Kann ein Gel Frauen vor einer HIV-Infektion bewahren? In einer Pilotstudie hat ein entsprechendes Mittel überraschend erfolgreich abgeschnitten. Das Gel wird vor dem Sex in die Scheide eingeführt. Es soll das Ansteckungsrisiko bei den 900 Frauen, die an dem Test teilgenommen hatten, um knapp 40 Prozent gesenkt haben. Die Untersuchung, die im Wissenschaftsblatt "Science" erscheint, sollte am Dienstagmittag auf der Welt-Aids-Konferenz in Wien vorgestellt werden.
Das Uno-Aidsprogramm UNAIDS und die Weltgesundheitsorganisation WHO begrüßten die Ergebnisse: "Das ist sehr erfreulich", sagt der Direktor der WHO-Aids-Abteilung, Gottfried Hirnschall, in Wien. "Es ist das erste Mal, dass wir ein Verhütungsmittel haben, das Frauen von sich aus steuern können." Das Mittel sei allerdings "nicht die neue Präventionswaffe", schränkt er ein: "Es gibt nichts, was hundertprozentig wirkt", betont Hirnschall. Es brauchte eine kombinierte Prävention gegen HIV, bei der verschiedene Mittel gebündelt eingesetzt werden müssten.
Wissenschaftler um Quarraisha Abdool Karim vom südafrikanischen Aids-Forschungszentrum Caprisa hatten das Scheidengel getestet, das zu einem Prozent das Medikament Tenofovir enthält. Dieser Wirkstoff wird auch in Tablettenform gegen HIV-Infektionen eingesetzt.
Aids-Risiko deutlich gemindert
Die Studienteilnehmerinnen waren in zwei etwa gleich große Gruppen eingeteilt worden. Die eine bekam das Gel mit Tenofovir, die andere ein Placebo-Gel ohne Wirkstoff. Alle Frauen wurden intensiv über den Schutz vor Aids und anderen Geschlechtskrankheiten beraten, bekamen Kondome, wurden regelmäßig untersucht und wenn nötig behandelt. Die von den Regierungen der USA und Südafrikas finanzierte Studie sei nach den international höchsten ethischen Maßstäben gestaltet worden, betonen die Autoren.
Nach 30 Monaten hatten sich in der Wirkstoffgruppe 38 Frauen mit HIV infiziert, in der Placebogruppe 60. Umgerechnet auf die Teilnahmedauer der Probandinnen ergaben sich 5,6 HIV-Infektionen pro 100 Teilnahmejahre in der Wirkstoffgruppe und 9,1 in der Placebogruppe. Das Gel hat die Infektionshäufigkeit demnach um 39 Prozent gesenkt. In der Untergruppe derjenigen Frauen, die das Gel besonders häufig angewendet hatten - bei mindestens 80 Prozent aller sexuellen Kontakte -, lag die Infektionshäufigkeit in der Wirkstoffgruppe sogar um 54 Prozent niedriger. Allerdings müssen die Ergebnisse erst noch in Studien mit mehr Teilnehmerinnen bestätigt werden, bevor das Gel eindeutig als wirksam gelten könne, räumen die Forscher ein.
Hoffnung auf selbstbestimmten Schutz für Frauen
Im südlichen Afrika, das besonders schwer von der Aids-Epidemie betroffen ist, können Frauen den Gebrauch von Kondomen oft nicht durchsetzen. Die Folge: Rund 60 Prozent der neu Infizierten in dieser Region sind Frauen; ungeschützter Geschlechtsverkehr ist dabei einer der häufigsten Übertragungswege für das HI-Virus.
Karim und seine Kollegen sind vorsichtig optimistisch, Frauen nun endlich den Weg zu einem selbstbestimmten Schutz vor der Immunschwächekrankheit eröffnen zu können. Sollten sich die Studienergebnisse bestätigen, könne das Gel allein in Südafrika in den nächsten zehn Jahren mehr als eine halbe Million neue HIV-Infektionen verhindern, schreiben die Studienautoren. Diese Hoffnung könnte derzeit allerdings noch übertrieben sein. Denn im Vergleich zum sehr sicheren Kondom bietet das Gel offenbar selbst unter besten Bedingungen nur einen relativ geringen Schutz.
"Angesichts der Tatsache, dass auf der ganzen Welt die Mehrheit der neu mit HIV Infizierten Frauen sind, bedeuten diese Resultate aber einen wichtigen Schritt, um einer Risikogruppe eine sichere und effektive Präventionswaffe an die Hand zu geben", urteilte der Direktor des staatlichen US-Instituts für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci. Sein Institut sponsert eine im vergangenen Herbst begonnene Studie, die nun mit 5000 Frauen in vier südafrikanischen Ländern die Wirksamkeit eines Tenofovir-Gels untersucht.
Das jetzt getestete Gel ist allerdings nicht das erste seiner Art. So schien auch das Vaginalgel "Pro 2000" zunächst das Infektionsrisiko deutlich zu senken. In einer großen Studie mit mehr als 9000 Frauen in vier afrikanischen Ländern zeigte sich letztlich aber keinerlei Schutzwirkung.
Eine Alternative sind Frauenkondome: 18 Zentimeter lange Kunststoffschläuche, die an beiden Enden mit einem Ring ausgestattet sind. Ein Ende wird wie ein Pessar in die Scheide eingeführt. In den USA fördern Behörden diese Frauenkondome mittlerweile.
Bisher gab es weltweit 25 Millionen Aids-Tote
Auf der 18. Welt-Aids-Konferenz in Wien werden bis Freitag 20.000 Forscher, Ärzte, Politiker und Vertreter von Organisationen tagen und unter anderem über einen besseren Einsatz von Virushemmern beraten. Diese antiviralen Medikamente können bei HIV-Infizierten den Ausbruch der Krankheit Aids verzögern, indem sie die Viruskonzentration im Blut bis unter die Nachweisgrenze drücken. Manche Fachleute haben sogar eine baldige HIV-Impfung in Aussicht gestellt; Beobachter zeigten sich allerdings verwundert über deren Optimismus.
Erst am Montag hatte das Kinderhilfswerk Unicef erschreckende Zahlen präsentiert. Laut einer Studie wächst die Zahl der HIV-Infizierten in Osteuropa und Zentralasien massiv, vor allem Prostituierte und Straßenkinder sind betroffen. Das Kinderhilfswerk warnte vor einer verdeckten Epidemie unter Straßen- und Heimkindern in der Region.
Bislang sind nach Angaben der Vereinten Nationen weltweit etwa 33 Millionen Menschen mit HIV infiziert, in Deutschland sind es rund 67.000. Mehr als zwei Drittel aller HIV-Positiven leben in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Allein im Jahr 2008 starben zwei Millionen Menschen an den Folgen der Immunschwächekrankheit. Insgesamt gab es seit Ausbruch der Epidemie Anfang der achtziger Jahre weltweit 25 Millionen Aids-Tote.
boj/dpa/AFP
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