Untersuchungsbericht: Ex-Chefarzt betrog bei medizinischen Studien

Er machte Tests an Patienten, ohne sie zu informieren: Ein ehemaliger Chefarzt am Klinikum Ludwigshafen hat bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen gegen Richtlinien verstoßen und sogar Angaben gefälscht. Der Fall kam durch aufmerksame Leser ins Rollen.

Klinikum Ludwigshafen (November 2010): Untersuchungsbericht vorgelegt Zur Großansicht
dpa

Klinikum Ludwigshafen (November 2010): Untersuchungsbericht vorgelegt

Ludwigshafen - Ein Verdacht auf breit angelegten Wissenschaftsbetrug am Klinikum Ludwigshafen hat sich einem Untersuchungsbericht zufolge bestätigt. Ein früherer Chefarzt hat demnach bei mindestens zehn Publikationen die wissenschaftlichen Standards missachtet. Nach fast eineinhalbjährigen Nachforschungen legte eine vom Klinikum eingesetzte Kommission am Mittwoch ihren Bericht vor.

Die Fachleute haben 91 Veröffentlichungen untersucht und fanden bei allen Verstöße. Patienten seien nicht zu Schaden gekommen. Doch vollständig sind die Ergebnisse nicht. Das Klinikum in Rheinland-Pfalz hatte den Arzt 2010 entlassen. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal ermittelt wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Betrug und Urkundenfälschung. Die Klink prüfe derzeit, ob sie zivilrechtliche Schritte einleite, sagte Geschäftsführer Joachim Stumpp.

Dem Bericht zufolge wurden 503 Patienten und Probanden identifiziert, die für Studien des Ex-Chefanästhesisten herhalten mussten. Er habe sie beispielsweise bei Herzoperationen mit Medikamenten behandelt, die Reaktionen beobachtet und sie für seine Veröffentlichungen genutzt. Die Arzneien waren zwar nach Erkenntnis der Kommission alle zugelassen, doch wurden die Patienten vorher nicht gefragt - was vorgeschrieben ist. Auch Proben von Blutspendern seien ohne deren Kenntnis für Tests verwendet worden.

Die tatsächliche Zahl der betroffenen Patienten dürfte noch höher liegen, räumte der Vorsitzende der Untersuchungskommission des Klinikums, der Heidelberger Professor Eike Martin, ein. Doch seien für den Großteil der untersuchten Studien die Unterlagen nicht mehr auffindbar.

Zu keiner der 91 Arbeiten gab es den Angaben zufolge eine Zustimmung der bei der Landesärztekammer angesiedelten Ethikkommission. In mindestens zehn Fällen seien außerdem Hinweise darauf gefunden worden, dass wissenschaftliche Standards missachtet wurden - Zahlen waren gefälscht und manipuliert, etwa zum Alter der Patienten. Untersucht wurden Studien, die zwischen 1999 und 2011 veröffentlicht wurden. Wegen weiterer Studien habe es in Gießen Ermittlungen gegen den Arzt gegeben, die eingestellt worden seien, sagte Martin.

Das Klinikum hatte den Arzt entlassen, nachdem die Betrugsvorwürfe im November 2010 laut geworden waren. Leser der Fachzeitschrift "Anesthesia & Analgesia" hatten sich über eine Studie zum Blutplasma-Ersatzmittel HES beschwert. Im Rahmen des folgenden Skandals verließen auch zwei Oberärzte die Klinik. Insgesamt zogen 16 medizinische Fachzeitschriften Artikel zurück.

chs/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jaja, die Mühlen mahlen langsam....
StuggieWoogie 08.08.2012
...nicht nur entlang des Rheins.
2. Es wäre interessant...
artusdanielhoerfeld 08.08.2012
...zu erfahren, was dieser "Arzt" jetzt tut. Arbeitet er in einem anderen Klinikum? Hat er sich mit eigener Praxis niedergelassen? Oder lebt er von der zusammengerafften Kohle in Saus und Braus?
3. Wie wär's mit Namen?
zerr-spiegel 09.08.2012
Namen wären nicht verkehrt, damit man weiß, wo man nicht mehr hingehen darf. Klinikum LU ist ja jetzt hoffentlich sauber, nachdem die drei weg sind. Aber wo sind die hin und wie heißen die?
4. .
TS_Alien 09.08.2012
Medizinische Studien entsprechen in vielen Fällen nicht den üblichen Kriterien von wissenschaftlichen Arbeiten. Wie auch, wenn viele Mediziner nie gelernt haben, wissenschaftlich zu arbeiten. Denn bereits die medizinische Doktorarbeit ist im Vergleich zu anderen Fächern ein Witz. Sowohl, was den Aufwand betrifft als auch den Inhalt. Wer dann noch fälscht, Patienten belügt und eventuell schädigt, ... dem sollte die medizinische Zulassung entzogen werden. Wenn nicht nach diesen Vorkommnissen, wann denn sonst?
5. Immer diese Verallgemeinerungen
karhu1 09.08.2012
Zitat von TS_AlienMedizinische Studien entsprechen in vielen Fällen nicht den üblichen Kriterien von wissenschaftlichen Arbeiten. Wie auch, wenn viele Mediziner nie gelernt haben, wissenschaftlich zu arbeiten. Denn bereits die medizinische Doktorarbeit ist im Vergleich zu anderen Fächern ein Witz. Sowohl, was den Aufwand betrifft als auch den Inhalt. Wer dann noch fälscht, Patienten belügt und eventuell schädigt, ... dem sollte die medizinische Zulassung entzogen werden. Wenn nicht nach diesen Vorkommnissen, wann denn sonst?
1. Der Chefarzt wusste sicherlich ganz genau was er tat. Damit ist ER kriminell. 2. Medizinische Studien entsprechen den Anforderungen an medizinischen Studien, ja und? 3. In D ist eine Doktorarbeit schell geschrieben, in anderen Laendern braucht man dafür allerdings mehr Zeit. Es wird unterschieden zwischen MD und PhD. Trotzdem koennen beide wissenschaftlich arbeiten. Also? 4. Promotionen in MINT Faechern, Jura usw. sind auch haeufig nicht so dol oder glauben Sie, dass hier jeder einen Nobel-Preis-Winner verfasst?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Medizin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare