Homöopathie in der Kritik: Tausendmal gerührt

Dünn, dünner, Homöopathie: In SPD und CDU wächst der Widerstand gegen die Alternativmedizin. Dürfen Krankenkassen bald keine Zuschüsse mehr zahlen für die tausendfach gerührten angeblichen Arzneimittelchen? Die Kritiker müssen sich auf Gegenwind der etwas anderen Pharmalobby einstellen.

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Homöopathie: Der Streit über die angeblichen Wundermittel
Berlin - Die SPD macht einen Vorschlag, den die CDU so gut findet, dass sie ihn am besten sofort umsetzen will - das hat Seltenheitswert im politischen Berlin. Dass dergleichen auch noch in der Gesundheitspolitik geschieht, in der alles immer Streit auslöst - eigentlich undenkbar. Jetzt aber geht es um Homöopathie. Und da scheinen sich die Experten der großen Parteien plötzlich einig zu sein.

"Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen", sagte Karl Lauterbach, SPD-Obmann im Gesundheitsausschuss des Bundestags, dem SPIEGEL. Die CDU hätte diesen Vorstoß zurückweisen können, was sich angesichts der Beliebtheit der Homöopathie angeboten hätte - doch CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn tat das Gegenteil. Seine Fraktion sei offen dafür, den gesetzlichen Kassen das Bezahlen homöopathischer Therapien zu verbieten, sagte er der "Berliner Zeitung". "Wir haben Wahltarife für Homöopathie seinerzeit auf Wunsch von SPD und Grünen eingeführt. Sollte die SPD veränderungsbereit sein, können wir sofort darüber reden." Spahn benutzt die gleichen Argumente wie Lauterbach. Zahlreiche klinische Studien hätten eine Wirkung homöopathischer Präparate nicht beweisen können, sagte er.

Beide Politiker wissen die Mehrheit der seriösen Wissenschaftler hinter sich. Diese argumentieren sogar noch schärfer gegen die Homöopathie. Jürgen Windeler, der zum 1. September seinen Job als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) antritt, nennt die Homöopathie im SPIEGEL ein "spekulatives, widerlegtes Konzept". Ein medizinischer Nutzen sei nicht erwiesen. "Dazu muss man auch gar nicht mehr weiterforschen, die Sache ist erledigt", sagte der künftige oberste Medizinprüfer im Land.

Homöopathie in Deutschland beliebt

Findet die Politik nun Mut zu unpopulären Entscheidungen? Ein beachtlicher Teil der Deutschen dürfte von der Aussicht, homöopathische Therapien künftig selbst bezahlen zu müssen, wenig begeistert sein. Die Hersteller homöopathischer Mittel im Bundesverband der Arzneimittelhersteller haben 2009 beim Institut für Demoskopie Allensbach eine Umfrage in Auftrag gegeben, der zufolge 57 Prozent der Bevölkerung schon mal ein homöopathisches Arzneimittel geschluckt haben. 25 Prozent davon gelten demnach gar als "überzeugte Verwender".

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Bizarre Zutaten: Aus dem Giftschrank der Homöopathie
Gerade unter Prominenten hat die Homöopathie viele Anhänger. Die Schauspielerin Anna Loos zum Beispiel bekennt sich in Klatschblättern zur ihrer Homöopathin, der Modedesigner Karl Lagerfeld nahm mit Hilfe eines Homöopathen angeblich 42 Kilo ab. Doris Schröder-Köpf, Gattin des Ex-Kanzlers, übernahm die Schirmherrschaft des Homöopathie-Weltkongresses, und selbst der Philosoph Peter Sloterdijk preist die Homöopathie als "plausibel und unglaublich in einem, rätselhaft und wirkungsvoll". Auch in der Politik hat die Homöopathie ihre Anhänger - zum Beispiel Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag.

Entsprechend ablehnend reagiert sie auf den SPD-Vorstoß. "Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt", sagte Künast. Das stimmt. Nur was das mit der Kritik an der Homöopathie zu tun haben soll, lässt die Grüne unbeantwortet.

Das Gedächtnis des Wassers

Was Wissenschaftler an der Homöopathie für Unfug halten, sind nicht die eigentlichen Wirkstoffe, sondern wie sie verwendet werden - nämlich erstens extrem verdünnt und zweitens nach dem Grundsatz "Gleiches mit Gleichem" (siehe Kasten links).

Erfunden wurde die Homöopathie vor 200 Jahren in Deutschland von dem Arzt Samuel Hahnemann. Nach seiner Lehre soll ein Patient mit genau dem Wirkstoff behandelt werden, der bei einem Gesunden die gleichen Symptome auslöst. Hat ein Patient also Fieber, sucht der Homöopath nach einem Stoff, der bei Gesunden Fieber auslöst. Der wird dann immer wieder verdünnt - so oft, bis nicht einmal mehr ein Wirkstoffmolekül im Arzneimittel nachweisbar ist.

