Leberkrankheit Hepatitis C ist hinterhältig: Sie bleibt lange unbemerkt - kann in der Leber aber großen Schaden anrichten. Forscher haben jetzt einen Wirkstoff getestet, der große Heilungschancen verspricht. Doch die Pharmabranche könnte damit an der eigentlichen Problematik vorbeilaufen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,710751,00.html
Die Pharmabranche ist das eigentliche Problem. Es gibt keine befriedigende Antwort auf diese Krankheit aus schulmedizinischer Sicht. Ein Standpunkt, den die Pharmaindustrie natürlich angesichts des riesigen Potentials an "Kundschaft" nicht akzeptiert. Verbreitet wird das Gegenteil. Das Behandlungsziel "Virenfreiheit" wird an die oberste Stelle gestellt, obwohl es nur eine lausige Chance von etwas über 30% gibt dieses überhaupt zu erreichen. Aber damit nicht genug: Jeder, der sich mit dieser Problematik auskennt, weiß um die katastrophalen Nebenwirkungen der Standardtherapie. Selbst bei Menschen die dadurch virenfrei geworden sind kann man sehr häufig nicht unbedingt sagen, dass deren Lebnsqualität dadurch verbessert wurde. Im Gegenteil: Zurück bleiben in der Regel massive andere Probleme. Sehr starke Konzentrationsstörungen, Hautkrankheiten, psychische Probleme, die Liste der Nebenwirkungen, die auch nach der Beendigung der monatelangen Qual bleiben ist lang. Sie endet schlimmstenfalls sogar damit, dass man sich eine andere unheilbare Autoimmunkrankheit einhandelt, die durch das Interferon ausgelöst wird. Was gar nicht so selten vorkommt. Dabei kann auch von denen, die nach Abschluss der Therapie längere Zeit unter der so genannten Nachweisgrenze liegen niemand wirklich sicher sein, dass er auf Dauer virenfrei bleibt. All das ist lange bekannt. Trotzdem wird nur diese eine Therapie von der Industrie gefördert. Obwohl es viele natürliche Substanzen gibt, die sich positiv auf die sehr regenerationsfähige Leber auswirken, Mariendistel zum Beispiel, gibt es keine ernsthafte Forschung an Medikamenten, die diese Substanzen optimieren und mit denen man die Schäden der Infektion abmildern könnte. Warum ist klar. Die zu erwartenden Gewinne wären ungleich geringer, als wenn man weiterhin Pegintron und Ribavirin verkauft. Ein Monat Kombitherapie kostet um die 3000,- Euro. So viel kann man mit pflegeden und schützenden Präparaten niemals verdienen. Das ist die eigentliche Logik unseres Gesundheitssystems. Es ist die Logik der Pharmariesen
pulegon 09.08.2010
2. Fassen wir zusammen
---Zitat von SpOn--- Je nachdem, wie bestimmte Gene beschaffen sind, spricht oft weniger als die Hälfte der Patienten auf die Behandlung an.[...]Aber nicht immer - auch das ist eine Eigenschaft von Hepatitis C - verursacht das Virus schwere Leberschäden, die behandelt werden müssten. Bei etwa 20 Prozent der Infizierten bleibt die Infektion unerkannt und...... ---Zitatende--- Also, die Behandlung ist nahezu sinnfrei bei oft weniger als 50%. (50% von was? oder immer 50%, warum dann oft?). Aber natürlich muss man das garnicht behandeln, denn immerhin 20% leben ja auch so damit ganz gut.(es krepieren also nur 80% an Leberzirose?) Testen auf den Virus will man natürlich nur wegen des Profits. ( 20% der Leute leben ja ganz gut damit) Und natürlich verfehlen Pharmafirmen voll ihre Aufgabe, wenn Sie sich auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Krankheiten beschränken. Schließlich ist es ja ihre Aufgabe die sozialen Umstände des Drogenkonsums/ von Armut zu beheben. Denn wer Drogen nimmt, ist arm und wer Sex hat, ist reich? Schön, dass man wenigstens dazu übergegangen ist, seine uninformierten Vorurteile frei auszuleben. Dann brauch man sich nicht mehr wundern, über das was dabei rauskommt. böse böse Pharmaindustrie, die Wurzel allen Übels.
testthewest 09.08.2010
3. Auf Thema antworten
Zitat von pulegonAlso, die Behandlung ist nahezu sinnfrei bei oft weniger als 50%. (50% von was? oder immer 50%, warum dann oft?). Aber natürlich muss man das garnicht behandeln, denn immerhin 20% leben ja auch so damit ganz gut.(es krepieren also nur 80% an Leberzirose?) Testen auf den Virus will man natürlich nur wegen des Profits. ( 20% der Leute leben ja ganz gut damit) Und natürlich verfehlen Pharmafirmen voll ihre Aufgabe, wenn Sie sich auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Krankheiten beschränken. Schließlich ist es ja ihre Aufgabe die sozialen Umstände des Drogenkonsums/ von Armut zu beheben. Denn wer Drogen nimmt, ist arm und wer Sex hat, ist reich? Schön, dass man wenigstens dazu übergegangen ist, seine uninformierten Vorurteile frei auszuleben. Dann brauch man sich nicht mehr wundern, über das was dabei rauskommt. böse böse Pharmaindustrie, die Wurzel allen Übels.
