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Hirnforschung: Wie das World Wide Web unser Denken verändert

Von Christian Wolf

Computer, Internet und Handys fordern das Gehirn - verändern sie auch unser Denken? Studien zeigen: Surfen im World Wide Web und Spielen am PC steigert die visuell-räumliche Vorstellungskraft und die Aufmerksamkeit. Doch möglicherweise geraten andere kognitive Fähigkeiten ins Hintertreffen.

Neue Medien: Elektronik überall Fotos

Früher lasen die Deutschen Bücher. In einer repräsentativen Studie der Stiftung Lesen gab 2008 ein Viertel der Befragten an, überhaupt kein Buch mehr zur Hand zu nehmen. Auch die durchschnittliche Anzahl der Bände pro Haushalt hat in den letzten 20 Jahren abgenommen. Im Gegensatz dazu sind elektronische Medien wie das Fernsehen, DVDs und das Internet aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken.

Kritiker betonen die angeblich schädlichen Folgen dieser Entwicklung: Wer viel Zeit online verbringe, sei auch im "echten" Leben nur noch auf der Jagd nach schnellen, leicht verdaulichen Informationshäppchen. Hektische Computerspiele würden die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern und Jugendlichen verkürzen, weshalb sie sich in der Schule immer schlechter konzentrieren könnten. So weit, so schlüssig. Doch sind diese Befürchtungen berechtigt?

Allen Unkenrufen zum Trotz ist der durchschnittliche Intelligenzquotient (IQ) in den vergangenen 60 Jahren weltweit gestiegen, ein Phänomen, das als "Flynn-Effekt" bekannt ist. Doch was genau das Denkvermögen beflügelt hat, ist umstritten. Längere Ausbildung und eine bessere Ernährung können ebenso dazu beigetragen haben wie die zunehmende Technisierung des Alltags: Sie zwingt uns mehr denn je, immer wieder Neues zu lernen - was die grauen Zellen auf Trab hält.

Doch nicht alle Formen der Intelligenz haben gleich stark zugelegt. Laut einer im Jahr 2009 erschienenen Überblicksstudie der Entwicklungspsychologin Patricia Greenfield von der University of California in Los Angeles macht sich der IQ-Zuwachs vor allem bei nichtsprachlichen Aufgaben bemerkbar, deren Lösung ein hohes Maß an "figuraler Intelligenz" erfordert (siehe Kasten "Was ist Intelligenz). Dabei müssen die Probanden etwa komplexe Muster miteinander vergleichen oder geometrische Figuren im Geist drehen.

Bei verbalen Tests sei der Trend dagegen weniger eindeutig, so Greenfield. Zwar habe sich der durchschnittliche Grundwortschatz der Amerikaner in den letzten Jahrzehnten vergrößert, dafür würden aber beispielsweise Studenten im College-Eignungstest SAT immer weniger abstrakte Begriffe verstehen. Beides könnte damit zusammenhängen, dass das Fernsehen allgegenwärtig geworden ist, während die Leselust in der Freizeit abgenommen hat.

Restlos vernetzt

Umgekehrt könnten die elektronischen Medien Greenfield zufolge aber auch für den Anstieg der figuralen Intelligenz verantwortlich sein. Studien, die diese Annahme stützen, gibt es bereits zuhauf. Schon 1994 demonstrierte der Berliner Psychologe Peter Frensch, damals noch an der University of Missouri in Columbia tätig, dass Computerspielen das räumliche Denken schult. Gemeinsam mit der Entwicklungspsychologin Lynn Okagaki von der Purdue University in West Lafayette (US-Bundesstaat Indiana) unterzog Frensch mehr als 100 Probanden verschiedenen Tests der visuellen Vorstellungskraft. Ein Teil der Probanden spielte zwischendurch sechs Stunden lang den Puzzle-Klassiker "Tetris". Dabei fallen auf dem Monitor verschieden geformte, eckige Steine von oben nach unten, die unter Zeitdruck passend zusammengesetzt werden müssen. Ergebnis: Vor allem männliche Spieler konnten anschließend figural- räumliche Aufgaben besser lösen als Probanden, die nicht "gedaddelt" hatten.

Die Bildschirmwelten, mit denen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen, sind also nicht partout schädlich für das Gehirn. Im Gegenteil: Das mediale Dauerfeuer könnte den Nachwuchs sogar gut auf die Anforderungen des modernen Alltags vorbereiten. So wird beispielsweise von Arbeitnehmern zunehmend die Fähigkeit zum "Multitasking" erwartet, also an mehreren Aufgaben gleichzeitig zu arbeiten. 2005 fand Paul Kearney vom Unitec Institute of Technology in Auckland (Neuseeland) heraus, dass manche Computerspiele genau diese Fähigkeit trainieren.

