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Intersexualität im Sport: Wettkampf der Geschlechter

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Der Fall Caster Semenya ist das größte Kuriosum der Leichtathletik-WM. Ist die 800-Meter-Gewinnerin wirklich eine Frau? Experten warnen vor vorschnellen Schlüssen - und Diskriminierung. Gendefekte oder Hormonstörungen könnten die Ursache für das maskuline Aussehen der Sportlerin sein.

Zwitter im Sport: Männliche Heldinnen Fotos
AP

"Mein Golden Girl ist kein Mann", beteuert eine, die es - eigentlich - wissen müsste. Dorcus Semenya ist die Mutter der südafrikanischen Sportlerin Caster Semenya, die bei der Leichtathletik-WM in Berlin die Goldmedaille über 800 Meter gewann - und einen Eklat auslöste.

Ist die 18-Jährige mit dem männlichen Gesicht, den schmalen Hüften und großen Muskeln, die ihre Konkurrentinnen mit einem Zwei-Sekunden-Vorsprung im Zieleinlauf deklassierte, tatsächlich eine Frau?

"Ja", beteuerte ihre Mutter auf der Titelseite der südafrikanischen Zeitung "The Star" - das ganze Land reagierte empört auf die vom Weltverband IAAF (International Association of Athletics Federations) eingeleitete Untersuchung des Falles. Eine Chromosomenanalyse soll klären, ob Semenya männlichen oder weiblichen Geschlechts ist. Frauen tragen in ihrem Genom normalerweise zwei X-Chromosomen, Männer ein X-, und ein Y-Chromosom.

Die polnische Sprinterin, Weltrekordlerin und Olympiasiegerin Ewa Klobukowska, die bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio beim 4mal-100-Meter-Staffellauf einen Weltrekord hinlegte und ihrer Mannschaft die Goldmedaille sicherte, hatte einen entscheidenden Vorsprung vor ihren Kontrahentinnen: Sie trug zusätzlich zu ihren beiden X-Chromosomen noch ein Y-Chromosom. Als das bekannt wurde, strich der Weltleichtathletikverband Klobukowska aus den Rekordlisten.

Theoretisch könnte der Fall Semenya genauso liegen. Dann stellte sich natürlich die Frage: Warum wurde eine solche Abnormalität nie erkannt - zumal, wenn sie sich optisch relativ deutlich bemerkbar macht?

Chromosomales Geschlecht, empfundene Identität, Aussehen

Intersexualität ist allerdings nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die Gründe, sagt der Hormonspezialist Jens Jacobeit vom Endokrinologikum in Hamburg, können vielvältig sein. "Nicht jeder, der 46 Chromosomen und davon ein X- und ein Y-Chromosom besitzt, sieht auch aus wie ein Mann."

Das Phänomen der Polin Ewa Klobukowska mit ihren 47 Chromosomen und der XXY-Konstellation etwa bezeichnen Ärzte als Klinefelter-Syndrom. Es entsteht schon in der frühen Embryonalentwicklung und kommt dadurch zustande, dass sich die Geschlechtschromosomen der Eltern nicht richtig teilen.

In Deutschland leben Schätzungen zufolge rund 80.000 Jungen und Männer mit dem Klinefelter-Syndrom - neun von zehn wissen jedoch vermutlich nichts von ihrem zusätzlichen X-Chromosom. Durch Chromosomenstörung sehen die Betroffenen aus wie Männer, haben aber meist sehr kleine Hoden und einen kleineren Penis. Obwohl das Sexualleben meist nicht beeinträchtigt ist, produzieren die Männer oft nur wenig funktionstüchtige Spermien.

"Man muss klar unterscheiden zwischen dem chromosomalen Geschlecht, der empfundenen Identität und dem Aussehen", sagt Endokrinologe Jacobeit. Denn nicht nur die Gene entscheiden, wie ein Mensch aussieht, auch die Hormone wirken sich auf das Äußere aus. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron etwa zirkuliert sowohl im Blut von Männern als auch von Frauen - und ist für die Ausreifung der Geschlechtsorgane essentiell.

