Von Nicola Kuhrt
Berlin - Der Aufnahmestopp ist umfassend. Die Feuerwehr ist angewiesen, zu früh geborene Kinder nicht mehr ins Virchow-Klinikum der Charité am Standort Berlin-Wedding zu bringen. Für die drei hochspezialisierten Abteilungen für Frühgeborene (Neonatologie) besteht Aufnahmestopp. Besucher werden bereits am Aufzug freundlich, aber bestimmt abgewiesen.
Serratia ist schuld. Das Darmbakterium ist in der Regel harmlos, die Keime kommen überall vor. Für ein Frühgeborenes aber, das bei der Geburt gerade einmal 350 bis 800 Gramm wiegt und nur über ein schwaches Immunsystem verfügt, kann der Erreger extrem gefährlich werden.
Am Deutschen Herzzentrum Berlin war in der vergangenen Woche ein Kind nach einer Operation gestorben. Die Ursache soll eine Infektion mit dem Keim sein, den es sich zuvor an der Charité zugezogen hatte. Sieben weitere Kinder dort sind erkrankt, bei 15 wurde der Erreger nachgewiesen. Eines dieser Kinder schwebte vorübergehend in Lebensgefahr, sei aber inzwischen auf dem Weg der Besserung, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Montag. Wegen des Todesfalls ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung.
Nicht automatisch Schlamperei
Auch wenn unklar ist, wann und wie sich das Baby angesteckt hat - der Charité-Fall hat eine neuerliche Debatte um Klinikhygieneausgelöst. "Eine Frühchenstation ist kein steriler OP", sagt Ulrich Frei, ärztlicher Direktor des Uniklinikums, im RBB-Fernsehen. Auch neue Erkrankungen wollte er "nicht ganz ausschließen". Dennoch rätselt man in der Klinik, wie es zu der Infektionswelle kommen konnte. Einen ersten Fall hat es laut Frei bereits im Juli gegeben. Eine mit Serratien infizierte Mutter hat den Erreger wahrscheinlich an ihr Kind weitergegeben und so die tragische Infektionskette gestartet.
So bedauerlich es ist: Infektionen in einer Frühchenstation sind kein Einzelfall, sagt Petra Gastmeyer, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin zu SPIEGEL ONLINE. Sie schätzt, dass es bis zu 100 ähnliche Vorfälle auf neonatologischen Stationen in Deutschland gibt. "Das hat auch nicht automatisch direkt etwas mit Schlamperei zu tun."
Eingeschleust werden Keime von den Eltern, Ärzten, dem Pflegepersonal oder Besuchern der Kliniken. Die Erreger können sich an Türgriffen, Händen oder an einem Katheter verbergen. Man könne und müsse sehr viel tun, um die Keime zu verbannen - es bleibe aber ein steter Kampf, sagt Gastmeyer.
Späterer Ausbruch bleibt rätselhaft
Warum der Erreger in der Berliner Charité erst jetzt zu einem Ausbruch in der Neonatologie führte, erklärt sich Martin Exner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), mit der Hartnäckigkeit des Bakteriums. "Speziell Serratien, aber auch Pseudomonaden haben ein beachtliches Überlebenspotential", sagt Exner gegenüber der "Ärzte-Zeitung". Reservoire der Keime seien nicht nur der Darm, sondern auch "Waschbecken und zum Teil auch Seifenspender und sogar Desinfektionslösungen, wenn die Konzentration nicht sehr hoch ist". Der Direktor des Instituts für Hygiene der Uni Bonn sieht vor allem bei Waschbecken Hygieneprobleme: "Die Siphons sind ideale Reservoirs für diese Keime."
Auch wenn es als unmöglich gilt, Erreger vollständig aus Krankenhäusern und Arztpraxen zu verbannen: Eine Verbesserung der Situation ist möglich, sagen Experten - vor allem durch eine konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen. Rund 30 Prozent aller postoperativen Infektionen sollen vermeidbar sein.
Das Infektionsschutzgesetz wurde deshalb erst kürzlich verschärft. Als weiterer wichtiger Schritt zu einer besseren Hygiene gilt die kontinuierliche Erfassung und Auswertung aller Infektionsfälle, die sich in Krankenhäusern und ambulanten Operationszentren ereignen. Qualitätssicherung gilt als Zauberwort: So könnte festgestellt werden, nach welchen Operationen vermehrt Infektionen auftreten. Gegenmaßnahmen könnten so schneller erfolgen und Krankenhäuser miteinander verglichen werden.
Keine Kontrolle der Hygiene-Regeln
"Tatsächlich passiert nichts", sagt Ilona Köster-Steinebach. Sie ist Sprecherin der Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) - dem Gremium, das darüber entscheidet, welche medizinischen Leistungen den rund 70 Millionen Versicherten in Deutschland erstattet werden und wie die Qualität in Kliniken kontrolliert und gesichert wird. Ein lange geplantes Qualitätssicherungsverfahren etwa, mit dem endlich erfasst werden könnte, wie viele Wundinfektionen nach einer Operation an einer Klinik entstehen, liegt nach wie vor auf Eis.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) soll, so der Vorwurf der Patientenvertreter, das Verfahren bewusst nur eingeschränkt zugelassen haben. Die Folge: Von den rund 225.000 Wundinfektionen, die nach Schätzung des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) jährlich in Deutschland nach einer Operation auftreten, würden nur knapp 1000 erfasst - also nur 0,5 Prozent. Fehler im System könnten mit einem solchen Verfahren sicher nicht aufgedeckt werden. Nun sucht man nach Auswegen.
Hygiene-Kampf kapituliert am Föderalismus
Auch das eigens aktualisierte Infektionsschutzschutzgesetz greife nicht, die Mängel in der Hygiene zu verbessern, sagt Köster-Steinebach: Zwar müssten alle Kliniken ab einer Größe von 400 Betten eine eigene Hygienefachkraft beschäftigen. Tatsächlich gebe es von diesen derzeit aber noch viel zu wenige. Und da die Umsetzung in jedem der 16 deutschen Bundesländer anders geregelt sei, sei eine Kontrolle nicht möglich.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Medizin | RSS |
| alles zum Thema Krankenhäuser | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH