Hormonmittel Behinderter verliert Prozess gegen Bayer Schering

Schwere Enttäuschung für viele Behinderte: Ein Mann, der den Pharmakonzern Bayer Schering verklagt hatte, hat vor Gericht verloren. Seine Mutter hatte ein Mittel zum Schwangerschaftstest eingenommen, das massive Nebenwirkungen gehabt haben soll. Doch der Fall sei verjährt, sagt der Richter.


Der körperbehinderte Lehrer André Sommer hat sich mit dem Pharmagiganten Bayer Schering vor Gericht angelegt. Seine Mutter hatte ein Mittel zum Schwangerschaftstest eingenommen, das angeblich massive Nebenwirkungen hatte. Doch jetzt hat der Allgäuer in erster Instanz verloren.

Die Klage Sommers gegen den Pharmakonzern Bayer Schering ist in erster Instanz gescheitert. Es bestehe kein Anspruch auf Auskunft über die Wirkung des Hormonmittels Duogynon, stellte Richter Udo Spuhl am Berliner Landgericht am Dienstag fest. Er erklärte alle Schadenersatzansprüche für verjährt. André Sommers Mutter hatte das Hormonmittel 1975 als Schwangerschaftstest bekommen - die heute üblichen Urintests gab es damals noch nicht.

Sommers Anwalt Jörg Heynemann hingegen vertritt die Auffassung, dass keine Verjährung vorliegt. Denn der jüngste Schaden sei 2005 entstanden. Da habe sich Sommer wegen seiner Missbildungen einer großen Operation unterziehen müssen, argumentiert der Anwalt. Nun will Sommer in die nächste Instanz gehen (Aktenzeichen: 7 O 271/10).

Sommer konnte nicht selbst zum Verkündungstermin nach Berlin kommen. Jedoch saß ein kleinwüchsiger Mann, der sich ebenfalls als Opfer des Medikaments sieht, auf der Zuschauerbank im Gericht

"Warum legt Bayer die Akten nicht offen?"

Maßgeblich für die Entscheidung war, dass nach Auffassung der 7. Zivilkammer sämtliche Schadensersatzansprüche im Jahr 2005 - also 30 Jahre nach Verabreichung des Medikaments - erlöschen. Richter Spuhl betonte, dass nicht zu entscheiden war, ob Duogynon Schäden bei Sommer verursacht hatte. Das Aufklärungsinteresse sei menschlich verständlich, aber nach dem Gesetz nicht durchsetzbar.

Zu Beginn des Zivilstreits Ende November hatte Sommer dem Pharmakonzern vorgeworfen, nicht zum Dialog bereit zu sein. "Meine Missbildungen werden nie verjähren, ich werde wieder operiert", beklagte Sommer. "Warum legt Bayer die Akten nicht offen, wenn es keinen Zusammenhang mit Duogynon gibt?".

Nachdem der SPIEGEL (23/2010) erstmals über den Fall Sommer berichtet hatte, meldeten sich mehrere Dutzend Betroffene zu Wort. Seit Juni habe er eine Flut von E-Mails bekommen von Betroffenen, die ebenfalls wissen wollten, ob ihre Behinderungen auf dieses Präparat zurückzuführen sind. Die Betroffenen sehen Parallelen zum Contergan-Skandal.

Abgeordnete der Grünen-Bundestagsfraktion verlangten daraufhin Aufklärung von der Regierung. Das Bundesgesundheitsministerium wollte sich zwar aus der rechtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Duogynon-Hersteller und den Betroffenen heraushalten. Man begrüßte aber, dass Patienten nun leichter Ansprüche gelten machen könnten. "Das war vom Gesetzgeber so beabsichtigt und wird hier nachdrücklich unterstützt", sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.

Mit Nina Hagen befreundet

Die Sängerin Nina Hagen ist seit Jahren mit Opfern befreundet, sie engagiert sich für sie. Auch bei der Gerichtsentscheidung war sie nun anwesend: "Ich bin tief berührt vom Schicksal André Sommers, der anderen Opfer und ihrer Familien." Der Staat müsste die Forschungsergebnisse von der Industrie einfordern, meint sie.

Bayer Schering hatte keinen Vertreter zum Urteil geschickt. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. "Das Thema wurde in den sechziger und siebziger Jahren juristisch und wissenschaftlich ausgiebig und abschließend erörtert. Seitdem gibt es keine neuen Erkenntnisse", hatte Bayer-Sprecher Oliver Renner argumentiert. Es sei kein Zusammenhang zwischen Duogynon und Missbildungen festgestellt worden.

