Infektion mit Folgen Kaum bekanntes Virus gefährdet ungeborenes Leben

Fast niemand kennt die Gefahr: Infiziert sich eine Schwangere mit dem Zytomegalievirus, kann der Fötus schwere Schäden davontragen. Ein einfacher Test könnte Babys vor einer Behinderung schützen. Doch er gehört nicht zur Mutterschaftsvorsorge. Für Betroffene ein Skandal - für Mediziner ein Dilemma.

Von Cinthia Briseño

DPA

Carmina Leitner ist ein fröhliches Mädchen. Ein kleiner Sonnenschein, der ihre Eltern immer wieder zum Lachen bringt. Sieben Jahre ist Carmina alt, Fahrradfahren kann sie noch nicht. Sie tut sich schwer mit der Motorik, ihre Muskeln sind zu schwach. Man könnte meinen, Carmina sei höchstens fünf.

Im fünften Monat schwanger war Sabine Leitner, als plötzlich die Komplikationen auftraten. Sie hatte eine vorgelagerte Plazenta, die den Geburtskanal versperrte. Ihre Tochter kam im sechsten Schwangerschaftsmonat als Frühchen zur Welt. Leber und Milz waren abnormal groß. Aufgrund einer Entzündung und durch die notwendige Beatmung drohten ihre Lungen fast zu platzen. Sabine Leitner zog es den Boden unter den Füßen weg.

"Konnatale CMV-Infektion", lautete die Diagnose der Ärzte. CMV? Noch nie hatte Sabine Leitner davon gehört. Fortan sollten die drei Buchstaben sie aber immer begleiten.

Die Abkürzung steht für Zytomegalievirus (englisch: Cytomegalovirus). Der Erreger gehört zur Familie der Herpesviren, hat aber mit den lästigen Lippenbläschen nichts zu tun. Viel harmloser ist CMV: Kaum einer bemerkt, wenn er sich damit infiziert, nur selten kommt es zu Erkrankungsanzeichen wie Fieber. Für die meisten hat eine CMV-Infektion kaum Auswirkungen. Es gibt jedoch Ausnahmen - mit unwiderruflichen Folgen.

Carmina entwickelt sich langsamer als gesunde Kinder. Nur 14 Kilo wiegt der kleine Sonnenschein. Den Sprung in die Regelschule hat Carmina nicht geschafft. Für ihre Mutter ist sie aber trotzdem das "Sechser-im-Lotto-Kind". Viel schlimmer hätte es kommen können, das weiß Sabine Leitner nur zu gut: Die 41-Jährige führt eine Selbsthilfegruppe und betreut Eltern, deren Kinder nicht immer so viel Glück hatten wie Carmina.

Das Problem für die Betroffenen: Die wenigsten Frauen wussten vorher von der Gefahr, kaum eine Schwangere hat je von CMV gehört. Der Grund: Die Mutterschaftsrichtlinien sehen die routinemäßige Untersuchung auf CMV nicht vor. Viele, die jetzt Tag für Tag mit der Behinderung ihres Kindes leben müssen, traf die Diagnose deshalb genauso unerwartet wie Sabine Leitner.

Mögliche Folgen: Essstörungen, Erblindung, Epilepsie

Dabei ist die konnatale CMV-Infektion, also die Ansteckung mit CMV im Mutterleib oder während der Geburt, die häufigste Viruserkrankung von Ungeborenen. Etwa 30 bis 40 Prozent aller Schwangeren, die sich während der Schwangerschaft zum ersten Mal mit CMV infizieren, übertragen das Virus auf den Fötus. Schätzungen zufolge passiert das in Deutschland jährlich etwa 1400 Mal. Mindestens 660 der infizierten Säuglinge kämpfen ihr Leben lang teilweise mit sehr schweren Beeinträchtigungen unterschiedlichster Art - etwa 40 Kinder pro Jahr sterben sogar an den Komplikationen einer CMV-Infektion.

Die Schreckensliste der möglichen Folgen ist lang: Augenschäden, manchmal bis zur Erblindung, Essstörungen, motorische und geistige Handicaps, Epilepsie, spastische Lähmungen. Am häufigsten kommen Hörschäden vor, die die geistige Entwicklung der Kinder beeinträchtigen, weil sie oft lange Zeit unbemerkt bleiben.

