Brainfood-Studie: Was für ein Kakao

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Corbis

Gut fürs Gehirn: Vielleicht zu schön, um wahr zu sein?

Klingt ja super: Kakao ist gut für die Durchblutung des Gehirns und bewahrt die Denkfähigkeiten im Alter. Das berichten US-Forscher in einer Studie. Der Haken: Eigentlich hat ihr Experiment mit 60 Senioren ihre These vollkommen widerlegt.

Das Zauberwort lautet: Flavonoide. Diese Stoffe sind in vielen pflanzlichen Lebensmitteln enthalten, unter anderem in Kakao. Weil es Hinweise darauf gibt, dass Flavonoide die Blutgefäße schützen, könnten sie auch gut fürs Gehirn sein - so die Vermutung. Schließlich benötigt das Denkorgan einen enormen Zufluss von Sauerstoff und Zucker.

Eine Forschergruppe um Farzaneh Sorond von der Harvard Medical School in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts hat untersucht, wie sich Kakaokonsum auf die geistigen Fähigkeiten von Senioren auswirkt. Im Fachmagazin "Neurology" berichten sie von dem 30-tägigen Experiment, an dem 29 Männer und 31 Frauen teilnahmen (Details zur Studie im Kasten am Artikelende).

Zwei Tassen Kakao pro Tag

Ergründen wollten die Forscher die positive Wirkung der Flavonoide mit Hilfe von zwei Probandengruppen: Die eine bekam Kakaopulver, das reich an den Pflanzenstoffen war, die andere erhielt Flavonoid-armes Kakaopulver. Pro Tag sollten die Teilnehmer zwei Tassen des mit Wasser aufgegossenen Kakaos trinken. Wer jetzt Böses wittert: Finanziert wurde die Studie von keinem Lebensmittelkonzern, sondern von staatlichen Einrichtungen. Den Kakao steuerte allerdings Mars Incorporated bei.

Am ersten, zweiten und 30. Studientag kamen die Teilnehmer für Tests ins Labor, überprüft wurden kognitive Fähigkeiten und Reaktionsgeschwindigkeit. Die Forscher ermittelten zudem, wie der Blutfluss in einer wichtigen Arterie im Gehirn anstieg, wenn die Probanden eine schwierige Aufgabe lösten. Das galt als Maß dafür, wie gut das Denkorgan auf nötige Ressourcen zugreifen kann; der Fachbegriff dafür lautet neurovaskuläre Kopplung (NVK). Ist der Blutfluss und damit die Lieferung von Sauerstoff und Glukose gestört, wirkt sich das wahrscheinlich negativ auf die kognitiven Fähigkeiten aus.

Das Ergebnis kam für die Forscher überraschend: Es war vollkommen egal, welchen Kakao die Teilnehmer getrunken hatten. Heilkraft der Flavonoide? Nicht nachweisbar!

Aus zwei Studiengruppen wird eine

Nun ist es natürlich schwer, mit einem Studientitel "Kakao-Flavonoide haben keinen Effekt auf kognitive Fähigkeiten" einen Platz in einem renommierten Fachjournal zu ergattern. Aber eine Zusammenfassung in dieser Richtung präsentieren Sorond und Kollegen auch nicht.

Sie wählten einen anderen Weg. Kurzerhand deklarierten sie beide Probandengruppen zu einer einzigen: der Gemeinschaft der Kakaotrinker. Und siehe da - beim Kakaotrinker an sich zeigte sich ein Effekt. Nein, das ist auch noch zu weit gefasst: Lediglich bei Probanden, bei denen die neurovaskuläre Kopplung zu Studienbeginn schlecht war, zeigte sich eine Veränderung. Das waren 18 der 60 Probanden. Bei diesen verbesserte sich der Blutfluss um durchschnittlich 8,3 Prozent, berichten die Wissenschaftler: "Unsere Studie zeigt, dass die neurovaskuläre Kopplung beeinflusst werden kann und durch Kakaokonsum gestärkt wird", schreiben die Forscher in "Neurology".