Dass ein solches Mittelchen wirken kann, halten Naturwissenschaftler schlicht für Aberglauben. Homöopathen sind dagegen überzeugt, Wasser habe ein Gedächtnis - und deshalb funktioniere die Homöopathie.

Alle seriösen Übersichtsarbeiten der vergangenen Jahre haben die Vermutung bestätigt, dass sich der Nutzen der Homöopathie nicht belegen lässt. Die Globuli taugen allenfalls für einen Placebo-Effekt: Die Wirkung basiert auf Einbildung.

Eine weitere mögliche Erklärung ist nach Ansicht von Fachleuten, dass ein Homöopath meist wesentlich länger mit dem Patienten spricht als ein Schulmediziner. Freilich gegen teures Geld.

Kritiker warnen vor gefährlichen Folgen

Im 19. Jahrhundert war die Homöopathie zwar nützlich, aber nur deshalb, weil sie viele Patienten vor den Irrtümern der damaligen Schulmedizin bewahrte. Denn die regulären Ärzte traktierten Kranke mit Einläufen, Aderlässen und ähnlichem gefährlichen Unsinn. Hahnemanns sanfte Medizin konnte die Patienten somit immerhin vor Schlimmerem bewahren.

Gegner der Homöopathie warnen aber davor, dass es heute genau umgekehrt laufen kann - und dass nicht selten Kinder die Folgen tragen. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Eltern ernsthafte Erkrankungen ihres Nachwuchses homöopathisch behandeln lassen und eine wirksame schulmedizinische Behandlung ablehnen - mit nicht selten gefährlichen Folgen.

Zwar wird es solches Treiben auch in Zukunft geben, nach dem Willen von SPD-Experte Lauterbach dann aber wenigstens nicht mehr auf Kosten der gesetzlichen Kassen. "Viele Patienten glauben, die Kassen zahlen nur das, was auch nachweisbar hilft", sagte er dem SPIEGEL. Er kritisiert vor allem die Techniker-Krankenkasse und die zahlreichen Betriebskrankenkassen dafür, dass sie die Homöopathie bezahlen: "Die Krankenkassen adeln mit ihrem Vorgehen eine Wundermedizin wie die Homöopathie auch noch."

"Unverantwortlich, den Etat damit zu belasten"

Nicht nur in Deutschland regt sich Widerstand dagegen, dass die Homöopathie vom staatlichen Gesundheitssystem getragen wird. In Großbritannien wird die Auseinandersetzung derzeit noch schärfer geführt. Der Gesundheitsausschuss des britischen Parlaments kam im Februar in einem ausführlichen Bericht zu dem Schluss: "Die Regierung sollte der Bezahlung der Homöopathie durch den National Health Service ein Ende setzen. Denn Placebos sollten nicht routinemäßig aus Kosten des NHS verschrieben werden."

Anfang Mai verschärfte der britische Ärztebund den Ton noch. Homöopathie sei "Hexenzauber", stand in einer Resolution, die von rund hundert Ärzten der British Medical Association in London verabschiedet wurde. "In Zeiten wachsender Geldknappheit ist es unverantwortlich, den Gesundheitsetat mit Ausgaben für Quacksalberei zu belasten."

Auf spaßige Art ging die britische Kampagne "10 hoch 23" mit der Homöopathie ins Gericht. Die Aktivisten versammelten sich Anfang Februar vor Apotheken in einem Dutzend britischer Städte und schluckten gemeinsam gewaltige Mengen homöopathischer Arsen-Präparate.

Es geschah: nichts.

