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IQWiG-Chef Sawicki: Oberster Arzneimittelprüfer muss gehen

Von und Katrin Elger

Der Krimi um IQWiG-Chef Peter Sawicki ist zu Ende: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll der Chef des obersten Arzneimittelprüfinstituts seinen Posten räumen. Es ist ein Sieg der Klientelpolitik und der Pharmaindustrie über den Mann, der ihr lange Zeit ein Dorn im Auge war.

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Entscheidung um Peter Sawicki: Die Akteure im IQWiG-Schach
Der Vorstand der Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beriet sich vergangenen Mittwoch fast fünf Stunden lang. Am Ende stand fest, was alle erwartet und viele befürchtet hatten: Peter Sawicki, der Leiter des von der Stiftung getragenen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), muss gehen. Sein Vertrag läuft noch bis Ende August, danach wird er abgelöst. Zwar wurde die endgültige Entscheidung auf Freitag vertagt, da vorher noch der Stiftungsrat angehört werden muss. Das, verlautete aus Kreisen des Vorstands, sei jedoch eine reine Formalie. Sawickis Abgang sei besiegelt.

Sawicki und das 2004 gegründete IQWiG sind der Pharmaindustrie schon lange ein Dorn im Auge. Das Institut soll die Vor- und Nachteile medizinischer Leistungen, vor allem aber die Wirksamkeit von Arzneimitteln bewerten. Fällt eine solche Bewertung negativ aus, werden die Kosten für das Mittel oft nicht mehr von den gesetzlichen Kassen übernommen - schon eine einzige IQWiG-Entscheidung kann so für den Hersteller Verluste in mehrstelliger Millionenhöhe bedeuten.

Der Hauptgrund für Sawickis Rauswurf ist jedoch offiziell eine "Dienstwagenaffäre": Sawicki schloss 2006 und 2009 Leasing-Verträge für zwei Dienstwagen ab, einen Audi Q7 und einen Audi Q5. Dies sei ein Verstoß gegen seinen Dienstvertrag gewesen, urteilte die mit der Prüfung des Vorgangs beauftragte BDO Deutsche Warentreuhand AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Sawicki hätte zumindest zuvor den Vorstand informieren müssen.

Häme wegen "Dienstwagenaffäre" und Nepotismus-Vorwürfen

"Pharmaprüfer am Pranger" schrieb die "Frankfurter Rundschau" daraufhin. "Dienstwagenaffäre belastet Arzneimittelprüfer" die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Hämisch nannte sie Sawicki "Wiederholungstäter" und schrieb, dies mache "seinen Verbleib an der Spitze eines Instituts unmöglich, das als integrer Gegenspieler zur Pharmaindustrie fungieren soll."

Tatsächlich jedoch bleibt bei näherer Betrachtung von der Dienstwagenaffäre wenig übrig: Ein von Sawicki in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt zu dem Schluss, er habe keinesfalls gegen seinen Dienstvertrag verstoßen. Schließlich sei ihm ein Dienstwagen bei den Vertragsverhandlungen zugesichert worden, auch wenn sein Dienstvertrag diese getroffene Vereinbarung nur unzureichend und widersprüchlich wiedergebe. Alle Teilnehmer der Verhandlungen haben dies im BDO-Bericht einmütig bestätigt. Zudem standen Sawickis Dienstwagen stets ordnungsgemäß im Haushaltsplan des IQWiG, der vom Vorstand erstellt und vom Stiftungsrat genehmigt wird. Dass Sawicki einen Dienstwagen geleast hatte, war den Vorstandsmitgliedern also bekannt.

1121,40 Euro, die Sawicki zudem irrtümlicherweise vor allem für private Parkquittungen und Mautgebühren erstattet worden waren, da er seinen Dienstwagen auch privat nutzen durfte, hat er inzwischen weitgehend zurück gezahlt. Ebenso die Beträge von 10 Euro und 15,20 Euro; hierüber hatte er Quittungen für Rasenmäherbenzin eingereicht.

Auch von einem anderen Vorwurf blieb nicht viel übrig: 2007 hieß es, Sawicki habe IQWiG-Aufträge an eine Einrichtung vergeben, an der seine Ehefrau beteiligt war. Externe Wirtschaftsprüfer wurden beauftragt, die Angelegenheit zu untersuchen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es zwar formale Fehler bei der Auftragsvergabe gegeben habe, sprachen Sawicki jedoch von persönlicher Vorteilsnahme oder Begünstigung frei. Der IQWiG-Vorstand ermahnte Sawicki daraufhin, sprach ihm aber weiterhin das Vertrauen aus. 2008 gab es noch einmal Ärger: Ein IQWiG-Experte hatte zugleich die Pharmaindustrie beraten.

