Impfgegner Tödliche Dummheit

Erstmals seit Jahren nehmen die Maserninfektionen weltweit wieder zu. Noch immer tötet die Krankheit mehr als 100.000 Menschen pro Jahr, obwohl wir sie ausrotten könnten. Mitschuldig: Google und Facebook.

Kind mit Mundschutz (Symbolbild)
Getty Images

Kind mit Mundschutz (Symbolbild)

Eine Kolumne von


"'Meine Mutter hatte die Masern und ist auch nicht gestorben', hört man oft in Facebook-Gruppen. Das Problem ist nur: Wenn die eigene Mutter als Kind an den Masern gestorben ist, gibt es keine Nachkommen, die das dann auf Facebook posten können."
Christian Schiffer und Christian Alt, "Angela Merkel ist Hitlers Tochter - im Land der Verschwörungstheorien" (2018)

Es gibt Lebensformen, denen darf man ohne schlechtes Gewissen die Ausrottung wünschen. An den Pocken zum Beispiel ist 1978 zum letzten Mal ein Mensch gestorben. Die letzten Pockenviren werden in Hochsicherheitstrakten in den USA und Sibirien aufbewahrt.

Ausgerottet wurde die Krankheit mit einer Impfung. Ein Sieg der Menschheit über einen in etwa dreißig Prozent aller Erkrankungsfälle tödlichen Gegner. Längst wird auf die Pockenimpfung verzichtet - wir brauchen sie nicht mehr.

Vermutlich hat keine andere Erfindung der Geschichte mehr Menschenleben gerettet als Impfungen. Viele Jahrzehnte lang waren Impfungen eine der wenigen konsistenten Erfolgsgeschichten. Das droht sich gerade zu ändern, dank Verschwörungstheoretikern, aggressiven Impfgegnern - und nicht zuletzt aufgrund versehentlicher Unterstützung durch Google, YouTube und Facebook.

Desinformation kann tödlich sein

In Europa galt auch Polio als ausgerottet, doch 2015 traten erstmals wieder zwei Fälle auf, und zwar in der Ukraine. Dort ist die Impfsituation katastrophal. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sogar Medizinstudenten dort offenbar häufig an Verschwörungstheorien glauben statt an wissenschaftliche Fakten.

Die medizinische Fakultät der Brown University in Rhode Island betreibt ein Kooperationsprojekt mit ukrainischen Wissenschaftlern. In dessen Rahmen wurden 2015 Medizinstudentinnen und -studenten einer ukrainischen Universität nach Einstellungen zum Thema Impfung befragt. 60 Prozent der Befragten hingen dem zweifelsfrei widerlegten Irrglauben an, Impfungen verursachten Autismus. Desinformation kann tödlich sein.

Mutti und Vati haben aber ein komisches Gefühl

Die Ukraine ist auch das Land, in dem die Masern sich gerade wieder am schnellsten verbreiten. Unicef warnte am Freitag, in 98 Ländern habe es 2018 einen Anstieg der Infektionen gegeben.

Die vermeintlich harmlose "Kinderkrankheit" tötete 2017 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge mindestens 110.000 Menschen, die meisten davon unter fünf Jahren. Die WHO schätzt, dass Masernimpfungen aufgrund der dramatischen Rückgänge der Erkrankungen allein zwischen 2000 und 2017 über 21 Millionen Todesfälle verhindert haben. 21 Millionen gerettete Leben! Und wir könnten sie ganz ausrotten, die Masern. Aber Mutti und Vati haben beim Thema Impfungen halt so ein komisches Gefühl.

Dass es hierzulande Leute gibt, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern eine Masernerkrankung ohne größere Folgeschäden überstanden haben ist ein unter Impfgegnern beliebtes Argument - aber angesichts dieser Zahlen offenkundig irrelevant. Außerdem sind private Anekdoten in Sachen Epidemiologie, siehe Eingangszitat, schlicht ohne jeden Belang.

Angst und Wut laufen besonders gut

All die "Impfkritiker", Verschwörungstheoretiker, Besserwisser und Esoteriker, die ihre Kinder nicht impfen lassen, sind Teil eines globalen Problems. Eines Problems, das durch hochorganisierte Gruppen und digitale Möglichkeiten der Desinformationsverbreitung massiv verstärkt wird. Wie motiviert und organisiert Impfgegner auch hierzulande sind, wird man schon bald im Forum unter dieser Kolumne nachlesen können. Die WHO betrachtet Impfgegner mittlerweile als globale Bedrohung.

Insbesondere Google, Facebook und YouTube sind aufgrund ihrer Sortier- und Selektionsmechanismen Nährboden und Verstärker für Anti-Impf-Verschwörungstheorien. Weil Inhalte, die Angst und Wut auslösen, dort besonders gut laufen.

Heimlicher Plan zur Ausrottung der Menschheit

Wenn man im März 2019 mit einem anonymen Browser und ohne Google-Login "Impfen ist" in ein Google-Suchfenster tippt, schlägt die Autocomplete-Funktion der Suchmaschine als erstes die Vervollständigung "Impfen ist Gift" vor. Folgt man dem Suchvorschlag, ist der erste Treffer eine Impfgegner-Seite voller Desinformation. Der zweite auch. Und der vierte und der fünfte.

In der Leiste mit Video-Ergebnissen erscheinen ausschließlich Clips mit extremen Anti-Impfungs-Verschwörungstheorien, gern religiös unterfüttert. In einem davon wird vor einem Plan zur Ausrottung der gesamten Menschheit gewarnt, von den angeblichen Tätern getarnt als Massenimpfung.

