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Hirnforschung Wie das World Wide Web unser Denken verändert

Neue Medien: Elektronik überall
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5. Teil: Ermüdungserscheinungen im EEG

Als Maß für die reaktive Aufmerksamkeit nahmen die Forscher, wie schnell und korrekt die Probanden grundsätzlich die Farben benannten, wenn "inkongruente" Wörtern auf dem Bildschirm auftauchten. Hier schnitten Vielund Wenigspieler gleich gut ab. Proaktive Aufmerksamkeit hingegen zeige sich laut den Forschern darin, dass die Versuchspersonen sich nicht davon beirren ließen, wenn kongruente und inkongruente Wörter einander abwechselten. Hier haperte es bei den versierten Computerspielern: Mit zunehmender Dauer des Tests brauchten sie immer länger, in "falscher" Farbe geschriebene Wörter zu verarbeiten, wenn diese auf passende Kombinationen folgten.

Diese Ermüdungserscheinungen spiegelten sich auch in den Hirnströmen wider, die die Forscher per Elektroenzephalografie (EEG) aufzeichneten. Bestimmte Frequenzen, die mit erhöhter kognitiver Kontrolle einhergehen, dauerten bei den Gelegenheitsspielern nach dem Auftauchen eines Worts rund zwei Sekunden an. Bei den Probanden, die in ihrer Freizeit oft vor dem Bildschirm saßen, war das Signal nur halb so lange zu beobachten - offenbar gelang es ihnen schlechter, ihr Frontalhirn längere Zeit für die proaktive Aufmerksamkeit einzuspannen. Im wahren Leben könnten exzessive Videospieler daher Probleme haben, sich auf eine Sache ausdauernd zu fokussieren, meint Rob West, ein Mitautor der Studie.

Neue Formen der Informationsaufnahme

Darüber hinaus fördert Googeln nicht gerade das gründliche Lesen. Das legt eine 2008 veröffentlichte Studie von Forschern des University College London nahe. Sie untersuchten, wie Surfer beispielsweise die Webseiten der British Library nutzen. Dafür analysierten sie die digitalen Spuren, die Nutzer beim Recherchieren hinterlassen - mit ernüchterndem Ergebnis. Das Recherchieren und Lesen im Web gleicht offenbar mehr einem oberflächlichen Abtasten von Informationen als dem Schmökern in einem Buch: Rund 60 Prozent der Nutzer von elektronischen Zeitschriften etwa klickten nur drei Seiten an. "Nutzer scheinen online nicht im althergebrachten Sinn zu lesen", schlussfolgern die Forscher. Stattdessen gebe es Anzeichen, dass neue Formen der Informationsaufnahme entstünden - ein schnelles Überfliegen von Titel, Inhaltsverzeichnis und Zusammenfassung ersetze immer öfter das Vertiefen in längere Texte.

Doch genau dem gründlichen Lesen kommt wichtige Bedeutung zu, betont Patricia Greenfield in ihrer eingangs erwähnten Überblicksstudie. Viele elektronische Medien ließen dem Nutzer kaum Zeit zum kritischen Nachdenken: Schwups hat der nächste Schnitt, der nächste Klick den Gedankenlauf durchbrochen. Insbesondere mit dem Fernsehen stehen viele Entwicklungsforscher auf Kriegsfuß. So zeigten bereits in den 1980er Jahren Untersuchungen, dass Kinder schon nach einer sechswöchigen Halbierung des TV-Konsums in einem Test weniger impulsives Verhalten zeigten als zuvor. 2009 wies der Kinderarzt Dimitri Christakis von der University of Washington an mehr als 300 Kindern nach, was Kritiker ohnehin schon lange befürchteten: Je länger kleine Kinder vor dem Fernseher sitzen, desto weniger unterhalten sich ihre Eltern mit ihnen. Gerade im Vorschulalter aber ist diese menschliche Interaktion besonders wichtig für die kognitive Entwicklung.

Greenfield befürchtet daher, dass Fernsehen, Internet und Videospiele zwar eine beeindruckende visuelle Intelligenz zu Tage fördern, jedoch auf Kosten der tieferen kognitiven Verarbeitung. "Jedes Medium hat seine Stärken und Schwächen und fördert geistige Fähigkeiten auf Kosten anderer", bringt die Wissenschaftlerin die aktuelle Forschungslage auf den Punkt.