In den sechziger und siebziger Jahren hatten viele Mütter, deren Kinder mit schweren Fehlbildungen wie Wasserkopf, offenem Bauch, offenem Rücken oder Missbildungen der inneren Organe und Extremitäten geboren wurden, in der Frühschwangerschaft das Medikament genommen. Der Medizinrecht-Fachanwalt Heynemann, der die Betroffenen und auch André Sommer vertritt, nennt die Zahl von rund 1000 Geschädigten, die allein in Deutschland leben. "Viele Frauen hatten auch Fehlgeburten, oder das behinderte Kind starb kurz nach der Geburt."

Duogynon kam sowohl als Schwangerschaftstest als auch gegen ausbleibende Regelblutungen zum Einsatz. In Großbritannien hatte es Schering schon Jahre vorher nicht mehr als Schwangerschaftstest angeboten, nachdem der Missbildungsverdacht laut wurde.

Im November waren allerdings Briefe aus den drei Jahren von 1967 bis 1969 bekannt geworden, die den Konzern in Erklärungsnot brachten. Darin tauschten sich britische Schering-Wissenschaftler mit ihren deutschen Kollegen über schwere Missbildungen bei Kindern und möglichen Risiken von Medikamenten aus. Die Mütter hatten den Schwangerschaftstest des Berliner Konzerns verwendet.

boj/dpa

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Seite 1
opaheini 11.01.2011
1. War doch zu erwarten!
Das Risikomanagement der Konzerne zahlt sich aus. Opfer haben selbst schuld an den Folgen der Wirkungen der Medikamente. Lesen sie denn den Beipackzettel nicht, in dem die Folgen aufgeführt werden.Die Auflistung wird immer länger, damit nichts ausgelassen wird. Hauptsache ist, dass die Kasse stimmt, ein Heer von gut bezahlten Juristen muss sich doch lohnen. Das Gesundheitssystem muss in Krankheitssytem umbenannt werden, weil alles darin krank ist. Von Gesundheit ist da nichts zu sehen.
onkel hape 11.01.2011
2. Da denkt man sofort...
...an den Contergan-Skandal, durch den Tausende geschädigt, mit lächerlichen Almosen abgespeist wurden, die Verantworlichen ohne Blessuren davonkamen und die Besitzer des Pharmaunternehmens ihre Millionen behalten durften. Also ist es jetzt wieder so wie immer, einfach nur traurig u. eine Schande für unseren Rechtsstaat.
Schiffchen 11.01.2011
3. Einzig richtige Entscheidung
Wer sich mehr als 30 Jahre Zeit mit einer Klage lässt ist selber Schuld wenn die Klage den Bach runter geht. So ist das in allen Bereichen des Zivilrechts und die regelmäßige Verjährungsfrist beträgt sogar nur drei Jahre. Anwälte die danach noch vor Gericht gehen sind Geldschneider. Das Argument des letzten Schadens ist lächerlich. Hierfür gibt es ja gerade die Möglichkeit vorab die Einstandspflicht für Folgeschäden feststellen zu lassen. Damit sind auch diese verjährt.
blaubärt 11.01.2011
4. Titel
Zitat von SchiffchenWer sich mehr als 30 Jahre Zeit mit einer Klage lässt ist selber Schuld wenn die Klage den Bach runter geht. So ist das in allen Bereichen des Zivilrechts und die regelmäßige Verjährungsfrist beträgt sogar nur drei Jahre. Anwälte die danach noch vor Gericht gehen sind Geldschneider. Das Argument des letzten Schadens ist lächerlich. Hierfür gibt es ja gerade die Möglichkeit vorab die Einstandspflicht für Folgeschäden feststellen zu lassen. Damit sind auch diese verjährt.
Sehr ich auch so. Auch wenn es für die Betroffenen hart ist, aber Verjährung ist ein wichtiges friedenstiftendes Element unserer Rechtsordnung. Daher passt auch in diesem Fall der Vergleich mit der Conterganaffäre nicht.
problematix 11.01.2011
5. abstrus
Zitat von blaubärtSehr ich auch so. Auch wenn es für die Betroffenen hart ist, aber Verjährung ist ein wichtiges friedenstiftendes Element unserer Rechtsordnung. Daher passt auch in diesem Fall der Vergleich mit der Conterganaffäre nicht.
Bei Massengeschichten und Späteffekten, wie sie bei Medikamenten typischerweise entstehen, sollten spezielle Regeln gelten. Das hat mit Friede ja nichts zu tun, wenn der Verabreichungszeitpunkt als Maßstab gilt, das Kind ist ja lebenslang geschädigt, ein Konzern darf sich nicht darauf verlassen können, dass nur ein geringer Anteil der Geschädigten klagen werden..
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