"Das riecht nach einer rein politischen Entscheidung"

Tatsächlich steckt viel mehr hinter Sawickis Rauswurf als Dienstwagen und Benzinquittungen. "Das riecht nach einer rein politischen Entscheidung", sagt Norbert Schmacke, Gesundheitswissenschaftler von der Universität Bremen.

Finanziert wird das IQWiG aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Über die Leitung des Instituts entscheidet laut Satzung einstimmig der Vorstand des IQWiG. Gestern saßen deshalb zwei Vertreter des GKV-Spitzenverbandes, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Georg Baum, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und Stefan Kapferer (FDP), Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, zusammen.

Schon im Koalitionsvertrag hatten Union und FDP vereinbart, die Arbeit des Instituts zu prüfen und "damit die Akzeptanz von Entscheidungen für Patienten, Leistungserbringer und Hersteller" zu verbessern. Ende November wurde dann bekannt, dass Regierungskreise sowie die von FDP-Mitglied Baum geführte DKG offenbar die Ablösung Sawickis betrieben. In einem Papier ("Kernforderungen an eine schwarz-gelbe Gesundheitspolitik") hatten sich die führenden Gesundheitspolitiker der Unionsfraktion dafür ausgesprochen, Sawicki nach Ablauf seines Vertrags durch einen industriefreundlicheren Kandidaten zu ersetzen. Auch die DKG hatte ihr Veto gegen eine Vertragsverlängerung angekündigt. Zuvor hatten sich auch die Wirtschaftsminister der Länder darauf verständigt, die IQWiG-Methodik sei nicht länger "volkswirtschaftlich hinnehmbar". Bei der Bewertung von Arzneimitteln müssten auch Kriterien wie die "Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere der heimischen pharmazeutischen Unternehmen", einfließen. Dem hatte auch der damalige Wirtschaftsminister Niedersachsens und heutige Gesundheitsminister Philipp Rösler zugestimmt.

Pharmaindustrie auf den Barrikaden

Sawicki jedoch interessieren Kriterien wie Wettbewerbsfähigkeit oder volkswirtschaftlicher Schaden nicht. Vorwürfe, er gefährde mit seinen negativen Bewertungen Arbeitsplätze, lassen ihn kalt. Er und sein Institut arbeiten alleine nach den Prinzipien der "evidenzbasierten Medizin", die die Wirksamkeit eines Medikaments ausschließlich auf der Basis wissenschaftlicher Studien beurteilt. Eine Therapie, so ein Grundsatz der evidenzbasierten Medizin, ist immer erst einmal ein Schaden, den man einem Patienten zufügt - außer es ist mit qualitativ guten Studien nachgewiesen, dass die Behandlung dem Patienten tatsächlich nützt, und dass sie besser wirkt als eine bewährte Alternative.

Schon als er noch Chefarzt der Inneren Abteilung des St. Franziskus-Hospitals in Köln-Ehrenfeld war, behandelte Sawicki seine Patienten nach diesen ehernen Prinzipien. Als IQWiG-Chef führte er im Großen fort, was er vorher schon jahrelang im Kleinen praktiziert hatte.

Oft trieb das IQWiG mit seinen Entscheidungen die Pharmaindustrie auf die Barrikaden. Etwa mit seinem Urteil zu den kurzwirksamen Insulinanaloga, die von der Pharmaindustrie mit perfektem Marketing in den Markt gedrückt wurden. Sie seien nicht besser als herkömmliches Humaninsulin, entschied das Institut. Auch die langwirksamen Insulinanaloga, die einen den Diabetes vergessen lassen sollten, bewertete das IQWiG negativ: Möglicherweise seien sie sogar krebserregend, ergab die Studie. Memantin, hunderttausendfach an Alzheimerpatienten verordnet und oft deren letzte Hoffnung? Kein Beleg für einen Nutzen bei Alzheimer-Demenz, entschied das IQWiG unter schärfstem Protest von Pharmaindustrie und Patientenvertretern. Mitunter enttäuschte das IQWiG aber auch die Krankenkassen, weil es Behandlungen für gut befand, die diese gerne nicht mehr bezahlen wollten.

Sogar international eckte Sawicki dabei mit seiner Unbeugsamkeit bei der Pharmaindustrie an. Im März vergangenen Jahres beschwerte sich der US-Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller bei der Obama-Regierung über Sawicki - allerdings ohne auf Gehör zu stoßen. "Er gibt nie auf. Er hat ein starkes Rückgrat", sagt Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg über Sawicki. So habe er es geschafft, in fünf Jahren ein Institut mit sehr gutem internationalem Ansehen aufzubauen. Auch Schmacke meint: "Es ist ganz klar: Sawicki kann man nicht kaufen."