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Neue Medien: Elektronik überall
Kearney ließ seine Probanden einen virtuellen Test absolvieren, der ursprünglich für Rekruten der United States Navy entwickelt wurde. Darin sollen die Probanden parallel mehrere Aufgaben meistern, die auch im Büro anfallen können - darunter Kopfrechnen, sich kurzzeitig Buchstabenfolgen merken und zugleich auf visuelle oder akustische Reize achten. Vor einem erneuten Test verbrachte ein Teil der Versuchspersonen zwei Stunden mit dem Actionspiel "Counter-Strike". Diese Teilnehmer schnitten beim zweiten Multitasking-Test besser ab als zuvor und waren außerdem jenen Probanden deutlich überlegen, die nicht gespielt hatten.

Wie ist das zu erklären? Bei sogenannten Egoshootern wie Counter-Strike muss der Spieler permanent mit mehreren Aufgaben gleichzeitig fertigwerden: Er bewegt seine Spielfigur, greift Gegner an, reagiert auf unvorhergesehene Ereignisse, muss seinen Gesundheitszustand sowie seine Munitionsvorräte im Blick behalten und im Hinterkopf noch eine Strategie ausklügeln, um das nächste Level zu erreichen. Diese komplexe kognitive Herausforderung habe seine Probanden wohl für das anschließende Multitasking fit gemacht, so Kearney.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Walter Sobchak 12.04.2010
Das Denken von nicht-surfenden Machthabern und Polit-Kaspern hat das WWW natuerlich nicht geaendert. Darum wollen sie es ja am liebsten auch zensieren.
2. 5. Teil: Ermüdungserscheinungen im EEG
++arthur 12.04.2010
Sehr interessanter Teil.
3. Gehirntest werden auch mit Schimpansen gemacht
Barbapapa, 12.04.2010
Da zeigt sich dann schon mal, dass die Schimpansen, wenn es um schnelles Erkennen und Kurzzeitgedächtnis geht, locker besser sind als jeder Mensch. http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2007/12/03/Vermischtes/Schimpansen-schlauer-als-Studenten So viel zum Thema Intelligenz, und wohin sie im Computerzeitalter gedrängt wird. Dank, an die japanischen Forscher, dass sie "Intelligenztest" mit dem Computer relativiert haben.
4. geistige Nahrung vs. künstlicher Kost
dlv 12.04.2010
Als Erwachsener habe ich festgestellt, dass leibliche Aktivitäten in der Natur mit realen Gegenüber als Kind mir Vorstellungsinhalte nahebrachten, die ich später bei der Verarbeitung von Literatur oder etwa von mathematischen Sachverhalten gebraucht habe. Beim Fernseh- oder anderem elektronischem Konsum kommt nur das an geistigem Gewinn heraus, was die Schöpfer dieser Medieninhalte da hineingegeben haben. Wenn die "analoge" Wirklichkeit auf natürliche Weise "tiefsinnig" ist, kann sie meines Erachtens nicht durch komponierte oder programmierte "geistige Nahrung" ersetzt werden. Seine Sinne fast ausschließlich künstlich zu "ernähren", wird wohl (bald) auch zu sichtbaren Mangelerscheinungen führen.
5. Echte Männer surfen nicht im Web ...
constantinsander 12.04.2010
Ich vermisse im Beitrag Schlüsseldisziplinen, die wirklich wichtig sind im Leben: Kreativität, zielorientiertes Handeln, Konfliktfähigkeit, Ausdauer, Wertschätzung für andere. Arbeit am PC trainiert allenfalls die visuelle Wahrnehmungs- und Koordinationsfähigkeit. Das echte Leben geht aber anders. Schwimmen lernt man auch nicht am Beckenrand. Unser Gehirn ist dazu da, dass wir es entwickeln, denn es wird so wie wir es benutzen. Es ist ein Märchen, dass das Web eine Bereicherung unserer Fähigkeiten wäre. Unser Gehirn entwickelt sich mit realen und positiven Erfahrungen und nicht mit neuronalem Fastfood aus der virtuellen Retorte. Oder anders formuliert: echte Männer und Frauen surfen nicht im Web, sondern in der Brandung! Constantin Sander Coach & Trainer www.mind-steps.de
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Zum Autor
Christian Wolf ist promovierter Philosoph und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin
Auf einen Blick

Schlaue neue Welt?

1. Der durchschnittliche Intelligenzquotient steigt seit Jahrzehnten. Manche Forscher glauben, dass die elektronischen Medien einen Anteil an dieser Entwicklung haben.

2. Studien zeigen, dass die Beschäftigung mit Bildschirmmedien vor allem die visuell-räumlichen Komponenten des Denkens fördert und die Fähigkeit stärkt, rasch zwischen mehreren Aufgaben zu wechseln.

3. Anderen Erkenntnissen zufolge geht intensive Mediennutzung jedoch mit impulsivem Verhalten und geringerem Konzentrationsvermögen einher.


