Wissenschaft

"Katrina"-Spätfolgen

Infarktrisiko in New Orleans noch heute verdreifacht

Der Hurrikan "Katrina" liegt fast sechs Jahre zurück - und beeinträchtigt die Gesundheit der Menschen noch immer. In New Orleans liegt das Herzinfarktrisiko dreimal höher als vor der Katastrophe. Ärzte sind überrascht: Sie hatten längst mit einer Normalisierung der Lage gerechnet.

Montag, 04.04.2011   12:41 Uhr

Als der Hurrikan "Katrina" im August 2005 New Orleans traf, wurden große Teile der Stadt geflutet, Tausende Menschen mussten aus ihren zerstörten Häusern fliehen. Bis heute hat sich die Metropole im US-Bundesstaat Louisiana nicht vollständig von der Naturkatastrophe erholt: Sie beeinträchtigt weiterhin die Gesundheit der Einwohner, wie eine Studie ergeben hat.

Anand Irimpen, Kardiologe der Southeast Louisiana Veterans Health Care Systems, hat Daten des Tulane University Hospitals in New Orleans ausgewertet. Dabei stellte er fest, dass der Anteil der Herzinfarktpatienten vier Jahre nach dem Hurrikan dreimal so hoch war wie vor der Katastrophe. 2003 wurden 150 von 21.230 Patienten mit einem Herzinfarkt eingeliefert worden, 2009 waren es 629 von 29.230, berichtete Irimpen auf einem Forschertreffen des American College of Cardiology. Das entspricht einer Steigerung von 0,7 auf 2,2 Prozent.

Ähnliche Zahlen hatte der Mediziner bereits 2007, also zwei Jahre nach "Katrina", präsentiert. Dass das Risiko weiterhin hoch ist, überrascht den Mediziner und seine Kollegen: "Wir hatten eigentlich erwartet, dass nach vier Jahren ein Abwärtstrend einsetzt."

Ständiges Leben in improvisierten Unterkünften

Die klassischen Risikofaktoren für einen Infarkt - Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht - scheinen dabei kaum eine Rolle zu spielen. Dass sich die Lebenssituation vieler Bürger seit dem Hurrikan kaum verbessert hat, sieht der Kardiologe dagegen als eine der Hauptursachen für die gleichbleibend hohe Infarktrate. "Viele Patienten konnten noch immer nicht in die Häuser zurückkehren, die sie vor dem Hurrikan bewohnt haben. Sie leben in Unterkünften, die sie nicht ihr Eigen nennen - bei Verwandten oder in improvisierten Siedlungen", sagte Irimpen. "Sie haben keine neue Anstellung gefunden und sind nervlich zu sehr belastet, um sich um ihre Gesundheit zu kümmern."

Stattdessen steige das Risiko, dass sie rauchen und Alkohol oder Drogen konsumieren. Auch der Anteil der Patienten ohne Krankenversicherung sei nach "Katrina" gestiegen, hatten die Ärzte festgestellt.

Psychische Leiden wie Depressionen und Angststörungen seien eine weitere mögliche Ursache für die höhere Zahl der Herzinfarkte. Irimpen betont, man solle mehr auf die Opfer von Naturkatastrophen achten, da die Folgen solcher Ereignisse sonst auch nach sehr langer Zeit zu spüren seien - und eventuell sogar an die folgende Generation weitergegeben würden. Er schlägt vor, nach Naturkatastrophen mobile Apotheken und Trainingsräume aufzustellen, damit sich die Betroffenen weiterhin um ihre Gesundheit kümmern können.

wbr

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