Eigentlich einfach zu verstehen: Weniger als 50% der behandelten sind danach von HepC geheilt. Trotzdem besser als auch diese
testthewest 09.08.2010
4.
Zitat von schna´selDie Pharmabranche ist das eigentliche Problem. Es gibt keine befriedigende Antwort auf diese Krankheit aus schulmedizinischer Sicht. Ein Standpunkt, den die Pharmaindustrie natürlich angesichts des riesigen Potentials an "Kundschaft" nicht akzeptiert. Verbreitet wird das Gegenteil. Das Behandlungsziel "Virenfreiheit" wird an die oberste Stelle gestellt, obwohl es nur eine lausige Chance von etwas über 30% gibt dieses überhaupt zu erreichen. Aber damit nicht genug: Jeder, der sich mit dieser Problematik auskennt, weiß um die katastrophalen Nebenwirkungen der Standardtherapie. Selbst bei Menschen die dadurch virenfrei geworden sind kann man sehr häufig nicht unbedingt sagen, dass deren Lebnsqualität dadurch verbessert wurde. Im Gegenteil: Zurück bleiben in der Regel massive andere Probleme. Sehr starke Konzentrationsstörungen, Hautkrankheiten, psychische Probleme, die Liste der Nebenwirkungen, die auch nach der Beendigung der monatelangen Qual bleiben ist lang. Sie endet schlimmstenfalls sogar damit, dass man sich eine andere unheilbare Autoimmunkrankheit einhandelt, die durch das Interferon ausgelöst wird. Was gar nicht so selten vorkommt. Dabei kann auch von denen, die nach Abschluss der Therapie längere Zeit unter der so genannten Nachweisgrenze liegen niemand wirklich sicher sein, dass er auf Dauer virenfrei bleibt. All das ist lange bekannt. Trotzdem wird nur diese eine Therapie von der Industrie gefördert. Obwohl es viele natürliche Substanzen gibt, die sich positiv auf die sehr regenerationsfähige Leber auswirken, Mariendistel zum Beispiel, gibt es keine ernsthafte Forschung an Medikamenten, die diese Substanzen optimieren und mit denen man die Schäden der Infektion abmildern könnte. Warum ist klar. Die zu erwartenden Gewinne wären ungleich geringer, als wenn man weiterhin Pegintron und Ribavirin verkauft. Ein Monat Kombitherapie kostet um die 3000,- Euro. So viel kann man mit pflegeden und schützenden Präparaten niemals verdienen. Das ist die eigentliche Logik unseres Gesundheitssystems. Es ist die Logik der Pharmariesen
Nein, die Drogenabhängigen, die ungeschützten Sexualverkehr habenden und die Bluttransfusionen erhaltenden sind das Problem. Insbesondere wenn diese auch noch Hilfe erwarten mit ihrem Problem. Ja, und die Pharmafirmen wollen diese Hilfe geben - für Bares. So wie ein Dachdecker gerne ihren Dachschaden beseitigt - wenn sie bezahlen. Ansonsten ist ihm ihr Schaden beim nächsten Regen egal. Es gab auch viele Krankheiten keine Antwort, doch die Mediziner und Pharmakologen haben das noch nie akzeptiert. Früher waren bakterielle Erkrankungen häufig ein Todesurteil. Man hat es nicht akzeptiert. Nun ist es kein großes Problem mehr. 30% der Leute vor einem dreckigen Ende zu retten ist doch besser als diese abkacken zu lassen, oder? Und ja, die Pharma möchte auch mehr als 30%. Drum forschen sie ja daran so gut es geht. (und ja - sie wollen am Ende damit Geld verdiehnen. Nochmal: Sie wollen Geld verdiehnen mit der Behandlung von Kranken Menschen.) Sie haben keine Ahnung. Die Leber wird ja nicht vom Virus zerstört, sondern von der Körperabwehr. Der Virus ist allerdings cancerogen - d.h. verursacht Krebs. Und ihre Mariendistel wird nichts daran verändern. Sie wird auch nicht die Zirrhose verhindern. Und der ganze Rest ist schlichtweg unwichtig. Wenn HepC nicht ne Zirrhose machen würde oder nen HCC, dann wäre es harmlos. Warum niemand daran forscht ist simpel: Es wirkt nicht. Und es hat auch keinen Wirkmechanismus. Ergo gibt es nichts zu forschen. Gute Nachricht: Auch sie können forschen! Überlassen sie doch nicht der bösen Pharma das Feld, sondern machen sie selber die Studien, von denen sie meinen dass die Welt drauf wartet.
pulegon 09.08.2010
5. Poe's Law
Zitat von testthewestEigentlich einfach zu verstehen: Weniger als 50% der behandelten sind danach von HepC geheilt. Trotzdem besser als auch diese
[QUOTE=testthewest;6003530]Eigentlich einfach zu verstehen: Weniger als 50% der behandelten sind danach von HepC geheilt. Trotzdem besser als auch diese
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