Umstrittenes Notfallmittel Pharmakonzern bedrängt kritische Forscher

Ein gängiges Notfallmittel ist gesundheitsschädlich - das ergab eine Studie aus Dänemark. Der Wissenschaftler bekam darauf bedrohliche Post von den Anwälten des deutschen Herstellers Fresenius Kabi. Doch jetzt nehmen auch die Arzneimittelprüfer in der Bundesrepublik das Medikament unter die Lupe.

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Einsatz auf der Intensivstation: Infusionen mit HES sind Standard
Corbis

Einsatz auf der Intensivstation: Infusionen mit HES sind Standard


Freitagabend, Klinikum Rigs Kopenhagen. Andres Perner, Professor für Intensivmedizin, checkt noch kurz seine E-Mails. Die letzte, die er liest, macht ihm regelrecht Angst: Absender sind die amerikanischen Anwälte des Pharmaherstellers Fresenius Kabi. Sie fordern Perner auf, Details in einer Studie zu ändern, die gerade im angesehenen Fachmagazin "New England Journal of Medicine" erschienen war und deren Hauptautor der Mediziner ist. Für den Fall, dass die Korrekturen nicht erfolgten, werde man sich "rechtliche Schritte zur Wahrung der eigenen Interessen vorbehalten", lässt der Konzern mitteilen. "Ich hätte nie gedacht, dass die so weit gehen", sagt Perner SPIEGEL ONLINE.

Der Vorgang ist brisant: In der Studie hatten Perner und ein Team skandinavischer Forscher Nutzen und Risiko des künstlichen Blutplasmas Hydroxyethylstärke (HES) in der Behandlung einer schweren Blutvergiftung untersucht. Das Ergebnis: Patienten mit einer Sepsis, bei denen ein Teil des Flüssigkeitsverlusts durch HES-Infusionen ausgeglichen wird, haben ein höheres Sterberisiko als die, die eine isotonische Lösung erhielten. Auch kam es bei HES-Patienten häufiger zu Nierenschäden und schweren Blutungen.

Studie verdirbt lukratives Geschäft

Schon frühere, kleinere Studien hatten darauf hingedeutet, dass HES in höheren Dosen Notfallpatienten mehr schadet als nutzt. Perners Untersuchung ist eine aufwendig geplante, vor fünf Jahren angemeldete. Das Design war für jedermann einsehbar, erfolgt ist die Untersuchung mit 798 Patienten auf höchstem wissenschaftlichen Standard. Und diese Studie bestätigt nun die früheren Vermutungen in aller Deutlichkeit.

Der Vertrieb von HES-Produkten ist ein lukratives Geschäft. Allein mit dem Mittel Voluven von Marktführer Fresenius Kabi wurden über 30 Millionen Menschen behandelt. Untersuchungen wie die von Perner könnten den Markt für das künstliche Blutplasma in der Intensivmedizin zerstören.

Auf Intensivstationen ist HES oft noch das Mittel der Wahl. Da es genau wie die Eiweiße des Blutplasmas Flüssigkeit an sich bindet und in den Gefäßen hält, kann es den Kreislauf stabilisieren. Zum Einsatz kommt es nicht nur bei einer schweren Blutvergiftung, sondern immer dann, wenn der Körper durch einen schweren Unfall oder eine lebensbedrohliche Krankheit viel Flüssigkeit verliert.

Auf Anfrage erklärt Fresenius-Sprecher Matthias Link, man habe Perner keinesfalls gedroht, sondern nur um Korrektur der fehlerhaften Angaben gebeten. Und dies sei auch zwischenzeitlich erfolgt. Tatsächlich war im "New England Journal of Medicine" die Spezifikation des Fresenius-Notfallmittels genannt (HES 130/0.4), in der Studie aber wurde das Nachahmerprodukt des Konkurrenten B. Braun Melsungen mit der Spezifikation 130/0.42 genutzt.

Mediziner halten Kritik für vorgeschoben

Aufgrund der falschen Spezifikationsnummer hätte der Leser des Artikels den Eindruck gewinnen können, dass das Infusionsmittel Voluven von Fresenius mit den im Artikel beschriebenen ungünstigen Studienergebnissen in Verbindung stehe. Das sei mitnichten der Fall, erklärt Link.

Die Forderung nach korrekter Angabe der Spezifikation der verwendeten Lösung sei zwar berechtigt, aber wegen der geringen Differenz hält nicht nur Perner die Argumentation des Konzerns für vorgeschoben. "Auch wenn eine falsche Angabe des Substitutionsgrades nicht akzeptabel ist und dringend korrigiert werden musste, ist die Androhung von Fresenius absurd", sagt Michael Quintel, Direktor des Zentrums für Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin der Universitätsmedizin Göttingen.

Die Bezeichnungen "0,4" und "0,42" beschreiben den Substitutionsgrad, also das Verhältnis der Glukoseeinheiten von ein- oder mehrfach substituierten Glucoseeinheiten in der Lösung zueinander. Bei beiden Produkten handele es sich aber um ein sonst praktisch identisches künstliches Blutplasma auf Stärkebasis. Quintel nennt es "mehr als verwegen", auf der Basis einer Differenz von 0,02 im Substitutionsgrad "einen Unterschied in den möglichen Konsequenzen nach erfolgter Anwendung zu postulieren".

