Immun-Forscher Nobelpreis-Komitee ermöglicht Ehrung für Toten

Aus einem Patzer macht das Nobelpreis-Komitee das Beste. Das Gremium hatte die Auszeichnung des Immun-Forschers Ralph Steinman bekanntgegeben, ohne zu wissen, dass der Kanadier vor drei Tagen gestorben war. Nun erhält er die Ehrung trotzdem - obwohl das gegen die Statuten verstößt.

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Ralph Steinman hat sein Leben der Erforschung des Immunsystems gewidmet. Er hat Abwehrstrategien entschlüsselt, Schaltstellen identifiziert, Schlupflöcher für Erreger gefunden. Er hat Antworten auf offene Fragen gegeben und neue Fragen aufgeworfen. Sogar eine Immuntherapie gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs hat er entwickelt. Und die hat möglicherweise sein Leben verlängert. Doch am Ende war der Tumor stärker. Ralph Steinman ist am vergangenen Freitag gestorben.

Davon wusste das Nobelkomitee am Montag nichts, als es bekannt gab, Steinman gemeinsam mit dem Franzosen Jules Hoffmann und dem US-Amerikaner Bruce Beutler mit dem Medizin-Nobelpreis für ihre Arbeiten zum Immunsystem ehren zu wollen. "Die drei Nobelpreisträger haben uns vor allem völlig neue Werkzeuge zur Entwicklung maßgeschneiderter Impfstoffe an die Hand gegeben", sagte Urban Lendahl, Vizechef des Medizin-Nobelpreiskomitees am Stockholmer Karolinska-Institut. "Außerdem gibt es natürlich alle möglichen anderen praktischen Konsequenzen, zum Beispiel bei der Krebsbekämpfung."

Normalerweise ruft der Sekretär des Nobelpreiskomitees für Medizin die Preisträger an, doch in diesem Jahr konnte Göran Hansson keinen der drei Forscher telefonisch erreichen. Zunächst war nicht klar, ob Steinman der Nobelpreis aberkannt werden muss. "Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass so etwas noch nie vorgekommen ist", sagte die Sprecherin der Nobelstiftung Annika Pontikis.

Auszeichnung posthum nur in Ausnahmen

Hansson erklärte, nachdem er die Nachricht von Steinmans Tod erhalten hatte, das Komitee überprüfe noch einmal die Regeln. Am Montagabend kam dann die Nachricht: Steinman bekommt den Preis posthum verliehen. Das Komitee revidierte seine Entscheidung nicht, obwohl sie gegen die Statuten verstößt.

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Ehrung: Nobelpreis für Immunologen
Die Regeln des Nobelkomitees sehen vor, dass ein Wissenschaftler posthum nur dann mit dem Preis geehrt werden darf, wenn er nach der Bekanntgabe verstorben ist. 1996 war das der Fall: William Vickrey starb wenige Tage, nachdem das Nobelpreiskomitee ihn als Träger des Wirtschaftsnobelpreises benannt hatte. Auch 1961 und 1931 wurden die Nobelpreise für Frieden und Literatur posthum an Dag Hammarskjöld und Erik Axel Karlfeldt verliehen.

Für Steinman wäre nach diesen Regeln eine Ehrung nicht möglich gewesen. Doch die Nobel-Stiftung setzte sich darüber hinweg - die Ehrung stehe, obwohl Steinman am 30. September gestorben sei. In der Erklärung der Stiftung hieß es, das Verbot der posthumen Auszeichnung beziehe sich nur auf eine bewusst in diesem Sinne getroffene Wahl. Die Juroren hätten die Entscheidung am Freitag um 14.30 Uhr getroffen, ohne von Steinmans Tod um 11.30 etwas zu wissen. Die Rockefeller-Universität in New York teilte den Tod am Montag auf ihrer Internetseite mit, kurz darauf verkündete das auch Nobelstiftung.

Steinmans Angehörige erhalten im Dezember nun umgerechnet rund 550.000 Euro, die Hälfte der Gesamtdotierung für den Medizin-Nobelpreis. Die andere Hälfte teilen sich Hoffmann und Beutler.

