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Kindergesundheit: 1,1 Millionen Vorschüler haben Sprachprobleme

Katastrophe oder Hysterie? Jedes dritte Kind in Deutschland wird wegen Sprachproblemen behandelt, Jungen sind öfter betroffen als Mädchen - das ergibt ein neuer Report der größten Krankenkasse Barmer GEK. Logopäden fordern frühere Diagnosen - aber nicht gleich mehr Therapie.

Kindergesundheit: 1,1 Millionen Kinder haben Sprachprobleme Fotos
dapd

Hamburg - Der Plins heiratet die Plinsessin. Und dann tüssen sie sich - wie lang ist Kindersprech noch niedlich und ab wann ein Fall für den Sprachtherapeuten? Laut dem Arztreport 2012 der Barmer GEK wird mittlerweile bei jedem dritten Kind im Vorschulalter eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt. Insgesamt seien innerhalb eines Jahres 1,12 Millionen Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren betroffen.

Die Frage, wann die Sprachprobleme eines Kindes behandelt werden müssen, ist umstritten. Reagieren Eltern und Kinderärzte mittlerweile zu sensibel auf Auffälligkeiten bei den Jüngsten? Mediziner mahnen, dass katastrophale Entwicklungen auch herbeigeredet werden. Genau das sei der Denkfehler, sagt Margarete Feit, Referentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie. Die Sprachtherapeuten fordern seit langem, dass Kinder mit Entwicklungsstörungen früher behandelt werden: "Je später man versucht, fehlerhafte Strukturen zu beheben, desto schwerer wird es."

Dabei haben Jungs offenbar öfter Probleme mit Aussprache, Wortwahl und Betonung: 38 Prozent der Sechsjährigen haben laut dem Barmer-Report derartige Schwierigkeiten, bei Mädchen beträgt der Anteil 30 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Behandlung: 20 Prozent aller fünfjährigen Jungen erhalten eine Logopädie-Verordnung, dagegen nur 14 Prozent der gleichaltrigen Mädchen.

Zu frühe Einschulung eine Ursache für Sprachprobleme

Damit nicht gleich mit einem Großaufgebot an Therapie auf Sprachprobleme eines Kindes reagiert würde, sollte es Kinderärzten möglich sein, vom Logopäden erst einmal einen Befund erstellen zu lassen - derzeit geht dies nur inklusive einer Therapieverordnung. "So wäre es möglich, bei dem betroffenen Kind genau zu differenzieren, ob eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt oder nur eine Sprachauffälligkeit, die durch ein gutes Sprachumfeld oder eine geeignete Sprachförderung behoben werden kann", sagt Feit.

Die Regelung per frühzeitigem Befund könnte den Kinderärzten die Sorge nehmen, dass ihr kleiner Patient überbehandelt wird. "Auf der anderen Seite könnten Kinder, die wirklich eine Therapie brauchen, auf diese Weise früher entdeckt und in kürzerer Zeit erfolgreich behandelt werden", sagt Feit.

Für Therapien beim Logopäden zahlt die Barmer GEK - rund zehn Prozent aller Deutschen sind in der Kasse versichert - jährlich rund 70 Millionen Euro. Auf alle Kassen hochgerechnet komme so ein Betrag von knapp unter einer Milliarde Euro zusammen, sagt Barmer-GEK-Vizechef Rolf-Ulrich Schlenker.

Neue Diagnosen könnten auch Modeerkrankungen sein

Wie Sprachentwicklungsstörungen findet sich laut Report auch das Zappelphilipp- Syndrom, auch bekannt als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), überdurchschnittlich häufig bei Jungen: Fast jeder zehnte Neunjährige geht zum Neurologen oder Psychiater, 60 Prozent davon mit der Diagnose ADHS. Zum Vergleich: Bei neunjährigen Mädchen sind es sechs Prozent, davon rund 40 Prozent mit ADHS-Diagnose.

Auffällig ist laut der Studie auch, dass mehr als elf Prozent aller Kinder bis 14 Jahren unter der Hautkrankheit Neurodermitis leiden. Bei Kindern unter vier Jahren seien es sogar rund 16 Prozent. Besonders häufig sind ostdeutsche Kinder betroffen.

Die Kasse selbst will nicht ausschließen, dass es sich bei den neuen Diagnosen auch um "Modekrankheiten" handeln könnte. Verstärkte Aufmerksamkeit von Eltern, Erziehern und Ärzten könnten mit der auffällig hohen Zahl von Diagnosen durchaus zu tun haben. "Und vermutlich treiben die begrüßenswert hohen Vorsorgeraten diese Diagnosen zusätzlich nach oben", sagt Schlenker.

Und mutmaßt, dass Probleme mit der Sprachentwicklung auch auf ein immer früheres Schuleintrittsalter zurückzuführen sein könnten. In Baden-Württemberg, wo er herkomme, würden Kinder erst mit fast sieben Jahren und nicht, wie etwa in Berlin, schon mit fünfeinhalb eingeschult. In Schwaben seien Sprachstörungen bei Schulanfängern jedenfalls seltener, sagt Schlenker.

Eine Sprech- oder Sprachstörung wird nicht durch organische oder mentale Störungen verursacht. Sie liegt vor, wenn ein Kind nicht in der Lage ist, kurze, vollständige Sätze mit angemessenen Worten zu bilden oder zu verstehen. Seit 2004 hat dieses Krankheitsbild nach Aussage der Wissenschaftler um rund 20 Prozent zugenommen.

nik/dpa

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