Herzattacke: Versteckte EKG-Signale verraten Infarktgefahr

Wie groß ist das Risiko, nach einem Herzinfarkt einen weiteren zu erleiden? Bisher konnten Mediziner die Gefahr bei den meisten Patienten kaum vorhersagen. Jetzt aber haben Forscher verräterische Signale im EKG aufgespürt.

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Corbis

EKG: Signale können Infarktgefahr verraten

Wer einen Herzinfarkt überlebt, ist gewarnt: Es droht eine zweite Attacke, die nicht selten tödlich endet. Wie hoch das Risiko ist, können Mediziner derzeit nur mit geringer Treffsicherheit vorhersagen. Verfahren wie die Echokardiographie und die Analyse klinischer Risikofaktoren erfassen in der Regel nur Patienten, die am stärksten gefährdet sind. Die große Mehrheit der Todesfälle nach einem Infarkt wird davon aber nicht erfasst. Und die Zahlen sind gewaltig: Allein in Deutschland starben nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr mehr als 59.000 Menschen an einem Herzinfarkt, davon 56 Prozent Männer und 44 Prozent Frauen.

Jetzt stellen US-Ärzte ein Verfahren vor, das Besserung verspricht: Verborgene Anomalien im EKG können demnach einen drohenden tödlichen zweiten Infarkt ankündigen. Das ergab eine Computeranalyse der EKG-Daten von 4557 Herzinfarktpatienten, schreiben Zeeshan Syed von der University of Michigan in Ann Arbor und seine Kollegen im Fachblatt "Science Translational Medicine".

"Heutige Methoden zur Identifizierung von Infarktopfern können zwar einige Patientengruppen mit hohem Komplikationsrisiko aufspüren", erläutert Syed. "Aber sie verfehlen die meisten Todesfälle - bis zu 70 Prozent." So komme bei der Mehrheit der Patienten, denen ein Defibrillator gegen plötzlichen Herzstillstand eingepflanzt wurde, das Gerät niemals zum Einsatz. Bei den meisten Todesopfern durch plötzlichen Herzstillstand wiederum komme der Infarkt völlig überraschend, da die Gefahr mit den bisherigen Verfahren nicht erkannt werde.

Die Wissenschaftler analysierten jeweils 24 Stunden EKG-Daten früherer Infarktpatienten, deren Herz routinemäßig im Krankenhaus überwacht worden war und deren Schicksal bereits bekannt war. Dabei stießen die Forscher auf Anomalien in den EKGs, aus denen sich drei charakteristische Marker für das Risiko eines künftigen Infarkts ableiten ließen:

  • winzige Variationen, die in einem scheinbar normalen Herzschlag über lange Zeiträume erkennbar werden,
  • Veränderungen in der Herzschlagrate, die anzeigen, ob das Herz normal auf die Nervensignale reagiert,
  • Abweichungen des Langzeit-EKGs von dem anderer Patienten mit ähnlicher Krankheitsgeschichte.

Diese Anomalien würden sich normalerweise im Rauschen verbergen und seien an der EKG-Kurve nicht direkt mit bloßem Auge ablesbar, betonen die Forscher. Ohnehin könne ein Arzt stets nur einen kurzen Ausschnitt aus dem EKG betrachten.

Die nachträgliche Analyse der Patientendaten zeigte, dass Patienten mit mindestens einem der drei Biomarker ein zwei- bis dreifaches Risiko hatten, innerhalb der nächsten zwölf Monate nach dem EKG zu sterben. Die Kombination aller drei Biomarker konnte 50 Prozent mehr Todesfälle korrekt vorhersagen, bei weniger Fehlalarmen. "Das entspricht Tausenden oder Zehntausenden Patienten, für die Ärzte potentiell eine effektiv vorbeugende Behandlung verschreiben könnten, basierend auf der individuelleren Bewertung ihres Komplikationsrisikos", sagt Syed.

mbe/dpa

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