Die Arbeiten von Steinman, Hoffman und Beutler hatten die Immunologie einen großen Schritt weitergebracht. Das System ist so komplex, dass Wissenschaftler immer wieder neue Immunstrategien entdecken. Denn ob Aids, Krebs oder ein banaler Schnupfen - das menschliche Immunsystem ist ständig im Einsatz. Es muss Angreifer erkennen, Tumorzellen unschädlich machen, Erreger auslöschen und dabei noch zwischen fremden und körpereigenen Zellen unterscheiden.

"Wer interessiert sich schon für Fruchtfliegen?"

Nach dem heutigen Verständnis des Immunsystems gibt es zwei Säulen der Abwehr: die angeborene und die erworbene Immunität. Zum angeborenen System zählen etwa die Haut, Fress- und Entzündungszellen und zahlreiche Rezeptoren. Es kann Krankheitserreger auslöschen, mit denen der Körper noch nie zuvor Kontakt hatte. Die erworbene Immunität besteht unter anderem aus Lymphozyten, die Antikörper produzieren oder körperfremde Antigene auf ihrer Oberfläche präsentieren, damit sie unschädlich gemacht werden können. Dieser Strang der Abwehr mit seinen B- und T-Zellen kann sich an Veränderungen von Angreifern durch maßgeschneiderte Antikörper anpassen.

Beutler und Hoffmann beschäftigen sich seit Jahren mit dem angeborenen Immunsystem - "völlig unabhängig voneinander", so Lendahl vom Karolinska-Institut. Während der 1941 in Luxemburg geborene Hoffmann Grundlagenforschung an der Fruchtfliege Drosophila melanogaster betrieb, untersuchte der heute 53-jährige Beutler zahlreiche genetisch veränderte Labormäuse.

Hoffmann entdeckte 1996, dass Fruchtfliegen für die Bekämpfung von Infektionen ein bestimmtes Gen brauchen: das Toll-Gen. Infizierte der Forscher Fliegen mit mutierten Versionen des Gens, so unterlagen sie schnell im Kampf gegen die Erreger. Anfangs habe die Forschung des Luxemburgers, der bis 2009 ein Forschungslabor in Straßburg leitete, kaum Beachtung gefunden, meint Hans-Reimer Rodewald, Leiter der Abteilung für Zelluläre Immunologie am Deutschen Krebsforschungszentrum. "Wer interessierte sich schon für Fruchtfliegen?", so Rodewald.

Mutierte Gene schaffen Verständnis für Immunsystem

Doch auch Beutler vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla gewann wichtige Erkenntnisse über die Funktionen des Immunsystems bei der Untersuchung von Tieren: Bei Mäusen entdeckte er Rezeptoren, die Teile von Bakterien an sich binden und dadurch eine lebensgefährliche Überreaktion des Immunsystems auslösen. Jene Tiere, die nicht an so einem septischen Schock starben, hatten ein mutiertes Gen, das einen veränderten Rezeptor produziert hatte: den sogenannten Toll-like-Rezeptor, der dem der Fruchtfliegen ähnelt. Damit hatte Beutler herausgefunden, dass Fruchtfliegen und Säugetiere ähnliche Abwehrstrategien verwenden.

Die Toll-like-Rezeptoren (TLR) sind Eiweiß-Moleküle, die Eindringlinge wie Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten erkennen und das angeborene Immunsystem aktivieren. Eine Entzündungsreaktion beispielsweise kann die Erreger dann aus dem Körper entfernen. Wichtig sind die TLR vor allem bei der Einteilung von "fremd" und "körpereigen". Besonders für das Verständnis von Autoimmunkrankheiten, bei denen der Körper die eigenen Zellen fälschlicherweise als fremd erkennt und angreift, ist diese Schnittstelle von besonderer Bedeutung.

Der verstorbene Ralph Steinman, der das Labor für zelluläre Physiologie und Immunologie an der Rockefeller University in New York leitete, sollte die Hälfte des Preisgelds von rund 1,1 Millionen Euro erhalten. 1973 hatte er eine Gruppe von wichtigen Zellen im Immunsystem entdeckt: die sogenannten dentritischen Zellen. Diese können die Erkennungsstrukturen von körperfremden Zellen, die Antigene, präsentieren und so ein größeres Arsenal an Waffen des erworbenen Abwehrsystems aktivieren. Vor allem die T-Lymphozyten schlagen dann zu: T-Killerzellen zerstören direkt fremde Zellen, T-Helferzellen schütten Botenstoffe aus, die wiederum Entzündungszellen anlocken und regulatorische T-Zellen sorgen dafür, dass körpereigene Strukturen nicht zu stark angegriffen werden.