Was ist Intelligenz?

Psychologen tun sich bis heute schwer damit, diese wichtige Eigenschaft genau zu definieren. Seit William Stern an der Universität Breslau 1912 den Intelligenzquotienten (IQ) einführte, wurden etliche Testverfahren entwickelt, um die kognitiven Fähigkeiten von Menschen zu quantifizieren. Dies veranlasste Edwin Boring (1886 – 1968) von der Harvard University zu der lapidaren Feststellung: "Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen."

Die meisten Forscher können sich inzwischen mit der Idee anfreunden, dass die Intelligenz aus zwei großen Faktoren zusammengesetzt ist: der allgemeinen Denkfähigkeit (auch "fluide Intelligenz" genannt) und dem erlernten Wissen ("kristalline Intelligenz"). Der häufig eingesetzte Intelligenz-Struktur-Test zum Beispiel unterteilt den ersten Bereich, das schlussfolgernde Denken, in die folgenden Komponenten:

Figuale Intelligenz (zum Beispiel räumliche Figuren in der Vorstellung drehen, Muster logisch ergänzen)

Numerische Intelligenz (zum Beispiel rechnen, Zahlenreihen fortsetzen)

Verbale Intelligenz (zum Beispiel Sätze ergänzen, Analogien bilden)Wissen und Merkfähigkeit der Testkandidaten werden in gesonderten Aufgaben erfasst.

Medienkritik im Zeitwandel
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts grassierten in Deutschland zahlreiche Warnungen vor der "Lesesucht", die in vielem der heutigen Kritik am Internet ähnelten. Die Masse an Büchern würde zu viele belanglose Geschichten transportieren, mit schädlicher Wirkung auf das Gemüt der Vielleser: Die vorwiegend jungen Konsumenten seien zerfahren und unkonzentriert, stets auf der Suche nach leichter Kost und könnten Wichtiges von Nebensächlichem nicht mehr trennen. Heute ermuntern Eltern ihre Kinder, viel zu lesen - und betrachten das Surfen im Internet mit Argwohn.

Icons statt Wörter

Die im Internet oft verwendeten Emoticons wie :-) stellen stilisierte Gesichter dar. Die Verarbeitung solcher Piktogramme ruft offenbar komplexere Hirnaktivität hervor als das Betrachten tatsächlicher Gesichter. Dabei werden Areale, die für das Entschlüsseln von Wörtern zuständig sind, ebenso aktiv wie solche für das Erkennen realer Objekte.

(Shin, Y.-W. et al.: Objects and Their Icons in the Brain: The Neural Correlates of Visual Concept Formation. In: Neuroscience Letters 436, S. 300 – 304, 2008 )

Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Gehirn: Steuerzentrale des Körpers
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.
Gehirnteile: Vorderhirn, Mittelhirn, Rautenhirn
Das menschliche Gehirn und auch das Gehirn vieler Tiere ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorderhirn, Mittelhirn und Rautenhirn. Schon bei niederen Wirbeltieren entstehen aus dem Vorderhirn (Prosencephalon) das der Nase zugeordnete Endhirn (Großhirn) und das den Augen zugeordnete Zwischenhirn. Das Mittelhirn (Mesencephalon) bleibt ungegliedert erhalten. Das Rautenhirn (Rhombencephalon) gliedert sich weiter auf in das Hinterhirn mit dem Kleinhirn und der Brücke sowie in das verlängerte Mark, das den Übergang zum Rückenmark bildet. Mit zunehmender Höherentwicklung vergrößern sich die Teile und differenzieren sich weiter.
Großhirn: Spezialität des menschlichen Gehirns
Speziell für das menschliche Gehirn ist die Größe und Komplexität des Großhirns. Die Faltung seiner Oberfläche bewirkt eine enorme Oberflächenvergrößerung, so dass es die übrigen Hirnteile überwölbt. Das Großhirn ist das Zentrum für unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten und damit für die komplexesten Gehirnleistungen. Es besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch ein dickes Bündel Nervenfasern, den sogenannten Balken, miteinander verbunden sind.
Großhirnrinde: Sitz der "grauen Zellen"
Die äußere Schicht des Großhirns wird als Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz Cortex) bezeichnet. Sie ist nur etwa zwei bis fünf Millimeter dick und enthält die erstaunliche Menge von 10 bis 14 Milliarden Nervenzellen. Wenn Gehirne in Formalin haltbar gemacht werden, sieht die Großhirnrinde grau aus. Sie wird deshalb auch als graue Substanz bezeichnet und umgangssprachlich spricht man oft von "grauen Zellen". Der übrige Teil des Großhirns besteht aus Nervenfasern, welche die Nervenzellen mit anderen Hirnteilen verbinden. Dieser Teil wird auch als weiße Substanz bezeichnet.

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