mbe/AP

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Forum - Ist Homöopathie mehr als Hexenzauber?
insgesamt 4930 Beiträge
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1.
BeckerC1972, 10.07.2010
Zitat von sysopSchulmedizin und alternative Heilmethoden konkurrieren und werden heftig diskutiert. Wie steht es um die Homöopathie? Was kann sie leisten? Ist sie mehr als Hexenzauber?
Gibt es irgendeine Studie, die die Wirksamkeit der Homöopathie nachweist?
2. Homöopathie ist wirkungslos (bis auf den Placeboeffekt)
no_simple_truths 10.07.2010
Es wurde in zahlreichen Doppelblindstudien (also Studien in denen eine Gruppe mit Placebo behandelt wird und die anderen mit homöopathischen Mittel) gezeigt, dass die Wirksamkeit der Homöopathie exakt dem Placeboeffekt entspricht. Dementsprechend Homöopathie wirkt, aber es ist egal, ob man den Leuten homöopathische Medikamente oder als Medikament getarnte Pfefferminzpastillen verschreibt. Auch wenn jetzt wieder alle kommen werden mit Geschichten, wie es bei Ihnen gewirkt hat. Wir alle reagieren auf den Placeboeffekt - ich auch, Sie auch. Das macht uns menschlich.
3. Wirksamkeit
multi_io 10.07.2010
Zitat von sysopSchulmedizin und alternative Heilmethoden konkurrieren und werden heftig diskutiert. Wie steht es um die Homöopathie? Was kann sie leisten? Ist sie mehr als Hexenzauber?
Sie kann durch Placeboeffekt "wirken". Das war's.
4. Voodoo
ploxystar 10.07.2010
Wird Voodoo und der afrikanische Medizinmann jetzt auch nicht mehr bezahlt?
5. Nee..
Ben Major 10.07.2010
Zitat von BeckerC1972Gibt es irgendeine Studie, die die Wirksamkeit der Homöopathie nachweist?
Nee, aber jede Menge die Nachweisen, das "homöopathische Medikamente" nichts anderes als Wasser sind.
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Homöopathie
Was ist Homöopathie?
Homöopathie - griechisch für "ähnliches Leiden" - wird von ihren Befürwortern sowohl gegen körperliche als auch gegen seelische Beschwerden angewandt. Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsprinzip und der Verdünnung.

Homöopathen benutzen Substanzen, die bei Gesunden die Symptome der zu behandelnden Krankheit hervorrufen würden. Die Herstellung der Medikamente beruht auf dem sogenannten Potenzieren: Die Wirkstoffe werden durch Vermischen mit Alkohol oder Wasser oder durch Verreiben mit Milchzucker stark verdünnt. Anhänger der homöopathischen Idee gehen davon aus, dass das Medikament umso besser wirkt, je stärker es verdünnt ist: Die schädlichen Wirkungen der Arzneisubstanzen würden minimiert und die positiven gesteigert. Es gibt verschiedene Verdünnungsgrade, von einem Tropfen auf das Volumen einer Erbse (D1) bis zu einem Tropfen auf das gesamte Universum (D78). D78 bedeutet, dass ein Mittel 78-mal um den Faktor zehn verdünnt wurde. Erhältlich sind aber auch Potenzen wie D200 oder gar D1000. In vielen homöopathischen Mitteln ist der Wirkstoff deshalb nicht mehr nachzuweisen - im Medikament kommt von ihm kein einziges Molekül mehr vor.
Geschichte
Das Prinzip der Homöopathie geht auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) zurück. 1796 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er erstmalig sein "Ähnlichkeitsprinzip" postuliert. Dieses stützte er auf einige empirische Daten, einschließlich vieler Selbstversuche. Das System der starken Verdünnung wurde zunächst angewendet, um schädliche Effekte der teils giftigen Wirkstoffe zu vermeiden. Erst später verordnete Hahnemann auch die sogenannten Hochpotenzen, bei denen die Arzneisubstanz so stark verdünnt wird, dass sie sich im fertigen Medikament nicht mehr nachweisen lässt.

Die moderne Naturwissenschaft konnte eine Wirksamkeit der Homöopathie bis heute nicht nachweisen - trotz zahlreicher Studien. Die meisten Fachleute sind inzwischen überzeugt, dass eine Wirkung allenfalls auf einem Placebo-Effekt beruhen kann.
Homöopathie in Deutschland
2005 gab jeder Deutsche im Durchschnitt 4,87 Euro für Homöopathika aus. Laut einer Allensbach-Umfrage ist die alternativmedizinische Methode am beliebtesten bei Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, die in Bayern oder Badem-Württemberg in Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen leben.

Homöopathie erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. 2010 verfügen mehr als 3000 Apotheker verfügen über eine homöopathische Ausbildung; 6712 Ärzte tragen offiziell die Zusatzbezeichnung "Homöopath". Diese Zahl hat sich seit 1993 mehr als verdreifacht.
Wirksamkeit
Für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel gibt es bisher keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis. Im Jahr 1997 legte der Mediziner Klaus Linde von der Technischen Universität München eine große Erhebung zum Thema vor. Die Ergebnisse erschienen zunächst vielversprechend für die Befürworter der Heilmethode und werden noch heute als Legitimation benutzt. Kritiker warfen Lindes Studie jedoch mangelhafe Qualität vor. Der Autor selbst räumt inzwischen ein, dass er seine damalige Schlussfolgerung, der Effekt homöopathischer Mittel ginge über einen Placeboeffekt hinaus, nicht mehr aufrechterhalten könne.

2005 veröffentlichten Wissenschaftler der Universität Bern im Fachblatt "The Lancet" eine weitaus genauere Studie. Im Test gegen Placebos zeigte sich bei den homöopathischen Medikamenten keine erhöhte Wirksamkeit. Auch andere Studien ergaben, dass durch Potenzierung hergestellte Arzneimittel Placebos in ihrer Wirkung nicht übertreffen.