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Hormon-Therapie: Oxytocin lässt Autisten mehr vertrauen

Oxytocin macht vertrauensselig. Das haben Forscher an gesunden Menschen bereits erprobt. Jetzt haben französische Wissenschaftler den Botenstoff auch an Autisten getestet - und festgestellt, dass es ihnen im sozialen Umgang mit anderen helfen könnte.

Autismus bei Kindern: Schwierigkeiten bei der sozialen Bindung Zur Großansicht
REUTERS

Autismus bei Kindern: Schwierigkeiten bei der sozialen Bindung

Das Hormon Oxytocin ist ein echter Allrounder, zumindest in Sachen Liebe: Es ist der Stoff, der Emotionen in Wallungen bringt - von Zuneigung und Vertrauen bis hin zur Ekstase beim Orgasmus. Er macht Liebende unzertrennlich, bindet Eltern an ihre Kinder und schafft soziale Beziehungen.

Wie Oxytocin, oft auch als "Schwangerschafts"- oder "Kuschelhormon" bezeichnet, diese wundersamen Dinge im Körper vollbringen kann, haben Forscher nach und nach herausgefunden. 2005 bewiesen Forscher um Markus Heinrichs aus Zürich erstmals eindrucksvoll, was der körpereigene Stoff bewirkt, wenn man ihn als Spray verabreicht bekommt: Oxytocin erhöhte das menschliche Vertrauen der Probanden um ein Vielfaches.

Seither suchen Mediziner nach Möglichkeiten, wie sich das Hormon sinnvoll als Therapeutikum einsetzen lässt. Eine Idee: Es soll bei Autismus helfen. Autisten haben typischerweise Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren, ihnen in die Augen zu schauen und ihre Mimik und Gestik zu verstehen. Das Hormon, so die Hoffnung der Forscher, kann möglicherweise dazu beitragen, die sozialen Fähigkeiten von Autisten zu verbessern.

Bisher gab es nur wenige Untersuchungen, die eine derartige Wirkung belegen. Jetzt haben Neurowissenschaftler um Angela Sirigua vom Centre de Neuroscience Cognitive im französischen Bron Oxytocin an erwachsenen Menschen mit Autismus getestet. Die Forscher verabreichten den Autisten das Hormon als Nasenspray und testeten die Wirkung auf deren Sozialverhalten.

Das Ergebnis: Nach der Gabe des Nasensprays reagierten die Patienten mehr auf menschliche Gesichter und konnten in einem virtuellen Ballspiel besser zwischen einem kooperativen und einem unkooperativen Spieler unterscheiden, Sirigu vom Centre und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift " Proceedings of the National Academy of Sciences".

Oxytocin-Mangel als möglicher Grund für Autismus?

Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten, soziale Informationen zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Sie vermeiden häufig den Blickkontakt, nehmen von sich aus keinen Kontakt mit anderen Menschen auf und haben Schwierigkeiten, die Absichten und Gefühle anderer zu erkennen. Autismus kann in verschiedenen Schweregraden vorliegen, wobei Patienten mit sogenanntem hochfunktionalem Autismus eine normale Intelligenz und gute Sprachfähigkeiten besitzen. Sirigu und ihre Kollegen schreiben, dass bereits in früheren Studien ein Zusammenhang zwischen Oxytocin und Autismus gefunden worden war. So beobachteten Forscher bei autistischen Kindern verminderte Oxytocin-Blutwerte und erhöhte Hormon-Vorstufen - was darauf schließen lässt, dass das Hormon nicht korrekt im Körper der autistischen Kinder hergestellt wird.

Sirigu und ihr Team wiederholten in ihrer Studie ein Experiment, das in ähnlicher Art an gesunden Menschen durchgeführt worden war. Nach Oxytocin-Gabe per Nasenspray hatten gesunde Erwachsene in simulierten Spielen gesteigertes Vertrauen zu Fremden gezeigt. Auch das Gesichtergedächtnis und die Sensibilität für soziale Reize war erhöht, auch Augenpartien in Gesichtern wurden länger fixiert.

Für Sirigu und ihre Kollegen lag es daher nahe, die beiden Hinweise - Oxytocin-Mangel als möglicher Auslöser und die bereits beobachteten Effekte an gesunden Menschen - kombiniert zu untersuchten. Sie gaben also per Nasenspray einmalig 13 Erwachsenen mit hochfunktionalem Autismus das Hormon Oxytocin und ließen sie danach ähnliche Tests absolvieren wie die gesunden Probanden in den früheren Experimenten. Die Ergebnisse verglichen sie mit einem Placebo-Durchlauf, gaben den Probanden also einmal nur ein wirkungsloses Nasenspray ohne Oxytocin. Und sie verglichen die Ergebnisse aller Tests mit denen gesunder Erwachsener. Zudem maßen sie bei den Probanden die Oxytocin-Level vor und nach der Nasenspray-Applikation.

