Von Christian Wolf
Als Maß für die reaktive Aufmerksamkeit nahmen die Forscher, wie schnell und korrekt die Probanden grundsätzlich die Farben benannten, wenn "inkongruente" Wörtern auf dem Bildschirm auftauchten. Hier schnitten Vielund Wenigspieler gleich gut ab. Proaktive Aufmerksamkeit hingegen zeige sich laut den Forschern darin, dass die Versuchspersonen sich nicht davon beirren ließen, wenn kongruente und inkongruente Wörter einander abwechselten. Hier haperte es bei den versierten Computerspielern: Mit zunehmender Dauer des Tests brauchten sie immer länger, in "falscher" Farbe geschriebene Wörter zu verarbeiten, wenn diese auf passende Kombinationen folgten.
Diese Ermüdungserscheinungen spiegelten sich auch in den Hirnströmen wider, die die Forscher per Elektroenzephalografie (EEG) aufzeichneten. Bestimmte Frequenzen, die mit erhöhter kognitiver Kontrolle einhergehen, dauerten bei den Gelegenheitsspielern nach dem Auftauchen eines Worts rund zwei Sekunden an. Bei den Probanden, die in ihrer Freizeit oft vor dem Bildschirm saßen, war das Signal nur halb so lange zu beobachten - offenbar gelang es ihnen schlechter, ihr Frontalhirn längere Zeit für die proaktive Aufmerksamkeit einzuspannen. Im wahren Leben könnten exzessive Videospieler daher Probleme haben, sich auf eine Sache ausdauernd zu fokussieren, meint Rob West, ein Mitautor der Studie.
Neue Formen der Informationsaufnahme
Darüber hinaus fördert Googeln nicht gerade das gründliche Lesen. Das legt eine 2008 veröffentlichte Studie von Forschern des University College London nahe. Sie untersuchten, wie Surfer beispielsweise die Webseiten der British Library nutzen. Dafür analysierten sie die digitalen Spuren, die Nutzer beim Recherchieren hinterlassen - mit ernüchterndem Ergebnis. Das Recherchieren und Lesen im Web gleicht offenbar mehr einem oberflächlichen Abtasten von Informationen als dem Schmökern in einem Buch: Rund 60 Prozent der Nutzer von elektronischen Zeitschriften etwa klickten nur drei Seiten an. "Nutzer scheinen online nicht im althergebrachten Sinn zu lesen", schlussfolgern die Forscher. Stattdessen gebe es Anzeichen, dass neue Formen der Informationsaufnahme entstünden - ein schnelles Überfliegen von Titel, Inhaltsverzeichnis und Zusammenfassung ersetze immer öfter das Vertiefen in längere Texte.
Doch genau dem gründlichen Lesen kommt wichtige Bedeutung zu, betont Patricia Greenfield in ihrer eingangs erwähnten Überblicksstudie. Viele elektronische Medien ließen dem Nutzer kaum Zeit zum kritischen Nachdenken: Schwups hat der nächste Schnitt, der nächste Klick den Gedankenlauf durchbrochen. Insbesondere mit dem Fernsehen stehen viele Entwicklungsforscher auf Kriegsfuß. So zeigten bereits in den 1980er Jahren Untersuchungen, dass Kinder schon nach einer sechswöchigen Halbierung des TV-Konsums in einem Test weniger impulsives Verhalten zeigten als zuvor. 2009 wies der Kinderarzt Dimitri Christakis von der University of Washington an mehr als 300 Kindern nach, was Kritiker ohnehin schon lange befürchteten: Je länger kleine Kinder vor dem Fernseher sitzen, desto weniger unterhalten sich ihre Eltern mit ihnen. Gerade im Vorschulalter aber ist diese menschliche Interaktion besonders wichtig für die kognitive Entwicklung.
Greenfield befürchtet daher, dass Fernsehen, Internet und Videospiele zwar eine beeindruckende visuelle Intelligenz zu Tage fördern, jedoch auf Kosten der tieferen kognitiven Verarbeitung. "Jedes Medium hat seine Stärken und Schwächen und fördert geistige Fähigkeiten auf Kosten anderer", bringt die Wissenschaftlerin die aktuelle Forschungslage auf den Punkt.
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