Menschliche Netzwerke Der Hongkonger trifft zwölf Menschen pro Tag

Wie viele Kontakte mit anderen Menschen haben wir täglich? Wissenschaftler haben in Hongkong nachgezählt. Sie hoffen, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten so besser zu verstehen.

Skyline von Hongkong (Archiv)
AFP

Skyline von Hongkong (Archiv)


Computermodelle sollen die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten nachvollziehen. Dazu benötigen die Wissenschaftler unter anderem Informationen darüber, welche Wege Menschen an einem Tag zurücklegen und wie häufig sie dabei anderen Menschen so nahe kommen, dass eine Ansteckung möglich ist.

Bisherige Studien lieferten oft nur einen Querschnitt, wie viele Kontakte Menschen an einem oder zwei Tagen haben. Forscher der University of Hongkong haben deshalb über einen Zeitraum von einem Jahr untersucht, ob und wie sich das Kontaktverhalten von Menschen ändert. Damit wollten sie herausfinden, ob die angewandten Modelle ausreichend sind und ob sie dazu taugen, Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko zu identifizieren.

Hongkong gilt als eines der am dichtesten besiedelten Gebiete weltweit. Von hier breiteten sich schon öfter Erkrankungen wie beispielsweise die Atemwegsinfektion Sars aus. Um genauere Modelle darüber zu entwickeln, befragten die Forscher insgesamt 1450 Personen aus 857 Haushalten in vier Wellen zwischen 2012 und 2013 zu ihren Kontakten.

Kinder haben die meisten Kontakte

Die Probanden sollten dabei angeben, mit wie vielen Personen sie wie lange an wie vielen unterschiedlichen Orten Kontakt hatten. Aus diesen Informationen ergeben sich die Kontaktraten der Menschen.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Individuen an einem Tag durchschnittlich 12,5 andere Personen an 2,9 geografisch verschiedenen Orten treffen. Dabei verbringen sie im Schnitt 9,1 Stunden mit anderen Menschen. Die Kontakthäufigkeit und die Orte, an denen die Kontakte stattfinden, hätten sich während der vier Befragungswellen nicht signifikant verändert, schreiben die Forscher im "Journal der Royal Society".

Die meisten Kontakte zählten die Forscher bei den 10- bis 20-Jährigen und den 40- bis 50-Jährigen. Oberhalb von 60 Jahren sank die Zahl der Treffen mit anderen Menschen den Angaben zufolge deutlich.

Die Zahl der besuchten Orte, die Häufigkeit und Dauer der Kontakte hängen voneinander ab, ergab die Untersuchung weiter. Personen, die mehr Orte aufsuchten, hatten auch mehr Kontakte. Dafür dauerten diese nicht so lange. Kinder und Erwachsene im Alter zwischen 40 und 50 Jahren wiesen die höchsten Kontaktraten auf. Zudem seien an Werktagen Kontakte häufiger als am Wochenende, dafür seien sie dann auch kürzer als am Wochenende.

Weitere Untersuchungen nötig

Bei vielen akuten Atemwegserkrankungen ist eine Person länger als einen Tag ansteckend, heißt es in der Studie weiter. Zudem definiere die Zahl der Kontakte eines Infizierten die Geschwindigkeit und Ausbreitung innerhalb eines Netzwerkes.

Die Beziehung zwischen der Infektionszeit und der Dauer sowie dem geografischen Muster der sozialen Kontakte treibe vermutlich die Verbreitungsgeschwindigkeit akuter Infektionskrankheiten an. Dies könne wichtige Hinweise für die öffentliche Gesundheitsfürsorge liefern, beispielsweise die Umgebungsuntersuchung, um angesteckte Personen zu finden.

Aufgrund ihrer Erkenntnisse gehen die Forscher daher davon aus, dass die bisherigen Querschnittsstudien mit eintägigen Befragungen für einfache Modellrechnungen zur Bevölkerungsgröße und Demografie ausreichen. Um detaillierte Modelle zur Ausbreitung von Krankheiten erstellen zu können, müsse man allerdings die individuellen Unterschiede der Kontaktmuster genauer untersuchen, heißt es.

brt



insgesamt 4 Beiträge
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Flying Rain 05.02.2018
1. Hehe
Hehe da müsste ich im Winter mit Kontakten pro Woche rechnen...
oidahund 05.02.2018
2.
Wie wurden denn Kontakte definiert? - Wenn ich mit dem ÖPNV unterwegs bin, dann habe ich allein bei einer Fahrt schon mit mehr als 12 Menschen Kontakt. Beim Einkaufen, vor allem in der Kassenschlange, hat man auch mit 5+ Menschen Kontakt usw. - Oder wird nur gezählt, wie oft man sich mit unterschiedlichen Personen unterhalten hat?
cyoulater 05.02.2018
3. @oidahund
Zitat von oidahundWie wurden denn Kontakte definiert? - Wenn ich mit dem ÖPNV unterwegs bin, dann habe ich allein bei einer Fahrt schon mit mehr als 12 Menschen Kontakt. Beim Einkaufen, vor allem in der Kassenschlange, hat man auch mit 5+ Menschen Kontakt usw. - Oder wird nur gezählt, wie oft man sich mit unterschiedlichen Personen unterhalten hat?
Genau das frage ich mich auch. Als ich die Überschrift las, dachte ich spontan: "Was, nur 12 Leute pro Tag? Oje, was für arme Schweine...", aber so ist die Zahl wohl nicht zu verstehen. Vermutlich sind wirklich nur die Menschen gemeint, mit denen man Angesicht zu Angesicht spricht und direkten Kontakt hat. Auf der anderen Seite beschränken sich die Bakterien- und Virenquellen ja nicht nur auf die Personen, die man direkt kontaktiert, also wäre wieder die Untersuchung im Hinblick auf Infektionsrisiken Quatsch. Wäre hilfreich, wenn der Artikel darauf besser eingehen könnte.
schlaueralsschlau 06.02.2018
4. @ 2 und 3
Die Frage stellte auch ich mir als erstes. Die Auflösung: "Contact was defined as a social encounter with an individual which included a face-to-face conversation or touch (such as handshake, a kiss, games and sports or similar events involving body touch)" Da es aber auch um das Ausbreiten von Krankheiten geht, gehört für mich eine Fahrt in Bus oder Bahn definitiv dazu, das Gespräch mit der Kassiererin, da nicht auf Augenhöhe (sitzen- stehen) jedoch nicht.
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