Mit Oxytocin längerer Blickkontakt und besseres Einschätzungsvermögen

Um das Verhalten der Patienten zu testen, zeigten sie ihnen verschiedene Gesichter und beobachteten ihr Blickverhalten. In dem Placebo-Durchlauf vermieden die Patienten insbesondere die Augenregion der dargestellten Gesichter. Nach der Hormon-Gabe betrachteten sie die gezeigten Gesichter länger und fixierten die Augenregion signifikant intensiver. Allerdings unterschied sich ihr Blickverhalten immer noch von dem gesunder Teilnehmer, die Augen und Gesichter deutlich länger anschauten.

Die zweite Aufgabe war ein virtuelles Ballspiel, in dem es drei Mitspieler gab: einen kooperativen Spieler, der den Ball häufig zum Probanden warf, einen unkooperativen, der den Ball nur selten an ihn weitergab, und einen neutralen, der eine Mittelstellung einnahm. Die Autisten behandelten im Placebo-Durchlauf alle drei Mitspieler gleich. Nach Oxytocin-Gabe aber warfen sie dem kooperativen Spieler häufiger Bälle zu und vertrauten ihm eher. Die gesunden Probanden aber waren noch besser in ihren Entscheidungen.

Diese Ergebnisse deute darauf hin, dass das Hormon die sozialen Fähigkeiten von Autismus-Patienten verbessern kann, so Sirigu. Möglicherweise verringere es die Angst vor sozialen Kontakten und ermögliche es den Betroffenen, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, schreiben die Forscher. Gleichzeitig räumen sie jedoch ein, die Veränderungen im Sozialverhalten seien insgesamt sehr unterschiedlich gewesen. Weitere Studien, auch über eine regelmäßige Gabe von Oxytocin seien notwendig, um den Einsatz des Hormons genau zu überprüfen.

cib/dpa/ddp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. Titel
Jilocasin 16.02.2010
Hallo SPON, es wäre schön, wenn man auf einen Artikel, den ihr verlinkt, auch Zugriff hätte. Und wenn nicht, wäre eine nachvollziehbare Zitierung schön. So klicke ich auf den link und erfahre nur, daß ich den Artikel noch nicht einsehen kann, weiß aber nicht, wo ich nachschauen soll. Meine Meinung vorweg: Es ist ja schön daß man so Autisten(zumindest hochfunktionale) zu mehr sozialer Interaktion bekommt. Ob aber ein größeres Vertrauen mehr soziale Kompetenz mit sich bringt? Bei sowas einfachem wie dem ballspiel mag das klappen, aber ansonsten ist ein stärkeres Mißtrauen von Autisten Fremden gegenüber sinnvoll, eben weil sie Fremde und ihre Motivation nicht einschätzen können. Ich sehe hier auch Mißbrauchsmöglichkeiten ebi gesunden Menschen. Oxytocin-Berieselung in Kaufhäusern und die Verkäufer schwatzen einem wer weiß was auf. Wahrscheinlich bin ich zu paranoid, aber eine ordentliche Portion Mißtrauen hat noch keinem Geschadet, weder Autist nocht "Normalo"....
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
cha cha 16.02.2010
Zitat von sysopOxytocin macht vertrauensselig. Das haben Forscher an gesunden Menschen bereits erprobt. Jetzt haben französische Wissenschaftler den Botenstoff auch an Autisten getestet - und festgestellt, dass es ihnen im sozialen Umgang mit anderen helfen könnte. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,677953,00.html
Wird das nicht schon standardmäßig in den Kundenbereichen der Banken eingesetzt?
3. Krankhaft
schlauberger23 16.02.2010
Warum wird Autismus eigentlich immer alsKrankheit betrachten ? Abgesehen von schweren Fällen sind Autisten einfach anders. Positive Aspekte, z.B. verringerte Manipulierbarkeit, ein distanzierterer Blick auf gesellschaftliche Gefüge usw. sind den Kontrollfreaks in den Regierungen und Chefetagen vermutlich ein Dorn im Auge, für eine dynamische Gesellschaft aber eine deutliche Bereicherung.
4. Schwere
Autist 16.02.2010
Der Eindruck der Schwere ist soweit ich es sehe auch eher eine Illusion, die auf Unverständnis von Nichtautisten beruht.
5. Oxytocin
Mein Name ist Hase 16.02.2010
Oxytocin ist ein Wehenmittel - man sollte vielleicht einmal darüber nachdenken, welche verheerenden Folgen es im menschlichen Körper anrichten kann -
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