Verwirrung um Forschungspreis Wie Homöopathie plötzlich Krebskranken hilft

Eine Studie untersucht, ob eine zusätzliche Homöopathie-Behandlung Krebskranken hilft, kommt aber zu keinem klaren Ergebnis. Doch dann erhält die Untersuchung einen Preis - und plötzlich klingt alles wie der Beweis dafür, dass die Methode Tumorpatienten mehr Lebensqualität beschert.

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dapd

Homöopathie ist in Deutschland beliebt. Auch Krebskranke greifen darauf zurück - in der Regel zusätzlich zur der konventionellen Therapie, die je nach Fall Operation, Bestrahlung und Chemotherapie umfassen kann. Hilft ihnen das?

Ja, schreiben unter anderem das "Hamburger Abendblatt" und eine Schweizer Klinik und beziehen sich dabei auf eine Studie, die kürzlich mit einem Forschungspreis ausgezeichnet wurde. Sie soll die Wirksamkeit belegen, ist dort zu lesen - doch das tut sie nicht. Vor dem Hintergrund, dass erbittert darüber gestritten wird, ob Homöopathie eine über den Placeboeffekt herausgehende Wirkung hat, ist der Fall pikant.

Was ist passiert? Ein Team von deutschen und Schweizer Wissenschaftlern um Michael Rostock hat eine Studie mit 639 Patienten durchgeführt, die entweder eine auf Homöopathie spezialisierte Klinik oder ein konventionelles Krebszentrum besuchten. Sie wollten beide Gruppen miteinander vergleichen und so feststellen, ob die zusätzliche homöopathische Behandlung die Lebensqualität der Krebskranken erhöht und mögliche Begleiterscheinungen wie Depressionen und Erschöpfung lindert. Unter den Autoren der Studie findet sich Harald Walach, der das umstrittene Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) leitet.

Wie ein Vergleich von Äpfel und Birnen

Der Vergleich misslang, die Gruppen unterschieden sich zu stark, als dass man sie direkt gegenüberstellen konnte: Alter, Bildungsgrad, verstrichene Zeit seit der Krebsdiagnose - in diesen und anderen wichtigen Bereichen gab es deutliche Unterschiede. (Hier finden Sie die Details zur Studie.)

Daher sagt es nichts über Homöopathie aus, dass die Lebensqualität in der zusätzlich homöopathisch Gruppe stärker anstieg als in der anderen. Ebenso wenig wie man es der Homöopathie anlasten kann, dass in dieser Gruppe nach einem Jahr mehr Patienten verstorben waren (23 Prozent gegenüber 20 Prozent), kann man ihr die positiven Unterscheide zuschreiben. Ein Vergleich der beiden Gruppen ist so aussagekräftig wie der sprichwörtliche zwischen Äpfeln und Birnen.

Tatsächlich ist dies das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Krebskranke, die in eine homöopathisch ausgerichtete Klinik gehen, unterscheiden sich von Krebskranken, die dies nicht tun. Punkt.

Die Forscher publizierten die Arbeit trotzdem in der Fachzeitschrift "BMC Cancer", und das ist auch in Ordnung. Schließlich können auch Studien ohne eine klare Schlussfolgerung die Wissenschaft voranbringen.

Studienautor Matthias Rostock vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf interpretiert das Ergebnis im Gespräch so: "Die Studie hat zwar einen Hinweis auf eine Wirksamkeit der Homöopathie bei dieser Indikation ergeben, methodisch bedingt aber nicht den letztendlichen Beweis dafür liefern können, dass die zusätzliche homöopathische Therapie die Lebensqualität der Betroffen erhöht." Er sieht die Daten als ein positives Argument im Gespräch mit Patienten, die sich über die Behandlung informieren wollen und Hilfe bei einer Entscheidung brauchen.