Nie an der eigenen Weiblichkeit gezweifelt

Wenn die Hormone allerdings nicht wirken können, entwickelt sich der Körper nicht nach dem normalen Mann-oder-Frau-Schema. Die spanische Hürdenläuferin María José Martínez Patiño etwa hätte 1985 in Kobe, Japan, nicht als Frau an den Start gehen dürfen. Denn die Sportlerin war ein Sportler. Trotzdem hatte Patiño bis zu dem genetischen Test, den die Veranstalter der Studenten-WM verlangten, nie an ihrer Weiblichkeit gezweifelt. Doch die Chromosomenanalyse ergab zweifellos: XY, männlich, disqualifiziert.

"Es gibt üppige Frauen, die extrem weiblich aussehen, aber einen männlichen Chromosomensatz haben", meint Jacobeit. Die Ursache liegt dann mitunter in der mangelnden Wirkung von Testosteron. Auch die 24-Jährige Sportlerin Patiño litt vermutlich unter einer sogenannten Androgenresistenz. Dabei sind die Rezeptoren für Testosteron an den Geschlechtsorganen defekt, so dass sie gar nicht oder nicht ausreichend für die Ausreifung der Geschlechtsorgane sorgen können. Die betroffenen Kinder sind zwar genetisch männlich, sehen aber wie Mädchen aus. Mitunter stellen die Ärzte die Diagnose schon in der Kindheit, weil sich die Hoden nicht abgesenkt haben, sondern im Bauch verblieben sind und dort zu Vorwölbungen führen können. Fällt die Störung nicht auf, bemerken die Betroffenen sie entweder in der Pubertät, weil die Menstruation ausbleibt oder wenn später ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt.

Auch in der Literatur wurde das Phänomen unlängst thematisiert: Cal, die hermaphrodite Hauptfigur aus Jeffrey Eugenides' Roman "Middlesex", wuchs als Mädchen namens "Caliope" auf, mit einem XY-Chromosomensatz. Das Enzym 5-alpha-Reduktase arbeitete nicht ausreichend, sodass Testosteron nicht in Dihydrotestosteron umgewandelt werden konnte. Dieses Hormon ist jedoch essentiell für die Ausreifung der Geschlechtsorgane. Cal erfuhr kurz vor einer Operation, die aus ihr endgültig eine Frau machen sollte, dass ihre Gene etwas anderes über sie aussagen - und entschied sich für ein Leben als Mann.

Tiefe Stimme und große Muskeln durch Anabolika

"Historisch war es ganz häufig so, dass man bei einer schwierigen Geschlechtszuordnung Patienten zu Unrecht behandelt und sie zu Frauen umoperiert hat", meint Jacobeit. "Eine neue Vagina herzustellen ist viel einfacher, als einen Penis zu formen." Heute gehe man in Deutschland mit diesen Fragen weitaus vorsichtiger um und versuche, die Betroffenen in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen - oder ihnen ihr Zwittergeschlecht zu lassen.

Hat auch Caster Semenya statt zwei X-Chromosomen vielleicht ein X- und ein Y-Chromosom? Leidet sie an einem Hormondefekt? Solange das Testergebnis, das nächste Woche erwartet wird, noch aussteht, bleibt all das reine Spekulation.

Eine Sportlerin, die eine optische Vermännlichung durch die Gabe von Anabolika erfuhr, war die DDR-Spitzenathletin Heidi Krieger. Systematisches Dopinghatte den Körper der Diskuswerferin und Kugelstoßerin stark verändert, die Testosteron-Abkömmlinge senken die Stimme, vermehren die Behaarung und vergrößern die Muskelmasse. Krieger entschied sich nach ihrer Sportlerlaufbahn zu einer Geschlechtsumwandlung - und lebt heute als Andreas Krieger.

Mit Material von dpa

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