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insgesamt 11 Beiträge
Walter Sobchak 12.04.2010
Das Denken von nicht-surfenden Machthabern und Polit-Kaspern hat das WWW natuerlich nicht geaendert. Darum wollen sie es ja am liebsten auch zensieren.
Das Denken von nicht-surfenden Machthabern und Polit-Kaspern hat das WWW natuerlich nicht geaendert. Darum wollen sie es ja am liebsten auch zensieren.
++arthur 12.04.2010
Sehr interessanter Teil.
Sehr interessanter Teil.
Barbapapa 12.04.2010
Da zeigt sich dann schon mal, dass die Schimpansen, wenn es um schnelles Erkennen und Kurzzeitgedächtnis geht, locker besser sind als jeder Mensch. [...]
Da zeigt sich dann schon mal, dass die Schimpansen, wenn es um schnelles Erkennen und Kurzzeitgedächtnis geht, locker besser sind als jeder Mensch. http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2007/12/03/Vermischtes/Schimpansen-schlauer-als-Studenten So viel zum Thema Intelligenz, und wohin sie im Computerzeitalter gedrängt wird. Dank, an die japanischen Forscher, dass sie "Intelligenztest" mit dem Computer relativiert haben.
dlv 12.04.2010
Als Erwachsener habe ich festgestellt, dass leibliche Aktivitäten in der Natur mit realen Gegenüber als Kind mir Vorstellungsinhalte nahebrachten, die ich später bei der Verarbeitung von Literatur oder etwa von mathematischen [...]
Als Erwachsener habe ich festgestellt, dass leibliche Aktivitäten in der Natur mit realen Gegenüber als Kind mir Vorstellungsinhalte nahebrachten, die ich später bei der Verarbeitung von Literatur oder etwa von mathematischen Sachverhalten gebraucht habe. Beim Fernseh- oder anderem elektronischem Konsum kommt nur das an geistigem Gewinn heraus, was die Schöpfer dieser Medieninhalte da hineingegeben haben. Wenn die "analoge" Wirklichkeit auf natürliche Weise "tiefsinnig" ist, kann sie meines Erachtens nicht durch komponierte oder programmierte "geistige Nahrung" ersetzt werden. Seine Sinne fast ausschließlich künstlich zu "ernähren", wird wohl (bald) auch zu sichtbaren Mangelerscheinungen führen.
constantinsander 12.04.2010
Ich vermisse im Beitrag Schlüsseldisziplinen, die wirklich wichtig sind im Leben: Kreativität, zielorientiertes Handeln, Konfliktfähigkeit, Ausdauer, Wertschätzung für andere. Arbeit am PC trainiert allenfalls die visuelle [...]
Ich vermisse im Beitrag Schlüsseldisziplinen, die wirklich wichtig sind im Leben: Kreativität, zielorientiertes Handeln, Konfliktfähigkeit, Ausdauer, Wertschätzung für andere. Arbeit am PC trainiert allenfalls die visuelle Wahrnehmungs- und Koordinationsfähigkeit. Das echte Leben geht aber anders. Schwimmen lernt man auch nicht am Beckenrand. Unser Gehirn ist dazu da, dass wir es entwickeln, denn es wird so wie wir es benutzen. Es ist ein Märchen, dass das Web eine Bereicherung unserer Fähigkeiten wäre. Unser Gehirn entwickelt sich mit realen und positiven Erfahrungen und nicht mit neuronalem Fastfood aus der virtuellen Retorte. Oder anders formuliert: echte Männer und Frauen surfen nicht im Web, sondern in der Brandung! Constantin Sander Coach & Trainer www.mind-steps.de
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Zum Autor
Christian Wolf ist promovierter Philosoph und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin
Auf einen Blick

Schlaue neue Welt?

1. Der durchschnittliche Intelligenzquotient steigt seit Jahrzehnten. Manche Forscher glauben, dass die elektronischen Medien einen Anteil an dieser Entwicklung haben.

2. Studien zeigen, dass die Beschäftigung mit Bildschirmmedien vor allem die visuell-räumlichen Komponenten des Denkens fördert und die Fähigkeit stärkt, rasch zwischen mehreren Aufgaben zu wechseln.

3. Anderen Erkenntnissen zufolge geht intensive Mediennutzung jedoch mit impulsivem Verhalten und geringerem Konzentrationsvermögen einher.


Was ist Intelligenz?

Psychologen tun sich bis heute schwer damit, diese wichtige Eigenschaft genau zu definieren. Seit William Stern an der Universität Breslau 1912 den Intelligenzquotienten (IQ) einführte, wurden etliche Testverfahren entwickelt, um die kognitiven Fähigkeiten von Menschen zu quantifizieren. Dies veranlasste Edwin Boring (1886 – 1968) von der Harvard University zu der lapidaren Feststellung: "Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen."

Die meisten Forscher können sich inzwischen mit der Idee anfreunden, dass die Intelligenz aus zwei großen Faktoren zusammengesetzt ist: der allgemeinen Denkfähigkeit (auch "fluide Intelligenz" genannt) und dem erlernten Wissen ("kristalline Intelligenz"). Der häufig eingesetzte Intelligenz-Struktur-Test zum Beispiel unterteilt den ersten Bereich, das schlussfolgernde Denken, in die folgenden Komponenten:

Figuale Intelligenz (zum Beispiel räumliche Figuren in der Vorstellung drehen, Muster logisch ergänzen)

Numerische Intelligenz (zum Beispiel rechnen, Zahlenreihen fortsetzen)

Verbale Intelligenz (zum Beispiel Sätze ergänzen, Analogien bilden)Wissen und Merkfähigkeit der Testkandidaten werden in gesonderten Aufgaben erfasst.

Medienkritik im Zeitwandel
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts grassierten in Deutschland zahlreiche Warnungen vor der "Lesesucht", die in vielem der heutigen Kritik am Internet ähnelten. Die Masse an Büchern würde zu viele belanglose Geschichten transportieren, mit schädlicher Wirkung auf das Gemüt der Vielleser: Die vorwiegend jungen Konsumenten seien zerfahren und unkonzentriert, stets auf der Suche nach leichter Kost und könnten Wichtiges von Nebensächlichem nicht mehr trennen. Heute ermuntern Eltern ihre Kinder, viel zu lesen - und betrachten das Surfen im Internet mit Argwohn.

Icons statt Wörter

Die im Internet oft verwendeten Emoticons wie :-) stellen stilisierte Gesichter dar. Die Verarbeitung solcher Piktogramme ruft offenbar komplexere Hirnaktivität hervor als das Betrachten tatsächlicher Gesichter. Dabei werden Areale, die für das Entschlüsseln von Wörtern zuständig sind, ebenso aktiv wie solche für das Erkennen realer Objekte.

(Shin, Y.-W. et al.: Objects and Their Icons in the Brain: The Neural Correlates of Visual Concept Formation. In: Neuroscience Letters 436, S. 300 – 304, 2008 )

Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.



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