An der Universitätsklinik in Kopenhagen bewertet man das Vorgehen von Fresenius Kabi als äußerst aggressiv. Nicht nur der medizinische Direktor des Hauses, Jannik Hilsted, auch der dänische Ärzteverbund sicherten Perner ihre Unterstützung zu.

In Deutschland wundert man sich dagegen weniger über den Vorfall. "Die Ergebnisse der dänischen Studie bestätigen haargenau die einer Untersuchung, die wir vom deutschen Kompetenznetzwerks Sepsis in 2008 gemacht haben", sagt Tobias Welte, Professor an der Klinik für Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Auch sie seien durch den Hersteller heftig angegangen worden. Andere beteiligte Kollegen wollten sich auf SPIEGEL ONLINE lieber nicht zum Thema äußern.

Zulassung von HES erfolgte vor Contergan-Skandal

In die Kritik geriet HES, da sein Nutzen nicht nach heute geltendem wissenschaftlichen Stand nachgewiesen wurde. Dass sich das Präparat dennoch in der Praxis durchgesetzt hat, sei vor allem dem starken Marketing geschuldet, erklären die Kritiker. Hersteller Fresenius Kabi oder auch Konkurrent B. Braun Melsungen verweisen darauf, dass ihre HES-Präparate bei Zulassung klinisch getestet wurden und das Risiko-Nutzen-Verhältnis sich seitdem nicht verändert habe.

Die Zulassung der ersten künstlichen Blutplasma-Präparate erfolgte allerdings vor 35 Jahren - also noch bevor durch die durch den Contergan-Skandal beschlossenen Verschärfungen der geltenden Auflagen eingeführt wurden. Neuere HES-Produkte mussten kein volles Zulassungsverfahren durchlaufen, hier reichten bis heute kleinere Studien. Bislang hat das zuständige Amt, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die Risiken von HES im ständigen Austausch mit den anderen europäischen Arzneimittelbehörden diskutiert und kritisch bewertet. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis wurde stets als weiterhin positiv befunden, sagt BfArM-Sprecher Maik Pommer.

Das könnte sich nun ändern: Die Studienergebnisse aus Dänemark würden derzeit auf europäischer Ebene unter Federführung des BfArM analysiert, erklärt Pommer. Einfließen in die Untersuchung sollen auch die Ergebnisse einer weiteren Studie, der "Crystalloid versus Hydroxyethyl Starch Trial (CHEST)" aus Australien mit über 7000 Patienten. Die Ergebnisse seien für August angekündigt. Auf Basis dieser Bewertung werde man bei Bedarf weitere Maßnahmen veranlassen, um mögliche Risiken für Patienten eingrenzen zu können, sagt Pommer.

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Seite 1
gsm900 27.07.2012
1. Ich kaufe ein 'e'
Zitat von sysopCorbisEin gängiges Notfallmittel ist gesundheitsschädlich - das ergab eine Studie aus Dänemark. Der Wissenschaftler bekam darauf bedrohliche Post von den Anwälten des deutschen Herstellers Fresenius Kabi. Doch jetzt nehmen auch die Arzneimittelprüfer in der Bundesrepublik das Medikament unter die Lupe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,846611,00.html
"künstlichen Blutplasmas Hydroxythylstärke (HES) in der " Hydroxy_e_thylstärke Hydroxyethylstärke (http://de.wikipedia.org/wiki/Hydroxyethylst%C3%A4rke) sonst wäre es ja HSE ;-)
natprod 27.07.2012
2.
Ich arbeite in der Pharmasparte und kann Ihnen nach fat 20 Jahren erfahrung sagen, dass das, was ich hier lese, jeden Tag irgendwo geschieht. In anderen Kontinenten werden da keine emails verschickt. Was meinen Sie wie die Pharmaindustrie heute dastehen wuerde, wenn solche Methoden nicht an der Tagesordnung waeren. It's a dog eat dog world.
peter78 27.07.2012
3. Da hat wohl der Pharmakonzern nicht nur seine Anwälte
... sondern auch PR-Sockenpuppen im Marsch gesetzt.
mborevi 27.07.2012
4. Es ist für mich klar, ...
... dass hier nicht die Gesundheit der Patienten, sondern die Abzocke von Millionen aus dem Gesundheitssystem im Vordergrund steht. Wie können diese Leute ihren Kindern noch in die Augen sehen?
Trondesson 27.07.2012
5.
Und Ihrer Meinung nach ist es umgekehrt? Dann wurden Sie wohl von der Pharmaindustrie geheilt. Wer hat denn das größte Interesse an einer kranken Bevölkerung? Na? Doch wohl die, die damit ihr Geld "verdienen", oder etwa nicht? Nicht alles, was wie ein Klischee aussieht, ist automatisch unwahr.
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