"Kenn Dein Limit": Die durchwachsene Bilanz der Alkohol-Warner

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Die Anti-Alkohol-Kampagne "Kenn Dein Limit" sei ein Erfolg, sagt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Trinkgelage unter Jugendlichen würden immer seltener. Doch ein genauer Blick auf die Daten zeigt, dass die Realität nicht ganz so rosig ist.

Alkoholkonsum: Jugendliche greifen gern zur Flasche Fotos
dapd

Berlin - Seit knapp drei Jahren prangen die Plakate beinah an jeder zweiten Werbefläche: "Alkohol? Kenn Dein Limit" warnt Jugendliche vor dem Trinken: Der Führerschein geht verloren, man rasselt am nächsten Tag durch die Prüfung, wacht in seinem Erbrochenen auf oder wird sogar im Rausch vergewaltigt. Jetzt zieht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Bilanz: Direktorin Elisabeth Pott wertet die 2009 gestartete Kampagne als "großen Erfolg". Der Alkoholkonsum unter Jugendlichen sei rückläufig - und das liege zumindest zum Teil auch an der "Kenn Dein Limit"-Kampagne, sagte Pott am Montag im ZDF-"Morgenmagazin".

Doch wer einen genaueren Blick auf die Daten wirft, stellt fest, dass diese Aussage zumindest gewagt ist. In ihrer Pressemitteilung nennt die BZgA nur eine einzige Statistik: den Anteil der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren, die mindestens einmal im Monat "Rauschtrinken" praktiziert, also bei einer Gelegenheit mindestens fünf Gläser Alkohol konsumiert hätten. Das hätten 2011 nur noch 15,2 Prozent in dieser Altersgruppe getan, erklärt die BZgA. 2008 habe der Anteil noch bei 20,4 Prozent gelegen, 2004 sogar bei 22,6 Prozent.

Positive Zahlen herausgepickt

Allerdings: Der starke Rückgang des Komasaufens unter 12- bis 17-Jährigen setzte den BZgA-Daten zufolge schon 2007 ein. Ein Erfolg der 2009 begonnene "Kenn Dein Limit"-Kampagne ist also zumindest an dieser Stelle nicht ablesbar. Zudem sind andere Trends weit weniger erfreulich. Denn während der Anteil der Rauschtrinker unter den 12- bis 17-Jährigen gesunken ist, ist er unter den 18- bis 25-Jährigen im vergangenen Jahr deutlich gestiegen: Bei den männlichen Konsumenten von 49,5 auf 54,5 Prozent, bei den weiblichen von 25,9 auf 28,7 Prozent.

Das regelmäßige Trinken ist von 2010 bis 2011 sogar bei beiden Altersgruppen beliebter geworden: 39,8 Prozent der Jungen und Männer haben 2011 mindestens einmal pro Woche Alkohol getrunken (2010: 34,5 Prozent), bei Mädchen und Frauen waren es 14,2 Prozent (2010: 12,9 Prozent). Das gleiche Bild beim wöchentlichen Pro-Kopf-Konsum: Er kletterte bei den 12- bis 17-Jährigen im Geschlechterdurchschnitt von 28,8 auf 30,9 Gramm Reinalkohol pro Woche, bei den 18- bis 25-Jährigen von 75,2 auf 84,1 Gramm.

Immer mehr Jugendliche halten Alkohol für guten Stimmungsmacher

Auch bei der Frage nach der Einstellung junger Menschen gegenüber Alkohol pickt sich die BZgA in ihrer Pressemitteilung die angenehmeren Zahlen heraus: "Immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland glauben, dass maßvoller Alkoholkonsum einen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat." Stimmt, doch das sind dann auch schon die guten Nachrichten in diesem Bereich.

"Immer mehr halten einen Alkoholrausch für eine große Gesundheitsgefahr", so die BZgA. Doch das gilt allenfalls für die 12- bis 17-Jährigen. Unter den 18- bis 25-Jährigen dagegen ist der Anteil derjenigen, die einen Rausch für eine Gesundheitsgefahr halten, seit 2005 sogar leicht rückläufig. Der Aufklärungseffekt, sollte es ihn geben, scheint also nicht besonders nachhaltig zu sein.

In die gleiche Richtung weist auch eine weitere Statistik. So glaubten 2011 knapp 60 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen, dass Alkohol für gute Stimmung sorgt, wenn man mit anderen zusammen ist. Bei den Mädchen meinten das fast 54 Prozent. Seit 2001 hat sich an diesen Werten kaum etwas geändert. Inzwischen sind zahlreiche Vertreter dieser Altersgruppe bei den 18- bis 25-Jährigen angelangt - aber dem Alkohol keinesfalls weniger zugeneigt. Im vergangenen Jahr hielten 81 Prozent der 18- bis 25-jährigen Männer und 67 Prozent der Frauen Alkohol für einen guten Stimmungsmacher. Beide Werte sind seit 2001 um jeweils rund elf Prozentpunkte gestiegen.

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