Auch Mirja Junge hatte keine Ahnung, wie gefährlich das Virus ist, als man in der 21. Schwangerschaftswoche Verkalkungen auf der Leber und eine Gallengangszyste ihres Fötus entdeckte. Plötzlich tauchten diese drei Buchstaben auf - Verdacht einer CMV-Infektion. Die Tage bis zum Testergebnis waren reine Qual. Wird das Kind behindert sein? Eine Zeit lang stand das Leben von Dirk und Mirja Junge still.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
jocurt1 18.06.2010
1. So leid es mir tut, aber mir fällt dazu der Satz eines Arztes ein
Zitat von sysopFast niemand kennt die Gefahr: Infiziert sich eine Schwangere mit dem Zytomegalievirus, kann der Fötus schwere Schäden davontragen. Ein einfacher Test könnte Babys vor einer Behinderung schützen. Doch er gehört nicht zur Mutterschaftsvorsorge. Für Betroffene ein Skandal - für Mediziner ein Dilemma. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,697385,00.html
Es gibt keine Gesunden, man hat nur noch nicht genügend diagnostiziert. Ein Einzelschicksal wie dieses ist traurig. Andere Einzelschicksale bspw. von Millionen Opfern der Schlafkrankeit sind auch traurig. Das letzte verfügbare Medikament ist aus den 20ern, wird in Azeton gelöst, lässt die Patienten vor Schmerzen durchdrehen (vom Mittel) und tötet jeden vierten Patienten. Wie wäre es dann mal mit Sorge darum. Wie gesagt ich will nicht vergleichen, aber andere Probleme aus dem "blinden Fleck" holen darf ich wohl noch.
Kassander, 18.06.2010
2. Gut gemacht!
Gutes Product Placement! Alle Achtung!
chocochip, 18.06.2010
3. Man rechnet auch damit...
Zitat von sysopFast niemand kennt die Gefahr: Infiziert sich eine Schwangere mit dem Zytomegalievirus, kann der Fötus schwere Schäden davontragen. Ein einfacher Test könnte Babys vor einer Behinderung schützen. Doch er gehört nicht zur Mutterschaftsvorsorge. Für Betroffene ein Skandal - für Mediziner ein Dilemma. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,697385,00.html
"Ein einfacher Test könnte Babys vor einer Behinderung schützen." Wie pervers: Schutz durch Abtreibung? Wahrlich interessante moralische Vorstellungen. Was will die Betroffene Mutter eigentlich erreichen? Hätte sie abgetrieben? Man rechnet auch, dass jeder zweite Schwangerschaft frühzeitig beendet wird aufgrund von Infektionen und Erkrankungen de Fötus. Das geschilderte Schicksal ist traurig, aber es gibt tausende mögliche Krankheiten, die auf ein Kind übertragen werden können, sodaß es hinterher behindert ist. Soll man all diese Krankheiten rechtzeitig diagnostizieren? Sind ja alles seltene Fälle. Meine eigene Frau erkrankte im Frühstadium ihrer Schwangerschaft am Norovirus, unsere Tochter hat davon keine Probleme davongetragen. Klar hatten wir auch Befürchtungen, aber wir hätten auch eine Behinderung in Kauf genommen. Traurig finde ich eher, dass ein Behindertes Kind immer als Last gesehen wird, vor der einem die Ärzte "wenigstens" rechtzeitig hätten warnen sollen. Übrigens: Normales Lippenherpes ist extrem gefährlich für Babies, dennoch nuckeln viele Eltern die Flaschen ihrer Babies schon mal an oder geben ihnen Mundküsse. Es gibt kein Vollkaskoschutz im Leben. Was mich stört ist, dass alles und jedes in diesem Lande gleich zum großen "Skandal" aufgebauscht werden muss.
tz88ww 18.06.2010
4. Komisch
Ein kaum bekanntes Virus ?! In Heilpraktiker-Ausbildungen ist das "Virus" sehr wohl ein Thema und wird mit allen unangenehmen Folgen für Schwangere ausführlich dargestellt. Einen schönen Tag noch.
mitbürger 18.06.2010
5. Forschung, aber schnell!
Furchtbare Einzelschicksale! Hier muss unbedingt mehr geforscht werden. Zu was haben wir einen Gesundheitsminister? Anstatt immer mehr Bürokratie zu finanzieren, könnten hier gezielt universitäre Forschungsgruppen auf dieses Thema angesetzt werden. Dafür muss ein Zeitlimit gesetzt werden und Gelder fließen. Man könnte so viel besser machen an den Universitäten, aber das versteht nur jemand, der dort gearbeitet hat.
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