"Nazi-Pharma-Scharlatan"

Tippt man bei YouTube selbst "Impfungen" ins Suchfenster, lauten die ersten Ergänzungsvorschläge "Sinn oder Unsinn", "schützen nicht vor Krankheiten", "Angriff mit einer tödlichen Waffe" und "machen krank". Unter den ersten Treffern sind manchmal auch seriöse Informationen. Immer und grundsätzlich aber sind auch Anti-Impf-Clips dabei, manchmal ausschließlich solche. Und selbst wenn man sich ein korrekt informierendes Video ansieht, wird als Folgevideo, das automatisch losläuft, gerne eins aus der ganz anderen Richtung vorgeschlagen.

Diese Videos schüren Angst, und das sorgt bei YouTube eben für verlängerte Sehdauer, das wichtigste Optimierungsziel der Entwickler. Aufgrund medialen Drucks kündigte YouTube nun zumindest an, künftig keine Werbung mehr vor Videos zu schalten, die vor Impfungen warnen. Impfkritische Kanäle können dadurch kein Geld mehr auf der Videoplattform verdienen.

Bei Facebook organisieren sich die oft sehr aggressiven, überzeugten Impfgegner und machen anderen, die korrekt informieren, das Leben zur Hölle. Der "Guardian" zitierte diese Woche einen amerikanischen Naturheilpraktiker, der sich bei einer Kongressanhörung für Impfungen ausgesprochen hatte. Auf Facebook sei der Mann anschließend in einem augenscheinlich konzertierten Angriff als "Pädophiler", "Nazi-Pharma-Scharlatan" und "Drecksack, der für Kindsmord wirbt" beschimpft worden.

Miserabel justierte Sortiersysteme

Sucht man bei Facebook nach "Impfung", findet man praktisch nur Gruppen und Seiten voller Anti-Impf-Desinformation, und zwar weltweit. Kürzlich twitterte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Abgeordnetenhaus voller Entsetzen einen entsprechenden Screenshot.

Die Menschheit bewegt sich gerade, gegen alle Evidenz und Vernunft, in eine Richtung, die unweigerlich zu mehr Todesopfern und Leid durch Infektionskrankheiten führen wird. Und die größten Aufmerksamkeitsverteiler des Planeten helfen, dank ihrer miserabel justierten Sortiersysteme, kräftig mit.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 533 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
manicmecanic 03.03.2019
1. einseitige Darstellung
mit den üblichen Beleidigungen von Kritikern an Impfungen.Ich kann diese Art der Meinungsmache nicht mehr sehen,vor allem nicht wegen dem Tonfall.Was mal wieder negiert wird ist daß es aber tatsächlich wenn auch selten 'Komplikationen' nach Impfungen geben kann.Und da spielt es keine Rolle wieviele Fälle es sein können wenn gleichzeitig Impfzwang verlangt wird.Und nein,ich bin geimpft gegen die meisten Krankheiten und auch meinen Goldjungen habe ich impfen lassen.Er hatte aber tatsächlich mehr als einmal Probleme nach Impfungen die nicht als Kleinkram durchgingen.Was mich am meisten an der modernen Impfpraxis stört ist diese Kombigeschichte.Man kann sich bzw. sein Kind ja nicht mehr gezielt gegen einzelne Krankheiten impfen lassen sondern nur noch immer gleich gegen mehrere auf einmal.
wildebeast 03.03.2019
2. Ich bin Impfgegner-Gegner
Für mich ist es unfassbar, wie in unserem eigentlich doch aufgeklärtem Zeitalter Impfen entgegen aller wissenschaftlichen Ergebnisse ablehnen kann. In vielen Facebook Gruppen, geht das Hand in Hand mit übelsten Verschwörungstheorien.
dominik1947 03.03.2019
3. Guter und wichtiger Kommentar
Es bleibt leider ein globales Phänomen, dass alles was die Wissenschaft hervorbringt und durch die Pharmaindustrie kommerzialisiert wird, per se als 'böse' gebrandmarkt wird. Impfungen sind da leider nur eins von vielen Beispielen. Pro-Kampagnen und -Stimmen in den digitalen Medien sind daher umso wichtiger. Danke daher für den Kommentar.
gunnarqr 03.03.2019
4. Die Regierungen können ja per Gesetz Impfungen vorschreiben.
Viele tun das, unsere leider nicht. Vernünftig wäre es. Der erste Kindergarten hat unlängst beschlossen, nur noch nachweislich geimpfte Kinder aufzunehmen. Das sollte für alle Kindergärten und Schulen gelten und zwar auf gesetzlicher Grundlage. Und jetzt dürfen alle verblendeten, irre geleiteten´, vernünftiger Argumentation auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht zugänglichen Impfgegner über mich herfallen.
wvwtyr 03.03.2019
5. Impfpflicht
mir ist bewusst, dass das in jeder, auch rechtlicher Hinsicht, heikel ist, aber eine Impfpflicht für bestimmte Krankheiten, darunter Masern, wäre so wichtig und sinnvoll. manche Dinge regeln sich eben nicht von selbst und manche Menschen muss man vor sich selbst schützen bzw. eben auch andere vor ihnen. Es kann nicht sein, dass Kinder unter einem Jahr, die nicht nicht geimpft werden können, in der Kita oder beim Kinderarzt einem unnötigen, erheblichen Risiko für Leib und Leben ausgesetzt werden. es gibt auch für die persönliche Freiheit notwendige Grenzen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.