Dabei sollten alle Alarmglocken klingeln, wenn plötzlich aus zwei Studiengruppen eine geschmiedet wird. Schließlich dient die Gegenüberstellung von zwei Kollektiven dazu, Effekte herauszufiltern, die nichts mit der Behandlung - in diesem Fall: Kakaokonsum - zu tun haben. Beispielsweise wäre ja denkbar, dass Teilnehmer beim dritten Testdurchlauf alle etwas besser abschneiden, weil sie Übung bekommen haben oder weniger aufgeregt sind.

"Das eigentliche Studienziel wurde vollkommen verfehlt, und an dieser Stelle hätte die Arbeit enden sollen", sagt Gerd Antes, der sich am Deutschen Cochrane Zentrum mit dem Aufbau medizinischer Studien auseinandersetzt. Er bemängelt bereits die Zahl von nur 60 Probanden, mit der nur ein sehr großer Effekt statistisch sicher zu belegen sei, sowie fehlende Angaben, wie die Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. "Über meinen Schreibtisch wäre die Arbeit in der Form nicht gegangen", sagt er.

Alles tapfer wegdiskutiert

Dass es keinen Unterschied machte, wie viele Flavonoide im Kakao waren, diskutiert das US-Team indes tapfer weg. Der Kakao helfe eben auf andere Weise. Vielleicht reagiere der Körper so sensibel auf die Pflanzenstoffe, dass schon die kleine Menge im Flavonoid-armen Kakao eine Veränderung hervorgerufen habe. Oder aber es seien eben andere Substanzen im Kakao, welche den Effekt auslösen.

Vielleicht stimmt das ja. Möglicherweise könnte es sogar eine Komponente des Getränks gewesen sein, auf die die Forscher nicht eingehen: Wasser. Immerhin tranken die Probanden zwei Tassen Kakao täglich zusätzlich - und nahmen so eventuell mehr Flüssigkeit zu sich als normalerweise. Klar, das ist auch nur eine Hypothese. Und sie hat ein Problem: Sie mag zwar ebenso plausibel sein, aber sie ist natürlich weit weniger spannend. Und man könnte nicht kurz nach Veröffentlichung der Studie so schöne, wie leider auch fragwürdige Zeilen lesen wie "Kakao mit verbesserter Hirnfunktion bei einigen älteren Menschen verknüpft" (Reuters, englisch) oder gleich: "Zwei Tassen Kakao am Tag machen das Gehirn älterer Leute fitter, legt eine Studie nahe" (CBS News). Gegenüber Reuters sagt Forscherin Sorond immerhin, dass ihre Studie das keineswegs beweise, aber diese Information kommt spät und wird so im Zweifel gar nicht mehr gelesen.

Sind also die Medien schuld? Gerd Antes sieht das anders: "Die Wissenschaft informiert die Medien hier falsch." Dass eine Studie wie diese überhaupt in einem renommierten Fachmagazin veröffentlich wurde, sieht er als Symptom eines größeren Problems. Wissenschaftler, die in dieselbe Richtung forschen, würden ihre Arbeiten gegenseitig wohlwollend begutachten, anstatt auf deren Schwächen hinzuweisen. Negativ-Ergebnisse à la "Kakao hilft nicht" sind zudem nicht gern gesehen. "So werden Hypothesen weiterverfolgt, die man längst hätte abhaken können." Das schade auch der Wissenschaft.

Zumindest eine Idee wird auch in "Neurology" verworfen: "Es gab ein großes Interesse daran, (…) Flavonoide als Mittel gegen neurodegenerative Erkrankungen einzusetzen - entweder als Einzelsubstanzen oder als Lebensmittelbestandteil wie im Kakao", schreiben Paul Rosenberg von der John Hopkins School of Medicine in Baltimore und Can Ozan Tan von der Harvard Medical School in einem Begleitartikel. "Das Ergebnis dieser Pilotstudie spricht gegen diese Hypothese."