Hier könnte die Geschichte enden, wenn die Arbeit nicht vor kurzem mit einem Preis ausgezeichnet worden wäre: dem Hufeland-Forschungspreis, den die Hufelandgesellschaft, der Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilkunde und Komplementärmedizin, auslobt. Die in diesem Fall mit 1500 Euro dotierte Auszeichnung wird aus dem Budget der Gesellschaft finanziert. Zu deren Fördermitgliedern gehören unter anderem mehrere Arzneimittelhersteller.

Irreführende Mitteilungen

Die Studie zeige in der homöopathischen Gruppe eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität, lässt es sich bei der Hufeland-Gesellschaft nachlesen. In der konventionellen Gruppe zeige sich dagegen nur ein geringer Anstieg der Lebensqualität nach einem Jahr. Das Problem: Von der fehlenden Vergleichbarkeit ist in der veröffentlichten Mitteilung nicht die Rede. Wer sich die Originalarbeit nicht angesehen hat, kann also zum Schluss kommen, die zusätzliche Homöopathie sei für die verbesserte Lebensqualität verantwortlich.

So eine Botschaft verbreitet sich. Die Carstens-Stiftung, die Naturheilkunde-Forschung fördert, hebt die "deutliche Verbesserung der Lebensqualität" der homöopathischen Gruppe gleich mit gefetteter Schrift hervor. Das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf meldet auch erst den Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie, bevor es später kurz einwirft, dass die Gruppen nicht vergleichbar waren. Die Schweizer Klinik, an der die Studie lief, stellt das Ergebnis gar unter die Überschrift "Wissenschaftliche Nachweise über Wirksamkeit der Homöopathie" - obwohl man dort die Details der Untersuchung eigentlich kennen müsste.

Das zeige, wie irreführend es ist, wenn Studienergebnisse überinterpretiert werden, erklärt Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane Zentrums. Da sich die Patientengruppen deutlich voneinander unterscheiden, fehle einem Vergleich der Gruppen jegliche Basis. "Damit kann diese Studie keinerlei Aussage über die Wirksamkeit der Zusatzbehandlung machen."

Auch Andreas Michalsen, der in Berlin am Immanuel Krankenhaus sowie an der Charité arbeitet und Vorstandsmitglied der Hufelandgesellschaft ist, stellt klar: "Die Studie liefert keinen Wirksamkeitsnachweis." Er erklärt, warum die Arbeit ausgezeichnet wurde. Die Jury hätte es begrüßt, dass sich jemand des umstrittenen Themas der Homöopathie in der Krebstherapie angenommen hätte. Jetzt wisse man unter anderem, wie viele Studienteilnehmer man bräuchte, um einen direkten Vergleich zu ermöglichen und wie verschieden die Patientengruppen sind. "Wir finden das Ergebnis wichtig", sagt Michalsen. Auf der Basis könne man überlegen, wie weitere Studien gestaltet werden können.

