Kampf gegen Polio: Neuer Impfstoff schützt besser vor Kinderlähmung

Die Ausrottung der Kinderlähmung rückt näher: Ein neuartiger Lebendimpfstoff ist deutlich effektiver als bisherige, berichten Mediziner. Indien meldete Erfolge bei der Polio-Bekämpfung. Weltweit gab es 2009 aber mehr als 700 Fälle.

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Schluckimpfung in Afghanistan: "Signifikant bessere Immunantwort"

London/Berlin - Der Kampf gegen Polio wird schon seit Jahrzehnten geführt. Bislang ist es Medizinern jedoch nicht gelungen, die Viren auszurotten, obwohl schon seit den sechziger Jahren eine Impfung verfügbar ist. Neue Hoffnung macht nun ein neues Lebendvakzin, das zugleich gegen zwei Virus-Typen wirkt.

Vom Polio-Erreger, ein sogenanntes Enterovirus, gibt es drei verschiedene Typen. Typ 2 ist mittlerweile ausgerottet, die Typen 1 und 3 tauchen aber immer noch in Ländern wie Pakistan, Nepal oder Angola auf. In solchen Ländern mit schlechter medizinischer Infrastruktur wird als Vakzin Lebendimpfstoff verwendet, weil er problemlos als Schluckimpfung verabreicht werden kann. Bislang waren dabei Einfach-Vakzine oder Dreifach-Vakzine üblich, die gegen einen oder alle drei Virustypen wirken.

Forscher haben nun im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO einen neuen Doppel-Impfstoff in einer Studie mit 830 Kindern in Indien untersucht. Die Ergebnisse überzeugen: Es gebe eine "signifikant bessere Immunantwort", schreiben Roland Sutter und seine Kollegen im Fachblatt "The Lancet". Das neue Vakzin sei eine potente Waffe, um das Virus auszurotten. "Der Hauptvorteil ist, dass es so effektiv gegen Typ 1 und Typ 3 wirkt", sagte Sutter.

Der Erreger der Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz Polio) befällt vor allem die motorischen Nervenzellen im Rückenmark. Sie sind für die Kontrolle der Muskulatur zuständig. Bei einer Erkrankung kann es zu Lähmungen kommen, etwa an Armen und Beinen. Auch die Atmung kann betroffen sein. Polio kann tödlich enden.

Rückschlag in WHO-Region Europa

Eine Schutzimpfung wird in Deutschland weiterhin für Kinder empfohlen, dazu eine Auffrischung im Jugendalter. Hierzulande werden seit 1998 keine Lebendvakzine mehr eingesetzt, um das Risiko einer durch den Impfstoff ausgelösten Polio-Erkrankung zu vermeiden.

Weltweit ist die Zahl der neuen Polio-Fälle nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) gesunken - von 1165 im Jahr 2009 auf 717 im Jahr 2010. Von Ausbrüchen betroffen waren unter anderem Pakistan, Nepal, Angola, der Tschad und die Demokratische Republik Kongo. Erfolge bei der Polio-Bekämpfung erzielte Indien. Hier sanken die registrierten Erkrankungszahlen von 431 Fällen im Jahr 2009 auf 39 Fälle 2010.

Einen Rückschlag im Kampf gegen die Kinderlähmung gab es in der sogenannten WHO-Region "Europa", die bis weit nach Asien reicht. Das erste Mal seit 1998 traten hier wieder Poliofälle auf, sagte die RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Aus Indien eingeschleppt, verbreiteten sich die Viren über Tadschikistan bis in die Russische Föderation und auch nach Turkmenistan und Kasachstan.

Insgesamt gab es demnach in der Region 475 gemeldete Patienten, die meisten in Tadschikistan. 19 von ihnen starben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert die Gesundheitsregion Europa bis an die Grenze Chinas. Der letzte einheimische Polio-Fall in Deutschland trat im Jahr 1990 auf, berichtete Glasmacher weiter. Es ist aber weiter möglich, dass die Krankheit von Reisenden eingeschleppt wird.

hda/dpa/Reuters

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