Untersuchungsbericht: Ex-Chefarzt betrog bei medizinischen Studien
Er machte Tests an Patienten, ohne sie zu informieren: Ein ehemaliger Chefarzt am Klinikum Ludwigshafen hat bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen gegen Richtlinien verstoßen und sogar Angaben gefälscht. Der Fall kam durch aufmerksame Leser ins Rollen.
Ludwigshafen - Ein Verdacht auf breit angelegten Wissenschaftsbetrug am Klinikum Ludwigshafen hat sich einem Untersuchungsbericht zufolge bestätigt. Ein früherer Chefarzt hat demnach bei mindestens zehn Publikationen die wissenschaftlichen Standards missachtet. Nach fast eineinhalbjährigen Nachforschungen legte eine vom Klinikum eingesetzte Kommission am Mittwoch ihren Bericht vor.
Die Fachleute haben 91 Veröffentlichungen untersucht und fanden bei allen Verstöße. Patienten seien nicht zu Schaden gekommen. Doch vollständig sind die Ergebnisse nicht. Das Klinikum in Rheinland-Pfalz hatte den Arzt 2010 entlassen. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal ermittelt wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Betrug und Urkundenfälschung. Die Klink prüfe derzeit, ob sie zivilrechtliche Schritte einleite, sagte Geschäftsführer Joachim Stumpp.
Dem Bericht zufolge wurden 503 Patienten und Probanden identifiziert, die für Studien des Ex-Chefanästhesisten herhalten mussten. Er habe sie beispielsweise bei Herzoperationen mit Medikamenten behandelt, die Reaktionen beobachtet und sie für seine Veröffentlichungen genutzt. Die Arzneien waren zwar nach Erkenntnis der Kommission alle zugelassen, doch wurden die Patienten vorher nicht gefragt - was vorgeschrieben ist. Auch Proben von Blutspendern seien ohne deren Kenntnis für Tests verwendet worden.
Die tatsächliche Zahl der betroffenen Patienten dürfte noch höher liegen, räumte der Vorsitzende der Untersuchungskommission des Klinikums, der Heidelberger Professor Eike Martin, ein. Doch seien für den Großteil der untersuchten Studien die Unterlagen nicht mehr auffindbar.
Zu keiner der 91 Arbeiten gab es den Angaben zufolge eine Zustimmung der bei der Landesärztekammer angesiedelten Ethikkommission. In mindestens zehn Fällen seien außerdem Hinweise darauf gefunden worden, dass wissenschaftliche Standards missachtet wurden - Zahlen waren gefälscht und manipuliert, etwa zum Alter der Patienten. Untersucht wurden Studien, die zwischen 1999 und 2011 veröffentlicht wurden. Wegen weiterer Studien habe es in Gießen Ermittlungen gegen den Arzt gegeben, die eingestellt worden seien, sagte Martin.
Das Klinikum hatte den Arzt entlassen, nachdem die Betrugsvorwürfe im November 2010 laut geworden waren. Leser der Fachzeitschrift "Anesthesia & Analgesia" hatten sich über eine Studie zum Blutplasma-Ersatzmittel HES beschwert. Im Rahmen des folgenden Skandals verließen auch zwei Oberärzte die Klinik. Insgesamt zogen 16 medizinische Fachzeitschriften Artikel zurück.
chs/dpa
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