Schaden für den Ruf des Instituts befürchtet

Ob das IQWiG auch mit einem neuen, möglicherweise pharmafreundlicheren Leiter seine Unabhängigkeit wird wahren können, ist fraglich. Laut Satzung kommt dem Institutsleiter viel Macht zu. "Die Institutsleitung verantwortet die Aufgabendurchführung des Instituts", heißt es dort klar in Paragraph sieben, Absatz fünf. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, ist besorgt: "Natürlich sehe ich die Gefahr, dass das Institut ohne Sawicki nicht mehr so unabhängig ist. Wenn man die Stärkung des Pharmastandortes Deutschland zur Aufgabe des Instituts machen würde, wäre das unvereinbar mit seiner ursprünglichen Aufgabe."

Auch international könnte dann der Ruf des Instituts Schaden erleiden. Sawicki, heißt es in einer Petition, die von 600 Ärzten unterschrieben wurde, habe als Person maßgeblich dafür gesorgt, dass das IQWiG internationale Anerkennung gewonnen habe und in seiner Reputation mittlerweile seiner britischen Vorbild-Institution NICE in keiner Weise mehr nachstehe. Sawickis Ablösung an der Spitze des IQWiG füge der internationalen Vernetzung des Institutes wie auch der deutschen medizinischen Wissenschaft insgesamt schweren Schaden zu. "Sawickis Ablösung" so der Initiator der Petition, der Bremer Allgemeinmediziner Günther Egidi, "wäre der Anfang vom Ende des IQWiG."

Inzwischen hat sogar das renommierte Fachblatt "Science" über den Fall Sawicki berichtet. Die Überschrift: " Unter feindlichem Beschuss der Pharmaindustrie".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 258 Beiträge
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1. Tja das war doch abzusehen
Klaus.G 21.01.2010
bei der "Leistung soll sich wieder lohnen" Partei FDP. Das wusste doch jeder was da kommt. Schlimm und unfassbar ist jedoch dass diese Politik unser Gesundheitssystem an die Wand fährt und die Mehrheit der Wähler das immer noch nicht merkt, sonst wäre die FDP nich bei 14%. Glückauf!
2. Es lebe die Korruption...
Osis, 21.01.2010
Deutschland eine Bananenrepublik: Wann wacht die Bevölkerung endlich auf und setzt sich gegen den Lobbyismus zur Wehr? Es wird jeden Tag bizarrer, Schwarz-Gelb will nen neuen Namen, sie möchten "christlich-liberal" genannt werden. Als ob dieses Land keine anderen Probleme hat. Ein Armutszeugnis für Deutschland, wir werden regiert im Berlusconistil: Intern zerfleischen, Probleme ignorieren oder aussitzen und Lobbys beschenken.
3. Oberster Arzneimittelprüfer muss gehen - Krimi?
Hilfskraft 21.01.2010
Leute, die im Weg stehen, werden kalt gemacht. Sorry! Kalt gestellt. Wofür haben wir denn diese Überflüssigkeit von FDP? Die agieren nur nach vorheriger Bezahlung. Krimi kann man das eigentlich nicht nennen. Das ist schon etwas mehr. Zuviel für den ehrlichen Bürger. H.
4. Gekaufte Republik
jackweil 21.01.2010
Zitat von sysopDer Krimi um IQWiG-Chef Peter Sawicki ist zuende: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll der Chef des obersten Arzneimittelprüfinstituts seinen Posten räumen. Es ist ein Sieg der Interessenpolitik und der Pharmaindustrie über den Mann, der ihr lange Zeit ein Dorn im Auge war. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,673239,00.html
[QUOTE=sysop;4877450]Der Krimi um IQWiG-Chef Peter Sawicki ist zuende: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll der Chef des obersten Arzneimittelprüfinstituts seinen Posten räumen. Es ist ein Sieg der Interessenpolitik und der Pharmaindustrie über den Mann, der ihr lange Zeit ein Dorn im Auge war. Mich wundert es nicht. In einer Republik, in der man Mehrwertsteuersenkungen kaufen kann, ist es doch nichts besonderes, das ein pharmafreundlicher Kandidat dort installiert wird, wo eine Interessengemeinschaft ihn dringend braucht. Bin mal gespannt, welche "Spendengelder" dafür geflossen sind?
5. Und?
liborum 21.01.2010
Und was überrascht daran? In D. wird nur noch Klientelpolitik betrieben - und das "doofe" Volk schaut zu und wählt beim nächsten Mal genauso. Und das ist erst der Anfang. Lieschen Müller und Otto Normalo - zieht euch warm an. Es wird für die Mehrheit eisig werden in diesem Staat.
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