Bis solche Untersuchungen abgeschlossen sind, fehlt aber weiterhin der wissenschaftliche Beleg, dass Homöopathie Krebskranken hilft, indem sie ihre Lebensqualität erhöht - auch wenn diese Botschaft die Runde gemacht hat.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 376 Beiträge
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Seite 1
WertPacket 19.07.2012
1. Soso
Die Homöopathie-Industrie hört aber gar nicht gerne, dass es für ihren Voodo-Zauber nicht den geringsten Beweis gibt. Da kommt dann oft der ultimative Spruch der zeitg, dass man nichts verstanden hat: "Wer heilt hat recht". Leider heilt Homöopathie eben nicht oder besser gesagt nicht besser als ein Placebo!
felsen2000 19.07.2012
2. Und selbst dieser Artikel im SPON...
...ist noch zu nachsichtig. WENN man schon aus einer wissenschaftlich zweifelhaften und statistisch fehlinterpretierten Studie eine Schlussfolgerung ziehen wollte, dann die: Patienten, die nicht-wissenschaftliche Betreuungsmethoden (von "Behandlung" kann man bei Homöopathie nicht sprechen) wählen, fühlen sich dadurch manchmal besser, sterben aber früher. SO wären die zweifelhaften Daten wenigstens in sich richtig interpretiert.
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 19.07.2012
3. Aberglaube
Ich könnte genausogut Weihwasser saufen, das ist wenigstens kostenlos. Ich frage mich wieviele der Beschneidungskritische "Atheisten" an diesen Quatsch glauben. Naja vieleicht kommt mir die Erleuchtung nach einer erfrischenden Dusche mit Himalaya Gestein im Duschkopf. Immer schön der Wünschelrute nach, denn in meiner Feng-Shui Wohnung findet man die Wasserstellen sonst nur schwer. Wenn derlei Aberglaube nun der Ersatz für Religionen sein soll dann wünsche ich mir aber sofort die Inquisition wieder her!!! Nun ist es ja nicht neu das in Unserer Gesellschaft viel Geld mit Scharlatanie gemacht werden kann, aber das schamlose Ausnützen der Notlage erkrankter Menschen ist einfach ekelhaft und muss nicht tolleriert werden. Es gibt mit Sicherheit einige tatsächlich Hilfreiche "alternative" Therapien, aber Homöopathie dient ausschließlich dazu irgendwelchen Quacksalbern Geld in die Taschen fließen zu lassen. Warum verkauft die Kirche nicht inzwischen wieder Ablassbriefe? Damit könnte man heutzutage bestimmt wieder gut Kohle machen. Zumal der Verkäufer dabei im Zweifel sogar auf sein eigenes "Produkt" zurückgreifen könnte.
frunabulax 19.07.2012
4. Hokus Pokus
Zitat von sysopDDPEine Studie untersucht, ob eine zusätzliche Homöopathie-Behandlung Krebskranken hilft, kommt aber zu keinem klaren Ergebnis. Doch dann erhält die Untersuchung einen Preis - und plötzlich klingt alles wie der Beweis, dass die Methode Tumor-Patienten mehr Lebensqualität beschert. Homöopathie gegen Krebs: Wie ein Medizin-Preis Verwirrung stiftet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,844966,00.html)
Ich bin immer wieder fassungslos, wie verbreitet dieser Hokus Pokus ist. Wenn mann dann genauer nachfragt, stellt man allerdings immer wieder fest, dass diese Befürworter sich nie ernsthaft mit dem zweifelhaften (ja geradezu idiotischen) Prinzip der Homöopathie auseinandergesetzt haben. Das will man auch alles gar nicht so genau wissen. ist ähnlich wie bei Religionen. Lassen Sie sich mal von einem Christen, was beim Abendmahl passiert oder die Trinität erklären ... Sie werden überrascht sein.
Hajojunge 19.07.2012
5. Wissenschaftlich nicht haltbar
Zitat von sysopDDPEine Studie untersucht, ob eine zusätzliche Homöopathie-Behandlung Krebskranken hilft, kommt aber zu keinem klaren Ergebnis. Doch dann erhält die Untersuchung einen Preis - und plötzlich klingt alles wie der Beweis, dass die Methode Tumor-Patienten mehr Lebensqualität beschert. Homöopathie gegen Krebs: Wie ein Medizin-Preis Verwirrung stiftet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,844966,00.html)
Es gibt keine seriöse randomisierte Doppelblindstudie, welche die Wirksamkeit der Homöopathie bewiesen hätte. Die Krebskranken, die zusätzlich homöopathisch behandelt wurden, sind natürlich sehr dankbar für die Zuwendung. Wer dran glaubt, soll die Mittelchen ruhig nehmen. Sie schaden ihm nicht. Auch in Krankenhäusern wird häufig mit Placebos gearbeitet, um schwierige Patienten zufriedenzustellen. Dass z.B. die TK sich damit brüstet, solche Medizin zu erstatten und gleichzeitig anerkannt wirksame aus dem Lesitungskatalog streicht, ist ein Skandal.
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