So lief die Studie ab
Teilnehmer: Das Durchschnittsalter der 60 Probanden lag bei 73 Jahren, 90 Prozent hatten Bluthochdruck, drei Viertel waren übergewichtig und mehr als die Hälfte Diabetiker. Keiner der Teilnehmer war dement.
  • Intervention: Die Hälfte der Probanden bekam Kakaopulver, das reich an den Pflanzenstoffen war (gut 600 Milligramm pro Portion). Die andere erhielt Flavonoid-armes Kakaopulver (nur 13 Milligramm pro Portion). Pro Tag sollten die Teilnehmer zwei Tassen mit Wasser aufgegossenen Kakao trinken.
    Wer welchen Kakao bekam, wussten weder die Forscher, die die Tests durchführten, noch die Teilnehmer ("doppelblind").
    Auf sonstige Schokolade sollten die Teilnehmer während der Studienzeit verzichten. Außerdem waren sie angehalten, rund 200 Kilokalorien täglich weniger zu verzehren, um die mit dem Kakao aufgenommene Energie auszugleichen.
Das wurde getestet: Am ersten, zweiten und 30. Studientag wurden mehrere Tests durchgeführt, mit denen die kognitiven Fähigkeiten und die Reaktionsgeschwindigkeit der Teilnehmer überprüft wurden.
Die Forscher ermittelten zudem, wie der Blutfluss in einer wichtigen Arterie im Gehirn anstieg, wenn die Probanden eine schwierige Aufgabe lösten. Das galt als Maß dafür, wie gut das Denkorgan auf nötige Ressourcen zugreifen kann; der Fachbegriff dafür lautet neurovaskuläre Kopplung (NVK). Ist der Blutfluss und damit die Lieferung von Sauerstoff und Glukose gestört, wirkt sich das wahrscheinlich negativ auf die kognitiven Fähigkeiten aus.
Bei einem Teil der Probanden untersuchten die Forscher zusätzlich per MRT, ob es im Gehirn geschädigte Bereiche gab.

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1. wertlose Erkenntnis
zila 09.08.2013
Geringe Dosierung, kurze Dauer und wenigStudienteilnehmer, so kann man halt nur sagen, das Pulverkakao kein Nootrop ist.
2. Mitnichten ein Negativ-Ergebnis
noalk 09.08.2013
Die Wirkung des an Flavonoiden armen Kakaos dürfte darauf beruhen, dass einmal Flavonoide enthalten waren und diese vor ihrer Entfernung die in ihnen enthaltene Information an andere Kakaobestandteile weitergegeben haben. Offenbar ist dieser Kakao also für homöopathische Anwendungen geeignet.
3. Unwissenschaftlicher Humbug
najrezterk 09.08.2013
Das übliche Prozedere eines großen Teils medizinischer Studien. Man nehme eine, in der Regel viel zu kleine Anzahl an Probanden. Ignoriere ihre Vorbelastungen, respektive spezifischen Einzelmerkmale. Führe eine Studie, basierend auf einer Hypothese- und sei sie noch so abstrus. das "Ergebnis" ergibt sich aus der Kaffesatzleserei des Studienleiters. Un dhoppla - schon hat der "Finanzier" der Studie sein Ergebnis! Mit Wissenschaft hat das imho nichts zu tun. Leider ist aber auch der größte Teil der Mediziner eben nicht wissenschaftlich qualifiziert. Eine dreimonatige Doktorarbeit während des noch nicht abgeschlossenen Studiums hat i.d.R. nicht einmal den Wert einer Semesterarbeit in einem der MINT Fächer.
4. Nur weil staatliche
Therapeut2013 09.08.2013
Stellen die Studie bezahlen, muss sie ja nicht neutral sein. Die Lobby ist auf allen Seiten aktiv. Das ist ihr Sinn.
5. Nicht nachweisbar
Pung Sunglung 09.08.2013
Dass ein Effekt mit dem vorliegenden Studienaufbau nicht statistisch signifikant nachweisbar ist, heisst noch nocht, dass er nicht existiert.
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