Die dendritischen Zellen sollten auch Steinman das Leben retten. Dass er vier Jahre gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs kämpfte, werten einige Forscher so, dass seine selbst entwickelte Immuntherapie ihm geholfen hat. Der aggressive Tumor führt unbehandelt meist innerhalb von kurzer Zeit zum Tod. Doch auch ein ganzes Arsenal an Abwehrzellen konnte den Forscher am Ende nicht retten. Für die Familie könnte die Ehrung ein schwacher Trost sein: "Wir sind alle so berührt, dass die vieljährige harte Arbeit meines Vaters für den Nobelpreis ausgewählt wurde", sagte Steinmans Tochter Alexis. "Er wäre zutiefst geehrt."

Mit Material von dpa/AP/AFP

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Seite 1
Newspeak, 03.10.2011
1. ...
"Normalerweise ruft der Sekretär des Nobelpreiskomitees für Medizin die Preisträger an, doch in diesem Jahr konnte Göran Hansson keinen der drei Forscher telefonisch erreichen." Vielleicht sollte das Nobelpreiskomitee mal mit der Zeit gehen, die Bekanntgabe an den Forscher besser regeln (man ruft da auch gerne zur Unzeit an, und weckt die Forscher aus dem Schlaf, was absolut nicht sein muß) und z.B. auch mal moderne Komunikationsmitteln benutzen. Telefonieren ist ja kaum besser, als einen persönlichen Boten zu Fuß schicken. Total weltfremd und altmodisch.
cassandros 03.10.2011
2. ich will Ihr Geld nicht, ich will pennen!
Zitat von Newspeak"Normalerweise ruft der Sekretär des Nobelpreiskomitees für Medizin die Preisträger an, doch in diesem Jahr konnte Göran Hansson keinen der drei Forscher telefonisch erreichen." Vielleicht sollte das Nobelpreiskomitee mal mit der Zeit gehen, die Bekanntgabe an den Forscher besser regeln (man ruft da auch gerne zur Unzeit an, und weckt die Forscher aus dem Schlaf, was absolut nicht sein muß) und z.B. auch mal moderne Komunikationsmitteln benutzen. Telefonieren ist ja kaum besser, als einen persönlichen Boten zu Fuß schicken. Total weltfremd und altmodisch.
Wenn einer anruft, um mitzuteilen, daß man eine halbe oder sogar eine ganze Million bekommt, dürfte die Uhrzeit doch wohl egal sein, oder? Bei mir könnte jedenfalls der Geldbriefträger auch nachts um halb drei anklingeln.
Diana Simon, 03.10.2011
3. Emotionale Defizite
Jetzt über eine Aberkennung zu reden ist doch das Allerletzte. Welcher emotional defizitäre Mensch kann nur auf eine solche Idee kommen? Die Vorschrift, den Preis nur Lebenden zu verleihen, ist verständlich, sonst müßte wohl Isaac Newton für den Fall herhalten, daß sich das Komtitee nicht einigen kann. Wenn aber ein Forscher geehrt wird, der bei der Entscheidung am Leben war und wenn die Verleihung bekanntgegeben worden ist, dann kann ein Mensch mit einem Hauch von Anstand das nicht zurücknehmen. Man redet nicht mal drüber, sondern gönnt den trauernden Hinterbliebenen die Freude an der Anerkennung des Verstorbenen.
norfair 03.10.2011
4. Aberkennen
Die Statuten sind klar, und der Forscher war auch bereits vor der Bekanntsgabe und damit dem maßgeblichen Termin verstorben. Ihm ensteht dadurch auch kein Verlust. Im Grab nützt ihm weder Geld noch Trophäe. Wenn jetzt Verwandet um das Preisgeld kämpfen, und sich seine vormaligen Arbeitgeber mit dem Preis schmücken möchten, so ist das nicht nur schäbig, sondern schadet auch dem Preis selbst.
michaelXXLF 03.10.2011
5. Verdient hätte er den Preis ja!
Anders wären sie wohl eher nicht auf seinen Namen gekommen. Und die Entscheidung ist ja nun mal gefallen, Ankündigung hin oder her. Zu gönnen gewesen wäre es Steinmann sicher, daß er das mitbekommen hätte.
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